23.09.2022 / Schwerpunkt / Seite 3

»Das ist kein Bluff«

Die Putin-Rede zur Teilmobilmachung im Wortlaut

Am Mittwoch hat der russische Präsident Wladimir Putin in einer vom Fernsehen übertragenen Ansprache die Teilmobilmachung der Streitkräfte verkündet. Wir dokumentieren seine Rede im vollen Wortlaut. (jW)

Verehrte Freunde!

Ich will Ihnen heute über die Situation im Donbass und den Stand der militärischen Spezialoperation zur Befreiung des Donbass von dem neonazistischen Regime berichten, das 2014 im Zuge eines bewaffneten Staatsstreichs die Macht in der Ukraine ergriffen hat.

Ich wende mich an Sie, alle Bürger unseres Landes, Menschen verschiedener Generationen, verschiedener Altersstufen und Nationalitäten, an das ganze Volk unseres großen Russlands, an alle, die das große historische Russland vereint, an Soldaten und Offiziere, an die Kriegsfreiwilligen, die jetzt an der Front kämpfen und dort ihren Mann stehen, an unsere Brüder und Schwestern – die Bewohner der Volksrepubliken Donezk und Lugansk, der Gebiete Cherson und Saporoschje sowie der anderen vom neonazistischen Regime befreiten Gegenden.

Ich werde Ihnen erläutern, welche notwendigen und unaufschiebbaren Schritte zur Verteidigung der Souveränität, Sicherheit und territorialen Integrität Russlands erforderlich sind, ich werde Ihnen berichten über die Unterstützung des Strebens unserer Landsleute, selbst ihre Zukunft zu bestimmen, und über die aggressive Politik eines Teils der westlichen Eliten, die mit allen Mitteln ihre Vorherrschaft aufrechtzuerhalten versuchen, die versuchen, das Aufkommen jedes souveränen selbständigen Zentrums der Entwicklung zu blockieren, damit sie auch weiterhin anderen Ländern und Völkern in grober Weise ihren Willen aufzwingen und ihre Pseudowerte implantieren können.

Das Ziel dieses Westens besteht darin, unser Land zu schwächen, zu spalten und schließlich zu zerstören. Sie reden schon offen davon, dass sie 1991 die Sowjetunion zerschlagen haben, und dass jetzt der Moment gekommen sei, dasselbe mit Russland zu wiederholen: dass Russland zerfallen müsse in eine Vielzahl von miteinander verfeindeten Regionen und Gebieten.

Sie sind schon lange dabei, solche Pläne auszubrüten. Sie haben Banden internationaler Terroristen auf den Kaukasus losgelassen, sie haben Offensivinfrastruktur der NATO direkt bis an unsere Grenzen vorgeschoben. Sie haben eine totale Russophobie zu ihrem Werkzeug gemacht, sie haben über Jahrzehnte Hass auf Russland gezielt geschürt. Das gilt vor allem für die Ukraine, aus der sie einen antirussischen Vorposten gemacht haben, wobei sie das ukrainische Volk als Kanonenfutter für einen Krieg gegen unser Land vorgesehen haben. Diesen Krieg haben sie schon 2014 entfesselt, indem sie die Armee gegen die Zivilbevölkerung losgeschickt haben, indem sie einen völkermörderischen Terror gegen Menschen entfesselt haben, die sich weigerten, die aus dem Staatsstreich hervorgegangene Regierung zu akzeptieren.

Nachdem das heutige Kiewer Regime faktisch öffentlich der Idee einer friedlichen Lösung des Donbass-Problems eine Absage erteilt hatte und, mehr noch, von seinen Ambitionen auf Atomwaffen gesprochen hatte, war es völlig klar geworden, dass ein neuer, ein weiterer großangelegter Angriff auf den Donbass, wie sie ihn schon zweimal versucht hatten, unausweichlich war. Und danach wäre genauso unausweichlich der Angriff auf die russische Krim, also auf Russland, gefolgt.

