23.06.2022 / Inland / Seite 8

»Es ist wie bei Asterix und Obelix«

Berlin: »Protestoper« thematisiert Wohnungsnot und Verdrängung. Ein Gespräch mit Sabe Wunsch und Sigrun Matthiesen

Simon Zamora Martin

Am vergangenen Samstag zog eine »Protestoper« durch Berlin-Kreuzberg, um gegen steigende Mieten und Verdrängung zu protestieren. Auch diesen Sonntag sind Sie wieder unterwegs. Wie kamen Sie auf die Idee dazu?

Sabe Wunsch: Die Idee ist 2018 im Kreuzberger Hausprojekt »Lause« entstanden. Seit mittlerweile sechs Jahren kämpfen wir gegen dessen Räumung. Eine Mitbewohnerin schlug vor, einen Opernabend zu veranstalten – am Ende entschieden wir, eine eigene Oper über unseren Kampf zu machen. 2019 waren wir mit den Vorbereitungen fertig und wollten mit den Proben anfangen. Dann kam Corona. Da im Sommer 2020 das gemeinsame Singen nicht möglich war, wurde die Oper erstmals im Rahmen einer Radio-Protestkundgebung aufgeführt. Letztes Jahr hatten wir mehrere Aufführungen in Berlin und Kopenhagen. Jetzt gehen wir mit einem aktualisierten Stück auf die Straße.

Wofür steht der Name der Oper »Lauratibor«?

S. W.: Die Heldinnen der Oper heißen Laura und Tibor, die sich im Kampf gegen Investoren zusammenfinden und gemeinsam das »Elixier des Widerstandes« suchen. Es ist wie bei Asterix und Obelix: Ganz Berlin ist besetzt, aber ein gallisches Dorf leistet Widerstand. Wobei: Am Anfang waren es zwei »Dörfer«: das Hausprojekt »Lause« und die Initiative »Ratibor14«.

Was genau muss man sich unter einer »Protestoper« vorstellen?

Sigrun Matthiesen: Aktuelle Themen werden ja auch im Theater behandelt. Allerdings bleibt viel davon im Saal, dem Publikum wird wenig zurückgegeben. Unser Projekt entstand zusammen mit von Räumung bedrohten Nachbarinnen und Nachbarn – und zu denen möchten wir unsere Arbeit auch zurück auf die Straße bringen.

Es geht also vor allem um Protest, weniger um Oper?

S. W.: Wir verstehen uns als ein politisches Projekt, das künstlerische Formen der sogenannten Hochkultur nutzt. Kunst ist ein Schlüssel, um die Menschen zu erreichen, die sonst nicht erreicht werden. Früher haben wir Steine geschmissen, nur hat das nichts gebracht. Jetzt singen wir eine Oper und schmeißen mit Worten und Klängen um uns.

S. M.: Die Angst vor dem Verlust der eigenen Wohnung ist ein hochemotionales Thema. Analyse und Emotion ergänzen sich in der Kunst, sie gibt Kraft für den Kampf.

Warum eine Oper als Protestform ausgerechnet in Kreuzberg?

S. W.: Wir verbinden mit Kreuzberg nicht unbedingt Opernmusik, aber das passt trotzdem. Das, was hier mit dem Wohnen passiert, ist hochdramatisch. Und Oper ist es auch. Die dramatischste Szene ist für mich der Trauermarsch, in dem wir einen Kämpfer zu Grabe tragen. In der Hand halten wir Schilder mit den Namen verdrängter Projekte. Ich habe sieben Jahren in einem besetzten Haus gewohnt und dessen Schild zu Grabe getragen.

In Ihrer Oper geht es auch um die »Invasion der Investoren«. Findet die auch ganz real statt?

S. M.: Der Staat wird vom Kapital gegängelt. Mit dem Geld, das etwa Vonovia durch Mieterhöhung einnimmt, werden keine neuen Häuser gebaut. Vielmehr geht es darum, immer mehr Gewinn zu erzielen. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist so groß, dass wir uns nicht mit Neubauversprechen abspeisen oder mit Lösungen für einzelne Häuser spalten lassen dürfen. Der Markt regelt nichts. Wir, die Bewegung der Mieterinnen und Mieter, müssen dem Markt Wohnungen entziehen.

An diesem Sonntag führen Sie um 17 Uhr die Protestoper bei einer Kundgebung in der Habersaathstraße auf. Dort hatten Obdachlose im vergangenen Winter Wohnungen besetzt, die zuvor lange leerstanden. Warum gehen Sie dorthin?

S. M.: Obdachlose sind von der Wohnungskrise am stärksten betroffenen. Zehn Jahre stand das mit öffentlichen Mitteln energetisch sanierte Haus in der Habersaathstraße leer, bevor es von Wohnungslosen besetzt wurde. Jetzt sollen sie wieder rausgeworfen werden. Dagegen wehren wir uns.

Sabe Wunsch (r.) und Sigrun Matthiesen singen in der Protestoper »Wem gehört Lauratibor«

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