23.06.2022 / Inland / Seite 5

Nächstes Mal Arbeiterlieder

Außerordentlicher Gewerkschaftstag der GEW am Dienstag eröffnet

David Maiwald

Das Kongresszentrumsder Messe Leipzig füllt sich schnell. Besucher und Delegierte strömen am Dienstag nachmittag zum außerordentlichen Gewerkschaftstag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in das Gebäude. Tontechniker diskutieren über die Feineinstellung, während die Stimme von Olaf Scholz zu Testzwecken aus den Lautsprechern der Halle 2 über die »Digitalisierungsoffensive« spricht. Musik schallt aus einer Box in den Ausstellungsraum, junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter räkeln sich am Stand der »jungen GEW« auf großen, roten Luftkissen, die Köpfe tief in Magazinen versunken. Neben einem Stand des DGB und der Hans-Böckler-Stiftung sind auch junge Welt und der Bundesausschuss Migration, Diversity, Antidiskriminierung vertreten.

Die Stimmung ist gut. Die 432 delegierten Bildungsgewerkschafter genossen am Dienstag offensichtlich den über die folgenden drei Tage wieder möglichen persönlichen Austausch, nachdem der vergangene Gewerkschaftstag 2021 pandemiebedingt verkürzt und digital stattfinden musste. Der Auftritt einer Trommelgruppe heizte die Eröffnungsveranstaltung zu Beginn an. Die Delegierten wurden durch Sambatrommeln und gemeinsam choreographiertes Klatschen auf geschlossenen Beifall eingestimmt, die Atmosphäre ausgelassener. Merkbarer Unmut sollte sich erst zum Schluss am Kulturprogramm entzünden. GEW-Vorsitzende Maike Finnern bemerkte im Anschluss an die eröffnenden Redebeiträge, sie habe eigentlich Arbeiterlieder singen wollen. Lachen im Saal.

»Der Handlungsbedarf ist riesig«, stellte die Vorsitzende in ihrem Eingangsstatement fest. Die Missstände im Bildungswesen »auf ein bis zwei Themen« zu begrenzen, sei »eigentlich nicht möglich«. Nach längerer (betont: unvollständiger) Aufzählung benannte Finnern »Fachkräftemangel, Chancengleichheit, Bildungsfinanzierung, Tarifpolitik« als Kernthemen. Zuletzt 100.000 Schulabgänger ohne Abschluss zeigten deutlich, dass der Bildungserfolg noch zu stark »vom Elternhaus abhängig« sei. Es gelte daher, »Ungleiches ungleich zu behandeln«. Im Bildungssystem existiere »ein Teufelskreis aus Überlastung durch Fachkräftemangel und Fachkräftemangel durch Überlastung«. Teilzeitarbeit sei hierbei für viele der individuelle Ausweg. Dass der »Investitionsstau in Kitas, Schulen und Hochschulen« bei »über 100 Milliarden« liege, brachte Finnern nicht mit dem neuen Aufrüstungsprogramm der Bundesregierung in Zusammenhang.

Die sächsische GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse betonte ebenfalls den Lehrkräftemangel und kritisierte die von der CDU mit der »strengsten Schuldenbremse der Bundesrepublik« auch weiterhin forcierte Kürzungspolitik in Sachsen. Den Sozialabbau der CDU bezahle man »bis heute mit fehlendem gesellschaftlichem Zusammenhalt und Demokratieskepsis«. Kruse begrüßte, Lehrerinnen und Lehrer aus der Ukraine seien im Freistaat »ohne großes Anerkennungsprozedere« eingestellt worden. Gleichzeitig sei jedoch »unerträglich« wahrzunehmen, »wie anders unsere Regierung mit Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise aus Syrien, umgegangen ist«.

DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi schloss sich in ihrer abschließenden Rede ihren Vorrednerinnen an. Es sei nicht klar, »welcher Fachkräftemangel« in der Bundesrepublik »zuerst bekämpft« werden müsse.

Das Kabarettprogramm der »Leipziger Pfeffermühle« hatte die Stimmung im Saal zeitweise aufgeladen. Sketche über Pandemiemaßnahmen, Quotenregelungen, Gendersprache und Greta Thunberg trafen offenbar nicht den Ton der Gewerkschaftsjugend. Eine größere Personengruppe stellte sich protestierend mit Schildern vor der Bühne auf, zwischen der Gruppe und anderen Delegierten kam es zu Streitereien, die mit einem Aufruf zum Dialog vorerst geschlichtet werden konnten. Vielleicht wären Arbeiterlieder die bessere Wahl gewesen.

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