20.05.2022 / Feuilleton / Seite 10

Kritik? Ja, bitte!

Ken Merten

Das erste Gemälde, das man sieht, wenn man das Centro de Estudios Che Guevara in Havanna betritt, zeigt die Seitenansicht einer Frau mit Flügeln und einem Muschelhelm, oberkörperfrei. Eine zweifarbige, feine Filzstiftskizze auf Milchglas. Cyberpunk.

Wir treffen Aleida Guevara, Kinderärztin und älteste Tochter des Revolutionärs. Sie setzt ihren Nasobuco ab, das Asthma hat sie von ihrem Vater. Und sie hat Redekondition. Ich frage sie nach den gewaltsamen Protesten des 11. Juli 2021 und den konterrevolutionären Versuchen, an vorhandenen Unmut in Teilen der kubanischen Bevölkerung anzuknüpfen.

Da wird der Propaganda des Imperialismus auf den Leim gegangen. Kritik? Ja, bitte, gerne, her damit! »Man hat die Möglichkeiten, aber nutzt sie nicht. Es gibt die Gewerkschaften, aber man geht nicht in sie hinein. Es gibt die Gemeindeversammlungen, aber man geht nicht hin.« Statt dessen wird ein Widerspruch zwischen Staat und Gesellschaft, Partei und Demokratie konstruiert. »Die Polizei auf Kuba ist uniformiertes Volk«, sagt sie in Rage, und mir gefällt der Satz über alle Maßen.

Ich will nachhaken, wo die eigenen Defizite liegen, wo man dem Bildungsauftrag nicht gerecht wird, wie es dazu kommt, dass einige Miami vertrauen und nicht der Kommunistischen Partei. Was man für Strategien gegen den bekannt starken Feind und sein Medienimperium entwickeln kann, und wo es noch hapert. Aber ich fürchte ihre Rage.

Außerdem sind da die Nachrichten über die Gasexplosion vor dem Hotel »Saratoga« schräg gegenüber dem Kapitol. Einige von uns waren am Vorabend noch da. Jugend- und Studierendenverband, Partei und Massenorganisationen veranstalten deswegen eine landesweite Blutspendeaktion. Zwei von uns gehen direkt hin, die anderen planen, nach dem Festival für deutschen Film dorthin zu gehen.

Auf dem Weg zur »16. Woche des deutschen Kinos« gehen wir ein Stück über den Cementerio Cristóbal Colón, eine 56 Hektar großes Nekropolis aus weißem Stein.

Land kaufen ist auf Kuba schwierig, hier kann man. Die Gräber der Nichtbegüterten nehmen in der Totenstadt nur zwei Prozent der Fläche ein. 20.000 Menschen werden hier jährlich bestattet.

Wir kommen am Mausoleum der Feuerwehrmänner vorbei. Entworfen von zwei Spaniern, steht an der Spitze ein Engel mit verbundenen Augen, der einen zusammengesackten Feuerwehrmann hält und gen Himmel weist. Während wir schauen, beginnt ein Prasselregen. Wir fliehen vom Friedhof.

Nass vom Regen und nass vom Schweiß betreten wir das Filmtheater an der Ecke 23. und 12. Straße und lernen sofort seine überfunktionale Klimaanlage kennen. Die wenigen Besucherinnen und Besucher reden über die Explosion. Sie schauen Staatsfernsehen auf ihren Handys, stecken sie weg, als das Licht erlischt.

Dann deutscher Film: Mit »Coup« (2019) geht ein schönes Interview durch starre Szenen mit professionellen Laiendarstellern kaputt. Daran ändert Rocko Schamoni in einer Nebenrolle als windiger Anwalt natürlich nichts. Die reale Begebenheit, die der sympathische Täter in hamburgischem Deutsch nacherzählt: Ein Angestellter (Daniel Michel) entwendet Ende der 80er mit Sauf- und Motorradkumpan (»Wir waren eher so Blümchenrocker«), gespielt von Tomasz Robak, seiner Bank einen Batzen Geld und entschwindet gen Australien.

Ich schreibe eine SMS und frage, ob wir noch Blut spenden können, aber das ist schon nicht mehr notwendig. Weit mehr ist gespendet worden, als benötigt. Es gibt schon keine leeren Blutbeutel mehr.

Der zweite Film, den wir sehen: »Kokon« (2020). Coming-of und Coming-out. Berlin-Kotti. 95 Minuten, die sich nach Überlänge anfühlen. Widerspruchsfreie Widersprüche. Selbst dass die Mutter (Kim Riedle) am Tresen lebt, ist irgendwie o. k. Und der CSD findet ja quasi stündlich statt, Einhornkostüme hat jeder Kleiderschrank parat. Vergeudetes Element: ein Babysimulator, der mit einem Kissen ruhiggestellt wird. Einzige Szene, die nicht nullachtfünfzehn ist, ist die der Gefühlswachstumsschmerzen der Hauptfigur Nora (Lena Urzendowsky): Aus Wichsen wird Weinen, übergangslos.

Die Klimaanlage imitiert das Rattern alter 8-mm-Projektoren, wir verstehen die Dialoge akustisch schlecht und lesen die Untertitel in kubanischem Spanisch. In einer Lesepause hole ich mein Handy raus. Im Newsfeed sind Bilder von Einsatzkräften, die sich durch Schutt arbeiten.

https://www.jungewelt.de/artikel/426925.notas-de-cuba-kritik-ja-bitte.html