23.09.2022 / Ausland / Seite 7

Aufträge aus Kiew erwartet

Rüstungskonferenz im texanischen Austin. Generalmajor a. D. wirbt um Kriegsgerät für Ukraine

Jürgen Heiser

Ein breites Bündnis der US-Antikriegsbewegung hatte aufgerufen: Am Mittwoch wurde im texanischen Austin mit einer Kundgebung vor einer US-Rüstungskonferenz der National Defense Industrial Association (NDIA) protestiert. »Stoppt die Milliarden für Kriegsgewinnler« und »Nein zum Stellvertreterkrieg der USA/NATO gegen Donbass und Russland« lauteten die zentralen Parolen.

Als besondere Provokation nahm das Bündnis die ursprünglich geplante Teilnahme des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij wahr, der am Mittwoch vormittag zusammen mit Verteidigungsminister Olexij Resnikow per Videozuschaltung live vor den Militärs und Rüstungsmanagern sprechen sollte. Der Vorstand der NDIA hatte noch kürzlich vollmundig vor der Presse erklärt, Selenskij habe sich »bereits virtuell an den US-Kongress und die NATO-Verbündeten gewandt, aber eine direkte Ansprache vor der US-Verteidigungsindustrie« sei »beispiellos«. Doch Kiews Machthaber überließen den Job Generalmajor Wolodimir Hawrilow. Der Militär, der seit dem Eintritt in den Ruhestand in den USA lebt und für den US-Thinktank »Jamestown Foundation« arbeitet, erklärte die Abwesenheit der beiden Politiker mit dem Hinweis auf »die russische Teilmobilmachung«.

Die jährlich stattfindende dreitägige »Future Force Capabilities Conference and Exhibition« der NDIA über die »zukünftigen Fähigkeiten der Streitkräfte« bietet den Rüstungsschmieden Gelegenheit, ihre neuesten Produkte vorzuführen und zu bewerben. In diesem Jahr wurden vor allem Aufträge aus Kiew erwartet. Kriegswichtige Unternehmen wie Raytheon Technologies, Lockheed Martin und General Dynamics stellen den Vorsitz der NDIA. Das Protestbündnis wirft ihnen vor, sich angesichts der »bereits rekordverdächtigen Kriegsausgaben für den Stellvertreterkrieg in der Ukraine« weitere lukrative Aufträge zu sichern.

Die »Veterans for Peace« verwahrten sich gegen die Aufforderung, »unser Leben und das Leben unserer Kinder für die Erweiterung der NATO zu opfern«. Niemand solle mehr »für die immensen Rekordgewinne der Geschäftemacher des Todes« sterben, erklärte die Organisation von früheren US-Kriegsteilnehmern.

In seiner etwa halbstündigen Rede bedankte sich Hawrilow bei den anwesenden Militärs und Vertretern der Rüstungskonzerne für die Waffenlieferungen, die sein Land bisher aus den USA erhalten habe. Das US-Verteidigungsministerium unterstütze die Ukraine sehr und verstehe die Herausforderungen, mit denen sein Land konfrontiert sei. Nun habe es »den Anschein«, so der Sprecher Kiews, dass die Versammelten »eine Wende bei der Bereitstellung größerer Unterstützung einleiten« würden.

Im Einklang mit der aktuellen NATO-Sprachdiktion bezeichnete Hawrilow »die Mobilmachung von Präsident Putin« als »Verzweiflungstat«. Sie bedeute, »dass wir uns dem Ende des russischen Imperiums nähern«. Mit Putins »heutiger Ankündigung sind wir der politischen Entscheidung in Washington, D. C., näher gekommen, dass wir es verdienen, mit F-15- oder F-16-Kampfflugzeugen ausgestattet zu werden«, um die sein Land »seit Monaten bettelt«. Er forderte die US-Rüstungsindustrie auf, »Ausbildung und Unterstützung zu leisten«.

Die Ukraine verstehe, dass die US-Waffenindustrie »schwierige Zeiten in bezug auf Lieferketten habe und darauf, die Produktion schnell hochzufahren«. Aber gebraucht würden jetzt vor allem »Kamikazedrohnen und Panzerabwehrraketen mit größerer Reichweite als die derzeit verwendeten«, betonte Hawrilow. Dieser Krieg könne »nur durch technologische Überlegenheit gewonnen werden«. Außerdem forderte er Ausrüstung und Kleidung. Der Winter sei »eine Gelegenheit für die Ukraine«. Ein Aktivist der »Veterans for Peace«, der anonym bleiben wollte, kommentierte gegenüber jW, Hawrilow verdränge »offensichtlich die Erfahrungen, die Napoleon und die faschistische deutsche Wehrmacht in ihren Winterfeldzügen gegen Russland machen mussten«.

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