18.05.2022 / Ansichten / Seite 8

Zurück im Dauerkrieg

US-Truppen in Somalia

Jörg Kronauer

Das ging schnell. Erst Anfang 2021 hatten die Vereinigten Staaten ihre gut 700 Soldaten heimgeholt, die sie im Rahmen ihres »Antiterrorkriegs« in Somalia stationiert hatten. Mit den endlosen Militäreinsätzen in Afrika, in Nah- und Mittelost solle endlich Schluss sein, so hatte es US-Präsident Donald Trump verfügt. Weitaus Wichtigeres stehe schließlich an – nämlich die Fokussierung auch des US-Militärs auf den großen Machtkampf gegen China und damit vor allem auf den Pazifischen Ozean. Trumps Nachfolger Joseph Biden schien dieser Linie mit dem chaotischen Abzug aus Afghanistan zu folgen. Und nun? Kaum mehr als ein Jahr nach der Rückkehr der US-Einheiten aus Somalia schickt Biden bis zu 500 Soldaten zurück ans Horn von Afrika, wo sie einheimische Militärs sowie Truppen der Afrikanischen Union (AU) ausbilden sollen. Zudem wird der US-Drohnenkrieg in Somalia jetzt wieder ausgeweitet; Angaben aus Washington zufolge bereiten die US-Militärs zur Zeit die Liquidierung zahlreicher somalischer Dschihadistenanführer vor.

Wieso der Kurswechsel? Die somalische Dschihadistentruppe Al Schabab werde zu gefährlich, heißt es in der US-Hauptstadt. Es gelte, die Bedrohung durch sie »auf ein ertragbares Niveau« zu reduzieren. Deutlicher kann man das Scheitern des Westens kaum eingestehen. Immerhin operieren US-Soldaten – zeitweise verstärkt durch europäische, auch deutsche Truppen – seit gut eineinhalb Jahrzehnten am Horn von Afrika, führen Kommandoeinsätze durch, trainieren einheimische Soldaten. Gebessert hat sich nichts. Darin gleicht die Intervention in Somalia derjenigen in Afghanistan, der vorwiegend europäischen Intervention in Mali und den sonstigen Auslandseinsätzen des Westens in Afrika und im Nahen sowie im Mittleren Osten. Dauerkrieg: Das ist es, was die transatlantischen Mächte den Ländern dort gebracht haben. Ein wirklicher Fortschritt, eine tatsächliche Beseitigung des Terrors wird erst gar nicht mehr angestrebt; sie würde schließlich anderes verlangen als den stumpfen herrischen Einmarsch mit martialisch ausgerüsteten Soldaten.

Freilich gibt es noch einen zweiten Grund für die erneute Entsendung von US-Militär neben der steigenden Bedrohung durch Al-Schabab: Der Einfluss des Westens in Afrika schwindet. Ökonomisch ist China längst die prägende Macht auf dem Kontinent. Andere – Indien, die Türkei und zuletzt auch Russland – sind längst sehr präsent, oft mehr als die westlichen Staaten. Dass immer noch kein afrikanisches Land die Sanktionsorgien gegen Russland unterstützt, hat nun auch Washington aufgerüttelt. Der Kongress hat ein neues Gesetz gegen »bösartigen russischen Einfluss in Afrika« in Arbeit, das die Staaten des Kontinents Moskau abspenstig machen soll. Die Rückkehr der GIs nach Somalia mag die eine oder die andere afrikanische Regierung daran erinnern, wo, jedenfalls nach US-Ansicht, der ganz große Truppenhammer hängt.

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