21.09.2022 / Thema / Seite 12

»Habt ihr Geld mitgebracht?«

Vor 130 Jahren wurde Georg Zwilling geboren. Der KPD-Bürgermeister der hessischen Kleinstadt Mörfelden widersetzte sich zu Beginn der 1930er Jahre den Notverordnungen

Christine Wittrock

Mörfelden-Walldorf ist eine kleine Stadt in Südhessen, vor etwa 40 Jahren bekannt geworden durch die Kämpfe gegen die Startbahn West zur Erweiterung des Frankfurter Flughafens. Bereits 1978 hatte sich dort eine Bürgerinitiative gegründet. Ein Volksbegehren gegen den Bau der neuen Startbahn war abgelehnt worden, und der Kampf eskalierte. Zehntausende waren damals bei den Demonstrationen, die zum Teil militant geführt wurden. Aber es wurde auch phantasievoll gekämpft: 1981 war auf dem umstrittenen Gelände eine Walduniversität gegründet worden. Sie sollte informieren über die ökologischen Folgen der geplanten Startbahn und über ökonomische Alternativen. Auch ein Hüttendorf war errichtet worden, das schließlich Ende 1981 bei einem brutalen Polizeieinsatz geräumt wurde. Die Staatsmacht musste einen 2,5 Meter hohen Betonzaun errichten, um das riesige Gelände für die Bauarbeiten zu sichern. Im November 1981 demonstrierten nochmals mehr als 120.000 Menschen gegen die Startbahnpläne in der Landeshauptstadt Wiesbaden. Vergeblich. Der Kampf ging verloren. Die Startbahn West ist längst gebaut.

Rotes Maurerdorf

Aber der Ort Mörfelden kennt noch eine andere Geschichte vom Volksaufstand. In Mörfelden, heute Teil von Mörfelden-Waldorf, wurde am 21. September 1892 Georg Zwilling geboren, der später der erste KPD-Bürgermeister von Hessen werden sollte.

Mörfelden war damals kein Bauerndorf mehr, sondern ein Arbeiterwohnort. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts pendelten die Einwohner in die umliegenden Städte nach Frankfurt am Main, Mainz und Darmstadt. Viele arbeiteten im Baugewerbe; Mörfelden galt als »Maurerdorf«. Auch Georg Zwilling kam aus einer Arbeiterfamilie und machte noch im Kaiserreich eine Lehre zum Maurer. Ende des Ersten Weltkrieges finden wir ihn beim Frankfurter Arbeiter- und Soldatenrat und bei der USPD. Danach gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der KPD in Mörfelden.

Wie fast überall im Süden von Hessen war hier die Arbeiterbewegung stark. In den 1920er Jahren entwickelte sich in Mörfelden eine breite Arbeiterkultur: Arbeitersportverein, Naturfreunde sowie SPD und KPD bestimmten das Leben im Ort. Auch eine Freidenkergemeinde entstand und arbeitete an der in der Weimarer Verfassung postulierten Trennung von Kirche und Staat.

Allerdings gab es in der Weimarer Republik keinen radikalen Bruch mit der bisherigen Verbundenheit von Thron und Altar. Die Kirchen und allen voran die Zentrumspartei waren bestrebt, Macht und Einfluss auf die öffentlichen Schulen zu erhalten. Der kurzfristig im Amt befindliche USPD-Kultusminister Adolph Hoffmann konnte sich nicht durchsetzen, und so blieb auch diese Reform in Halbheiten stecken. Kein Wunder also, dass sich auf örtlicher Ebene immer wieder Konflikte zwischen Pfarrern und Lehrern oder zwischen Schulaufsicht und Kommune ergaben. In Mörfelden entzündete sich 1929 ein Streit um das morgendliche Schulgebet: Fortschrittliche Freidenker-Lehrer wollten es abschaffen. Schon Jahre zuvor hatte die Schulbehörde versucht, einen von ihnen loszuwerden: Peter Klingler, der spätere SPD-Bürgermeister Mörfeldens, war der Obrigkeit ein Dorn im Auge und sollte 1924 zwangspensioniert werden. Dagegen erhob sich ein gewaltiger Protest. Auf mehreren großen Versammlungen mit mehr als tausend Mörfelderinnen und Mörfeldern – der Ort hatte damals knapp 4.500 Einwohner – wurde beschlossen, eine Delegation zum Landesamt für Bildungswesen nach Darmstadt zu senden und eine Protestresolution zu überreichen, an ihrer Spitze Georg Zwilling.

