16.07.2022 / Ansichten / Seite 6

Mauerbau zu Bali

G20-Treffen der Finanzminister

Jörg Kronauer

Mit einem fast verzweifelten Appell eröffnete Indonesiens Finanzministerin Sri Mulyani Indrawati am Freitag auf Bali das Treffen mit ihren G20-Amtskollegen: »Baut Brücken, keine Mauern!« Bei dem Event, das an diesem Sonnabend endet, geht es um Existentielles: um die drohende Zuspitzung der globalen Hungerkrise; um die astronomischen Öl- und Gaspreise, die ganz besonders die Ärmsten treffen; um die bedrohlich werdende Inflation – alles gravierende Probleme, die dringend »Kooperation und Konsens« erforderlich machten, wie Sri Mulyani Indrawati eindringlich betonte. Erzielten die G20-Finanzminister keine Fortschritte, dann wären »die Folgen für die Welt und für viele Länder mit niedrigem Einkommen katastrophal«.

In der Tat: Die Lage entwickelt sich dramatisch. Verschlechtere sich der Lebensstandard, greife gar noch mehr Hunger um sich, dann drohten vor allem in ärmeren Ländern schwere Unruhen, warnte die Ministerin. Verschärfend komme hinzu, dass sich knapp zwei Drittel der Staaten mit niedrigem Einkommen auf dem Weg in eine drastische Schuldenkrise befänden. WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala wies am Freitag auf Bali darauf hin, man könne zu allem Überfluss nicht ausschließen, dass die reichen Staaten den ärmeren Ländern die knapper werdenden Nahrungsmittel vor der Nase wegkauften, so wie unlängst noch die Covid-19-Vakzine. Bei Energieträgern geschieht das schon: Einige Länder wie Pakistan oder Bangladesch leiden heute unter Strommangel, weil Europa höhere Preise für Flüssiggas zahlen kann und sich auch für Südasien vorgesehene Lieferungen schnappt.

Die Antwort des Westens auf Sri Mulyani Indrawatis Appell? Mauern bauen, den Druck auf Russland verstärken. US-Finanzministerin Janet Yellen forderte auf Bali erneut den Ausschluss der russischen Delegation. Ihre kanadische Amtskollegin Chrystia Freeland verstieg sich gar zu der Behauptung, die nach Bali gereisten russischen Finanzbeamten seien persönlich für Kriegsverbrechen verantwortlich. Letztere würden zwar von Militärs begangen – doch dass der Krieg fortdauere, das ermöglichten bekanntlich »Wirtschaftstechnokraten«. Leute also wie Yellen, die sich in den US-Notenbankhierarchien Schritt für Schritt nach oben arbeitete, während US-Militärs im Irak und in Afghanistan wüteten? Nun ja.

Yellens einziger Vorschlag zur Sache war eine reine Provokation: die Einführung eines Preisdeckels auf russisches Öl – etwas, wofür es bei den nichtwestlichen G20-Staaten keine Aussicht auf Zustimmung gibt. Konstruktive Beiträge aus dem Westen zur Lösung der Hunger-, der Energie- sowie der Schuldenkrise? Fehlanzeige. Dass es auf Bali nicht einmal eine gemeinsame G20-Abschlusserklärung geben werde, galt am Freitag als ausgemacht. Was sind schon existentielle Probleme ärmerer Länder gegen die Gefahr, dass der Westen seine Kämpfe um die globale Dominanz nicht mehr gewinnen kann? Eben. Für den Bau von Brücken bleibt da nun wirklich kein Raum.

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