Das war der Kontext, in dem die Entscheidung über eine präventive Militäroperation absolut zwangsläufig war und die einzig mögliche Option blieb. Das Hauptziel dieser Operation ist und bleibt die Befreiung des gesamten Donbass.

Die Volksrepublik Lugansk ist schon praktisch vollständig von den Neonazis gesäubert. In der Volksrepublik Donezk halten die Kämpfe noch an. Hier hat das Kiewer Besatzungsregime über acht Jahre hinweg eine tiefgestaffelte Linie auf Dauer ausgerichteter Befestigungen geschaffen. Wenn wir versucht hätten, diese Linie frontal zu stürmen, wäre das nicht ohne schwere Verluste abgegangen. Deshalb handeln sowohl unsere Einheiten als auch die der Volksrepubliken des Donbass absolut planmäßig, klug und unter Einsatz von Technik, sie schonen ihren Personalbestand und befreien die Donezker Erde Schritt für Schritt, säubern sie Dorf für Dorf und Stadt für Stadt von den Neonazis, helfen den Menschen, aus denen das Kiewer Regime seine Geiseln gemacht hat, seinen lebendigen Schutzschild.

Sie wissen, dass an der militärischen Spezialoperation auf unserer Seite professionelle Militärs beteiligt sind, die als Zeitsoldaten dienen. Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen auch Freiwilligenformationen: Menschen verschiedener Nationalitäten, Berufe und Altersstufen, in einem Wort: wirkliche Patrioten. Sie sind aus innerer Überzeugung für die Verteidigung Russlands und des Donbass in die Bresche gesprungen.

Deshalb habe ich die Regierung und das Verteidigungsministerium angewiesen, innerhalb kürzester Zeit den Rechtsstatus der Freiwilligen und der Kämpfer der Einheiten der Volksrepubliken Donezk und Lugansk zu klären. Er muss künftig derselbe sein wie bei den russischen Berufssoldaten, und das gilt auch für die materielle und medizinische Versorgung sowie die sozialen Garantien für die Kämpfer. Besondere Aufmerksamkeit muss der Organisation der Versorgung der Freiwilligenverbände und der Einheiten der Volksmilizen des Donbass mit Technik und Waffen gewidmet werden.

Im Zuge der Erfüllung der Hauptaufgaben zur Verteidigung des Donbass haben unsere Truppen auf Grundlage der Pläne und Beschlüsse des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs zur Gesamtstrategie auch große Teile der Gebiete Cherson und Saporoschje sowie etliche weitere Kreise von den Neonazis befreit. Die Folge war, dass eine Frontlinie von inzwischen über 1.000 Kilometern Länge entstanden ist.

Was möchte ich heute erstmals öffentlich aussprechen? Als die militärische Spezialoperation bereits begonnen hatte und wir in Istanbul mit der Ukraine verhandelten, haben die Vertreter Kiews auf unsere Vorschläge durchaus positiv reagiert, und diese Vorschläge betrafen die Gewährleistung der Sicherheit Russlands, unserer Interessen. Aber eine Friedenslösung hätte dem Westen nicht ins Konzept gepasst, deshalb hat man von dort, nachdem wir schon bestimmte Kompromisse ausgehandelt hatten, Kiew die Anweisung erteilt, alle diese Verhandlungsergebnisse zu zerstören.

In der Folge haben sie die Ukraine noch mehr mit Waffen vollgepumpt. Das Kiewer Regime hat neue Banden ausländischer Söldner und Nationalisten in Bewegung gesetzt, Militäreinheiten, die nach NATO-Standards ausgebildet waren und faktisch unter dem Kommando westlicher Berater standen.

Gleichzeitig hat die Ukraine im Innern die Repressalien gegen ihre eigenen Bürger nochmals verschärft, die sie bereits nach dem bewaffneten Umsturz von 2014 in Gang gesetzt hatte. Diese Politik der Einschüchterung, des Terrors und der Gewalt nimmt immer massenhaftere, schrecklichere und barbarischere Formen an.