In der Resolution hieß es: »Die heute (10. November 1924; C. W.) abends in Mörfelden auf dringendes Verlangen der Bevölkerung von den unterzeichneten Organisationen zusammengerufenen Protestversammlungen von 1.200 Einwohnern verlangen von der Regierung, dass die Zwangspensionierung ihres Lehrers Klingler sofort rückgängig gemacht wird. Die Einwohnerschaft sieht in dem Vorgehen gegen Klingler eine Herausforderung der Arbeiter- und Freidenkervereinigung. Sie ist entschlossen, alle Mittel anzuwenden, um diese Forderung durchzusetzen.«¹ Aber die Behörde zeigte sich unnachgiebig. Daraufhin beschlossen die Einwohner Mörfeldens einen Schulstreik und wählten im nächsten Jahr den zwangspensionierten Lehrer Klingler zu ihrem Bürgermeister.

Viele Menschen traten während der Weimarer Republik aus der Kirche aus. Allerdings wendete sich 1933 das Blatt. Befriedigt notierte der Pfarrer in der lokalen Kirchenchronik, dass die Zahl der Wiedereintritte in die Kirche zugenommen habe. Er führte das, sicher realistisch, auf den politischen Umschwung zurück. Die Eisenbahner zum Beispiel fürchteten als Kirchengegner ihre Stelle zu verlieren. Unter den Wiedereingetretenen war auch der »frühere Freidenkerführer und erbitterte Kirchenfeind Lehrer Peter Klingler.« Was Klingler dazu bewog, wissen wir nicht. Es ist wohl so, wie Ilja Ehrenburg einst notierte: »Die einen Aufrührer wurden später, wie es so zu gehen pflegt, brav oder farblos, die anderen (…) starben jung, die dritten trugen die Leidenschaft jener Jahre ungeschmälert durchs ganze Leben.«²

Ein eigenes Haus

Die beeindruckendste Leistung der Mörfelder Arbeiterbewegung ist die Errichtung eines eigenen »Volkshauses«. Im Januar 1924 gründeten Kommunisten, Sozialdemokraten und andere einen Verein zur Verwirklichung dieses Vorhabens. Der Vorsitzende war Georg Zwilling. Man hatte mit zahllosen Schwierigkeiten zu kämpfen, konnte aber schließlich im April 1930 das Volkshaus den Arbeiterfamilien und ihren Organisationen zur Verfügung stellen. Es wurde reichlich genutzt: für Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen, Sommernachtsfeste und Versammlungen. Nur der örtliche Pfarrer grollte und vermerkte in der Kirchenchronik: »Die Ausmaße des Hauses sind dreimal so groß wie die unseres Gemeindehauses.«³

Im Oktober 1929 kam es zur schwersten ökonomischen Krise, die der Kapitalismus bis dahin erlebt hatte. In Folge der Weltwirtschaftskrise ging die industrielle Produktion in Deutschland um fast die Hälfte, die landwirtschaftliche Produktion um etwa ein Drittel zurück. Die Krisenjahre waren gekennzeichnet von Massenarbeitslosigkeit, Kurzarbeit und der Not der Landbevölkerung. Der zum Zentrum gehörende Reichskanzler Heinrich Brüning regierte mit Notverordnungen: Erhöhung der Steuern, Herabsetzung der Löhne und immer wieder Kürzungen der Arbeitslosen- und Wohlfahrtsunterstützung waren die Substanz dieser Politik, die als Politik der »Hungernotverordnungen« in die Geschichte einging.

In dieser Zeit, im November 1931, wurde der Kommunist Georg Zwilling zum Bürgermeister von Mörfelden gewählt. Der Pfarrer notierte dazu in der Kirchenchronik: »Die Sensation dieses Jahres bildet die Bürgermeisterwahl. Mörfelden stellt den ersten hessischen kommunistischen Bürgermeister. Auf diesen zweifelhaften Ruhm war es sehr stolz!«⁴

Sozialabbau verweigert

Auch in Mörfelden hatte sich die Lage der Erwerbslosen von Jahr zu Jahr verschlechtert: Von den ca. 1.500 Erwerbslosen war mehr als die Hälfte ohne jede Unterstützung. Zwilling weigerte sich deshalb, die Notverordnungen durchzuführen. Statt dessen wurde eine Reihe sozialer Maßnahmen im Gemeinderat beschlossen:

»1. Die Erwerbslosen-, Krisen- und Wohlfahrtsunterstützungsempfänger erhalten für ihre Kinder unter drei Jahren pro Kopf und Tag einen Liter Milch auf Kosten der Gemeinde.

