01.07.2022 / Ausland / Seite 2

»Das Volk sieht diesen Sieg als seinen eigenen«

Kolumbien: Populare Klassen feiern neuen Präsidenten Petro. Über die Geburt eines neuen Landes. Gespräch mit César Augusto Ayala Diago

Elias Korte

Nach dem Sieg von Gustavo Petro bei der Präsidentschaftswahl in Kolumbien am 19. Juni war vielfach die Rede von einem historischen Ergebnis. Was ist daran so historisch?

Nie zuvor in der Geschichte wurde der Sieg eines Präsidenten so sehr von den Volksklassen gefeiert. Viele Kolumbianer glauben, zum ersten Mal sei ein linker Präsident an die Macht gekommen. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit bei Petros Denkweise nicht um eine linke, sondern lediglich um eine demokratische. Aber aufgrund seiner politischen Herkunft aus der M-19-Guerilla gilt Petro als erster linker Präsident. Das Volk sieht diesen Sieg als seinen eigenen an. Es kannte das Gefühl nicht, aus einer Wahl als Sieger hervorzugehen, weil sich in der kolumbianischen Geschichte Niederlagen, Morde an Kandidaten und geklaute Wahlen aneinanderreihen.

Wofür steht Petro?

Er repräsentiert, was in Kolumbien der progressive, reformorientierte Liberalismus der 1930er, 40er, bis hinein in die 50er Jahre war. Er füllt ein Vakuum, das der Liberalismus hinterlassen hat. Er vertritt Kräfte von unten. Die M-19-Guerilla, aus deren Reihen er kommt, hatte sich zum Ende von einer sozialistischen hin zu einer kleinbürgerlich-demokratischen Bewegung entwickelt, die Ausdruck einer nationalen Bourgeoisie gegen die Monopole war. Es war die Antwort all derjenigen auf den Neoliberalismus, die sich nicht repräsentiert sahen, ein Kompromiss zwischen Kleinbourgeoisie und den Volksmassen. Petro hat diese politische Tradition erfolgreich mit Kämpfen indigener und afrokolumbianischer Organisationen sowie beispielsweise feministischer Bewegungen verbunden.

Was kann die neue Regierung aus Ihrer Sicht realistisch erreichen?

Es sollte wenigstens möglich sein, die Politik der reaktionären Reformen zu stoppen und einen anderen Weg zu finden. Kolumbien wird international eine Haltung zum Klimawandel einnehmen und den Erhalt des Amazonasregenwaldes zum Thema machen. Es ist realistisch, dass diese Regierung das Fracking (zur Förderung von Öl und Gas, jW) stoppen wird, eine Rentenreform zugunsten benachteiligter Bevölkerungsgruppen umsetzt, die öffentliche Hochschulbildung stärkt, kostenlose Bildung ermöglicht und die Misswirtschaft im Gesundheitswesen beendet. Petro kann es gelingen, eine neue politische Kultur des Ausgleichs und Dialogs einzuführen. Das alles ist für Kolumbien schon sehr viel.

Was erwarten Sie von der Rechten, nun erstmals in der Oppositionsrolle?

Sollte Petro einige Reformen durchführen, die ihm auch die Unterstützung der Mittelschichten garantieren, wird er gestärkt werden und die Rechte wird parlamentarisch kaum durchdringen. Ich bin aber besorgt über die wahre Stärke der Rechten, die sich zum Beispiel im Paramilitarismus, im Drogenhandel, im organisierten Verbrechen ausdrückt.

Welche Herausforderungen erwarten Petro mit Blick auf die Armee und die Polizei?

Wenn in den vergangenen 50 Jahren öffentliche Institutionen gestärkt wurden, dann waren es meist Armee und Polizei. Ein erster Schritt wäre, diese beiden Kräfte deutlich zu trennen. Ganz entscheidend ist, ob es ihm gelingt, die Sicherheitskräfte zu demokratisieren.

Und bei der Außenpolitik?

Petro hat viel diplomatisches Talent und kommt aus einer kontinentalen, demokratischen Tradition. Er hat seit jeher eine sehr internationale Perspektive. Das eröffnet ein Panorama möglicher Allianzen zwischen lateinamerikanischen Ländern und gleichwertiger Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Die Atmosphäre auf dem Kontinent ist für Petro günstig: Luiz Inácio Lula da Silva wird im Oktober in Brasilien an die Macht kommen. Mexiko, Kolumbien, Brasilien und Argentinien kommen besondere Rollen zu. Petro kann sich sogar zu einem regionalen Führer entwickeln.

Und falls er sich gut schlägt, wird sich die Mentalität der Kolumbianer nach links verschieben. Wenn es gut läuft, werden die Wahlkämpfe nicht mehr so barbarisch und polarisiert, dann geht es nicht mehr um die angebliche kommunistische Gefahr. Die Leute werden erkennen, dass die Linke sich nicht unbedingt mit dem Kommunismus identifizieren muss und dass man kein Kommunist sein muss, um als Linker identifiziert zu werden. Hier steht viel auf dem Spiel, und das ist die Geburt eines neuen Landes.

César Augusto Ayala Diago lehrt und forscht im Fachbereich Geschichte der Universidad Nacional de Colombia (UNAL) in Bogotá

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