Ich möchte betonen, dass wir wissen, dass die Mehrheit der Menschen, die auf den von den Neonazis befreiten Territorien leben – und dabei handelt es sich vor allem um die historischen Gebiete von Neurussland – nicht unter dem Joch des neonazistischen Regimes leben wollen. Sie sehen in Saporoschje, im Chersoner Land, in Lugansk und Donezk die Grausamkeiten, die die Neonazis in den von ihnen eroberten Teilen des Gebiets Charkow anrichten. Die Erben der Bandera-Leute und der faschistischen Repressionstruppen ermorden Menschen, sie foltern, werfen ins Gefängnis, sie vollziehen persönliche Abrechnungen, üben Rache und treiben mit der Zivilbevölkerung ihr blutiges Spiel.

Vor Beginn der Kämpfe lebten in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk, in den Gebieten Saporoschje und Cherson über 7,5 Millionen Menschen. Viele von ihnen mussten die Flucht ergreifen und ihre Heimat verlassen. Wer aber geblieben ist – das sind etwa fünf Millionen Menschen – wird heute durch die Neonazisoldateska ständig mit Artillerie und Raketen beschossen. Sie bombardiert Krankenhäuser und Schulen, verübt Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung.

Wir können diese uns nahestehenden Menschen nicht diesen Henkertypen zum Fraß vorwerfen, wir können ihr tiefempfundenes Streben, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, nicht ignorieren. Die Parlamente der Volksrepubliken des Donbass, aber auch die zivil-militärische Verwaltung der Gebiete Cherson und Saporoschje haben deshalb entschieden, Referenden über die Zukunft dieser Gebiete abzuhalten, und haben uns, Russland, gebeten, diesen Schritt zu unterstützen.

Ich möchte hier unterstreichen, dass wir alles tun werden, damit diese Referenden in Sicherheit stattfinden können, damit die Menschen ihren Willen kundtun können. Und wir werden diejenige Entscheidung akzeptieren und unterstützen, die die Mehrheit der Bewohner der Volksrepubliken Donezk und Lugansk sowie der Gebiete Cherson und Saporoschje fällen wird.

Verehrte Freunde!

Heute stehen unsere Streitkräfte, wie ich schon sagte, entlang einer Frontlinie mit einer Länge von über 1.000 Kilometern, und sie stehen dort nicht nur den Neonaziformationen der Ukraine gegenüber, sondern faktisch der gesamten Militärmaschinerie des kollektiven Westens.

In dieser Situation halte ich es für notwendig, folgende Entscheidung zu treffen, die den Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind, in vollem Umfang entspricht: zur Verteidigung unseres Vaterlandes, seiner Souveränität und territorialen Integrität, für die Sicherheit unseres Volkes und der Menschen in den befreiten Territorien dem Vorschlag des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs zu folgen und in der Russländischen Föderation eine Teilmobilmachung vorzunehmen.

Ich will es noch einmal wiederholen: Es geht um eine Teilmobilisierung, das heißt, nur solche Bürger werden zum Militärdienst einberufen werden, die gegenwärtig in der Reserve stehen, und unter ihnen vor allem diejenigen, die in den russischen Streitkräften gedient haben und die eine Reihe von militärischen Qualifikationen und militärische Erfahrung besitzen.

Die Einberufenen werden, bevor sie in ihre Einheiten geschickt werden, auf jeden Fall eine zusätzliche militärische Ausbildung bekommen, in der die Erfahrungen der militärischen Spezialoperation zu berücksichtigen sind.

Der Erlass über die Teilmobilmachung ist bereits unterzeichnet. Wie es das Gesetz vorsieht, werde ich heute die beiden Kammern der Föderalversammlung – die Staatsduma und den Föderationsrat – offiziell über diesen Beschluss informieren. Die Mobilisierung beginnt heute, am 21. September. Ich beauftrage die Chefs der Regionen, den Wehrersatzbehörden alle erforderliche Unterstützung zu gewähren.