2. Die Grundgebühr für das Wassergeld wird für die Dauer der Unterstützung erlassen.

3. Es gibt Mietunterstützung für Unterstützungsempfänger in Neubauwohnungen von acht Mark für die dreiköpfige Familie, von zwölf Mark für die vier- bis fünfköpfige Familie, von 16 Mark für größere Familien.

4. Alle Unterstützungsempfänger erhalten zwei Meter Holz aus dem Gemeindewald und einen Zentner Kohle pro Familie und Woche.

5. Beschäftigungslose Gewerbetreibende erhalten Wohlfahrtsunterstützung.

6. Es gibt Wohlfahrtsunterstützung für alle ledigen Arbeitslosen von drei Mark unter 17 Jahren, von fünf Mark bis 20 Jahren und nach dem allgemein üblichen Richtsatz über 20 Jahre.«⁵

Darüber hinaus wurde die Einführung der Getränkesteuer ebenso abgelehnt wie die Eintreibung der Notverordnungssteuern. Der Bürgermeister erklärte öffentlich, dass er auf den Teil seines Gehaltes verzichtet, der 300 Mark übersteigt.

Zur Beschaffung der Mittel unternahm der Gemeinderat mit Bürgermeister Zwilling an der Spitze einige Vorstöße beim Kreisamt Groß-Gerau und bei der Regierung in Darmstadt. Es gelang ihnen schließlich 6.000 Mark bei der Regierung bewilligen zu lassen. Unter dem Druck der Bevölkerung stimmte der Gemeinderat den Anträgen des Kommunisten Zwilling zu:

»1. Der Bürgermeister wird beauftragt, sich mit allen Stromabnehmergemeinden der HEAG, Darmstadt (Hessische Eisenbahn-Aktiengesellschaft; C. W.) in Verbindung zu setzen und eine Aktion gegen den Strompreiswucher einzuleiten.

2. Da die Schule keinen Turnsaal besitzt, wird mit dem Volkshaus ein Mietvertrag zur Überlassung des Turnsaals an die Kinder abgeschlossen.

3. Die kostenlose Schulkinderspeisung (Frühstück) wird für alle Erwerbslosen durchgeführt.

4. In den Gemeindewohnungen wird ein Mieterlass durchgeführt von acht Mark für drei Köpfe, zehn Mark für fünf Köpfe und 16 Mark für größere Familien pro Monat.

5. Ab sofort gibt es die kostenlose Benutzung der örtlichen Brausebäder für alle Unterstützungsempfänger.

6. Der in der vierten Notverordnung der Regierung festgelegte zehnprozentige Lohnabbau wird durch die Gemeinde Mörfelden nicht durchgeführt.

7. Die Gemeindewiesenpacht wird bis auf 30 Prozent ermäßigt.«⁶

Die Mörfelder Bevölkerung stand hinter ihrem Bürgermeister Georg Zwilling, was sich auch in den Wahlergebnissen zeigte.

Die Staatsmacht beharrte indes auf der Durchführung der Notverordnungspolitik. Am 1. Februar 1932 meldete sich das Kreisamt in Groß-Gerau telefonisch und verlangte die sofortige Einführung aller Notverordnungsbestimmungen. Zwilling lehnte ab. Nach einem weiteren Ultimatum beschloss die hessische Regierung, alle der Gemeinde zustehenden Gelder einzubehalten. Regierungsrat Dr. Wolf begründete die Maßnahme damit, dass die Gelder »unsachlich« verwendet würden. Bürgermeister Zwilling erwiderte, dass die Stadt Groß-Gerau allein der Konservenfabrik Helvetia zuvor 20.000 Mark Steuern geschenkt habe.

Politik der Aushungerung

Nun begann die Aushungerung Mörfeldens durch das Kreisamt Groß-Gerau und die hessische sozialdemokratische Koalitionsregierung. Vier Wochen ließ die Regierung 400 Familien ohne jede Unterstützung. Die Erbitterung wuchs.

Zu allem Unglück erlitt Bürgermeister Zwilling, der für seine Amtsgeschäfte und als Redner in ländlichen Gebieten stets mit seinem Motorrad unterwegs war, im Februar 1932 einen schweren Verkehrsunfall. Er musste ins Friedberger Krankenhaus eingeliefert werden. Der Beigeordnete Wilhelm Bitsch vertrat ihn. Er forderte vom Kreisamt in Groß-Gerau erneut die Zahlung der Unterstützungsgelder und erklärte, nicht eher nach Mörfelden zurückzukehren, bis er die Gelder in den Händen habe. Daraufhin ließ man Bitsch festnehmen und vor das Amtsgericht schleppen, wo man ihm erklärte, er habe keine Geschäfte für Mörfelden zu erledigen. Empört kehrte Bitsch zurück und berichtete der Bevölkerung: »Ich lasse mir mein Amt nicht mit Gewaltmethoden nehmen. Ich habe das Amt von den Werktätigen von Mörfelden erhalten und behalte es so lange, bis die Werktätigen mich abberufen.«⁸

Im Demonstrationszug geleitete die Bevölkerung nun den Beigeordneten Bitsch zur Bürgermeisterei. Unmittelbar danach stoppte ein Wagen aus Groß-Gerau vor dem Rathaus: Regierungsrat Dr. Wolf und ein weiterer Beamter, der als Staatskommissar eingesetzt werden sollte, verließen das Fahrzeug. Nun kam es zum regelrechten Volksaufstand: Weit über tausend Menschen hatten sich vor dem Rathaus versammelt. Die Kirchenglocken läuteten Sturm. Die Beamten wurden mit Beschimpfungen und Steinwürfen empfangen. Die inzwischen aufmarschierte Polizei war machtlos. Die ­Frauen riefen: »Habt ihr Geld mitgebracht? Sonst macht, dass ihr aus Mörfelden herauskommt.« Nur mit Mühe wurden die erregten Frauen ­zurückgehalten, die mit grenzenloser Wut gegen die Gummiknüppel und Revolver der Polizei vorgingen und im Begriff waren, sich auf die beiden Regierungsbeamten zu stürzen. Das Rathaus wurde besetzt und verbarrikadiert. Auf dem Dach flatterte die rote Fahne im Wind.

Regierungsrat Dr. Wolf erklärte schließlich: Es gibt sofort Geld, wenn der Staatskommissar ins Rathaus eingelassen wird. Es stellte sich aber heraus, dass nur für fünfzig Familien Geld da war. Die Bevölkerung lehnte ab. Immer wieder ertönte der Ruf »Hinaus mit den Hungerverordnern aus Mörfelden!« Mehrere Überfallkommandos der Polizei mit schussbereiten Karabinern besetzten daraufhin die Szene und versuchten, die Bevölkerung auseinanderzutreiben. Das Rathaus wurde beschossen. Schließlich gelang es der Polizei, die Menschen in die Nebenstraßen abzudrängen. Die Polizeikommandos waren mittlerweile auf 200 Mann angewachsen, die sich in der örtlichen Schule einrichteten. Der Ort wurde abgeriegelt, es herrschte Belagerungszustand. Man traktierte die Bevölkerung mit Hausdurchsuchungen und Ausgangssperren. Mehr als 70 Mörfelder wurden verhaftet.

Das rücksichtslose Vorgehen der hessischen Regierung in Mörfelden wirkte sich auch auf andere Gemeinden aus. Im Nachbarort Egelsbach setzte man einige Monate später lieber auf Wohlverhalten. Auch hier gab es große Empörung über die immer wieder gekürzten Arbeitslosen- und Wohlfahrtsunterstützungen. Und wie zuvor in Mörfelden beschloss auch hier der Gemeinderat, die Notverordnungen nicht durchzuführen. SPD-Bürgermeister Heinrich Anthes sprach dagegen, konnte sich aber nicht durchsetzen; selbst seine eigene Fraktion votierte gegen ihn. Daraufhin erklärte Anthes, er würde sich an den Gemeinderatsbeschluss nicht halten. Wohl wissend, was passieren kann, wenn man sich der Staatsmacht widersetzt und die Mörfelder Ereignisse im Blick, beließ man es in Egelsbach bei dem rein symbolischen Beschluss gegen die Notverordnungen.⁹

Berichterstattung verboten

Der Mörfelder Volksaufstand aus den Märztagen des Jahres 1932 wurde in ganz Deutschland bekannt, obwohl linke Tageszeitungen, die darüber berichteten, umgehend verboten wurden. So wurde etwa die kommunistische Tageszeitung Tribüne vom Oberpräsidenten von Sachsen mit der Begründung verboten, die Berichterstattung über Mörfelden versetze die sächsische Bevölkerung in Unruhe.