Besonders möchte ich betonen, dass diejenigen Bürger Russlands, die jetzt aufgrund der Mobilisierung ihren Militärdienst antreten, denselben Status, denselben Sold und dieselben sonstigen Sozialleistungen erhalten werden wie unsere professionellen Zeitsoldaten.

Der Erlass über die Teilmobilmachung umfasst auch zusätzliche Maßnahmen, damit staatliche Rüstungsaufträge erfüllt werden. Die Leiter der Betriebe der Verteidigungsindustrie sind unmittelbar dafür verantwortlich, dass die Aufgaben hinsichtlich der erhöhten Produktion von Waffen und Militärtechnik erfüllt und zusätzliche Produktionskapazitäten erschlossen werden. Alle Fragen der materiellen und finanziellen Absicherung der Verteidigungsunternehmen sowie der Ressourcenzuteilung wird die Regierung unverzüglich lösen.

Verehrte Freunde!

Der Westen hat in seiner aggressiven antirussischen Politik jedes Maß verloren. Unser Land und unser Volk werden ständig verbal bedroht. Einige verantwortungslose westliche Politiker reden sogar davon, der Ukraine weitreichende Angriffswaffen zu liefern – Systeme, die es erlauben würden, Ziele auf der Krim und in anderen russischen Regionen anzugreifen.

Solche Terrorangriffe werden, unter anderem unter Nutzung westlicher Waffen, bereits gegen grenznahe Ortschaften in den Gebieten Belgorod und Kursk durchgeführt. Die NATO-Aufklärung spioniert unter Nutzung moderner Technik, von Flugzeugen, Schiffen, Satelliten und strategischen Drohnen, schon jetzt den Süden unseres Landes in Echtzeit aus.

In Washington, London und Brüssel wird Kiew direkt angestiftet, den Krieg auf unser Gebiet zu tragen. Sie machen kein Geheimnis mehr daraus, dass sie Russland unter Nutzung aller verfügbaren Mittel eine Niederlage auf dem Schlachtfeld beibringen und es anschließend seiner politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und überhaupt jeder Souveränität berauben und unser Land komplett ausplündern wollen.

Nicht einmal vor atomarer Erpressung schrecken sie zurück. Ich habe dabei nicht nur die vom Westen gebilligten Angriffe auf das Atomkraftwerk Saporoschje im Auge, die eine atomare Katastrophe auslösen können. Es gibt Äußerungen bestimmter hochgestellter Vertreter von NATO-Staaten über die Möglichkeit und Zulässigkeit, gegen Russland Massenvernichtungswaffen einzusetzen – auch atomare.

Denjenigen, die sich an die Adresse Russlands derartige Erklärungen erlauben, will ich hier in Erinnerung rufen, dass auch unser Land über verschiedene schlagkräftige Waffensysteme verfügt und dass sie in einigen Komponenten auch moderner sind als diejenigen, über die die NATO verfügt. Sollte die territoriale Integrität unseres Landes bedroht werden, werden wir nicht zögern, zur Verteidigung Russlands und unseres Volkes alle Mittel einzusetzen, die uns zur Verfügung stehen. Das ist kein Bluff.

Sie, die Bürger Russlands, können überzeugt sein: Die territoriale Integrität unseres Vaterlandes, unsere Unabhängigkeit und Freiheit werden wir, ich möchte das noch einmal unterstreichen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Und diejenigen, die uns mit Atomwaffen zu erpressen suchen, müssten wissen, dass sich der Wind auch einmal in ihre Richtung drehen kann.

Es gehört zu unserer historischen Tradition, dass wir diejenigen stoppen, die nach Weltherrschaft streben, die drohen, unser Vaterland, unsere Heimat zu zerteilen und zu versklaven. Das werden wir auch jetzt tun, da können Sie sicher sein.

Ich glaube an Ihre Unterstützung.

Quelle: www.kremlin.ru

Übersetzung: Reinhard Lauterbach

https://www.jungewelt.de/artikel/435231.dokumentiert-das-ist-kein-bluff.html