Die Geschichte zeigt, dass die Gemeinderäte und Bürgermeister keinen großen Handlungsspielraum besaßen, sondern sich im Sinne der Staatsmacht nur als verlängerter Arm der Repression betätigen konnten. Agierten sie anders, etwa zugunsten der notleidenden Bevölkerung, die ihnen ja das Mandat erteilt hatte, so wurden ihnen sehr schnell mit Brachialgewalt die Grenzen ihrer Befugnisse deutlich gemacht.

Georg Zwilling wurde kurz nach diesen Ereignissen, im Juni 1932, noch Abgeordneter der KPD im Hessischen Landtag, freilich nicht für lange Zeit; denn bald waren die Faschisten die neuen Herren im Staat.

Michael Denk, damals Leiter im Kommunistischen Jugendverband, erinnerte sich an den faschistischen Anfang 1933 in Mörfelden: »Mörfelden war die rote Hochburg und die Faschisten mieden Mörfelden bis zum 23. Februar 1933. Unter dem Schutz der Polizei wurde der erste Einmarsch der Nazis Wirklichkeit. Zu einem Zusammenstoß kam es nicht, jedoch die ›Internationale‹ der Zuschauer übertönte das ›Horst-Wessel-Lied‹ der marschierenden SA.«¹⁰ Und in der Kirchenchronik vermerkte der Pfarrer: »Am 8. März weht zum ersten Mal auf unserm Rathaus die Hakenkreuzfahne (…). Einige Wochen hindurch lag eine Abteilung Hilfspolizei im Ort, das Rathaus wurde bewacht.«¹¹

Im Volkshaus, das die Mörfelder Arbeiterbewegung mit vielen Opfern und Anstrengungen errichtet hatte, regierte nun die Reaktion: Die Faschisten feierten dort im Herbst 1934 ein pompöses Erntedankfest nebst Übertragung einer Hitler-Rede; und der Pfarrer hielt dazu die Predigt – im Braunhemd.¹²

Viele Mörfelder wurden verhaftet, 60 bis 70 Einwohner brachte man gleich zu Beginn des Faschismus ins KZ Osthofen bei Worms. Auch Georg Zwilling wurde Ende März 1933 festgenommen und bis Mai 1933 in Osthofen festgehalten. Danach brachte man ihn ins Gerichtsgefängnis nach Frankfurt am Main. Er wurde wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« angeklagt, im September 1933 aber aus Mangel an Beweisen vom Reichskammergericht in Leipzig freigesprochen. Die Befreiung vom Faschismus erlebte er nicht mehr. Er starb am 5. November 1944 auf der Heimfahrt nach Mörfelden bei einem Tieffliegerangriff in der Nähe der holländischen Grenze.

Anmerkungen
1 Rudi Hechler (Hg.): Die Stadtfarbe ist rot. Berichte aus der Arbeiter- und Sportgeschichte Mörfeldens, Mörfelden 1976, S. 47

2 Ilja Ehrenburg: Menschen, Jahre, Leben. Autobiographie, München 1962, S. 180

3 Das Mörfelder Volkshaus, DKP Mörfelden-Walldorf, https://www.dkp-mw.de/public/books/volkshaus.pdf

4 Rudi Hechler (Hg.): Die Stadtfarbe ist rot, a. a. O., S. 56

5 Ebd., S. 59 f.

6 Ebd., S. 60

7 Ebd.

8 Ebd., S. 61

9 Christine Wittrock: Egelsbach in politisch bewegter Zeit 1914–1950, Frankfurt am Main 1991, S. 97

10 Rudi Hechler (Hg.): Die Stadtfarbe ist rot, a. a. O., S. 69

11 Ebd.

12 Groß-Gerauer Kreisblatt, 2.10.1934, zit. n. Das Mörfelder Volkshaus, a. a. O.

Christine Wittrock ist Historikerin. Sie schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Juni 2022 über die lokalen Reaktionen der Arbeiterbewegung auf die Ermordung Walther Rathenaus.

Wahlergebnisse in Mörfelden 1932: ⁷

(die drei stärksten Parteien)

Wahl des Reichspräsidenten (13. März 1932)

Ernst Thälmann (KPD): 1.737

Paul von Hindenburg (Kandidat von SPD u. bürgerlichen Parteien): 850

Adolf Hitler (NSDAP): 264

Wahlen zum Hessischen Landtag (19. Juni 1932)

KPD: 1.253

SPD: 353

NSDAP: 329

Wahlen zum Reichstag (6. November 1932)

KPD: 1.541

SPD: 463

NSDAP: 392

https://www.jungewelt.de/artikel/435129.habt-ihr-geld-mitgebracht.html