10.05.2022 / Titel / Seite 1

Kampf um die Geschichte

»Tag des Sieges«: Präsident Putin kritisiert NATO und warnt vor »globalem Krieg«. Schikane gegen Erinnerung in Estland und Lettland

Ina Sembdner

Westliche Kommentatoren klangen fast enttäuscht nach der mit Spannung erwarteten Rede von Russlands Präsident am Montag auf dem Roten Platz in Moskau – keine Generalmobilmachung wurde verkündet, keine Ausweitung des Krieges in der Ukraine. Doch fand Wladimir Putin durchaus deutliche Worte in Richtung NATO bei der Feier zum »Tag des Sieges«. Das westliche Militärbündnis habe über die Jahre eine für Russland »absolut nicht hinnehmbare Bedrohung« geschaffen, sagte er in seiner Ansprache zum 77. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg. Russland habe präventiv eine Aggression des Westens abgewehrt, »das war die einzig richtige Entscheidung«. Zugleich warnte er vor einer weiteren Eskalation des Konflikts. Aufgabe sei es, »wachsam zu sein und alles zu tun, damit sich die Schrecken eines globalen Krieges nicht wiederholen«, sagte Putin.

Der Präsident würdigte zudem, dass der damalige Sieg gemeinsam mit den westlichen Alliierten errungen wurde, kritisierte jedoch, dass aufgrund einer um sich greifenden »Russophobie« bei den politischen Eliten »amerikanischen Veteranen, die zur Moskauer Parade anreisen wollten, das faktisch verboten wurde«. Später gedachte Putin im Alexandergarten am Grabmal des unbekannten Soldaten mit einer Schweigeminute der Kriegstoten. An der ewigen Flamme erinnerte er an die Opfer des Weltkrieges mit einem Kranz – und legte an Gedenksteinen der Heldenstädte der Sowjetunion, darunter der ukrainischen Hauptstadt Kiew, Nelken nieder.

Unter den insgesamt 11.000 Teilnehmenden der Militärparade befanden sich den Angaben nach auch Vertreter von den im Osten der Ukraine kämpfenden Truppen. Präsident Putin räumte Verluste ein und sicherte den Familien der Gefallenen und Verwundeten Hilfen zu. Offiziell ist bisher die Rede von 1.351 getöteten Soldaten. Ebenfalls am Montag traf Putin mit Artyom Schoga zusammen, dem Vater des im März im Donbass getöteten Kommandanten des Sparta-Bataillons, Wladimir Schoga. Auch ihm gegenüber erklärte der Präsident: »Wenn es wenigstens eine Chance gegeben hätte, dieses Problem mit anderen, friedlichen Mitteln zu lösen, hätten wir diese Chance sicherlich genutzt. Aber diese Chance wurde uns einfach nicht gegeben«, bedauerte Putin. Das Sparta-Bataillon war 2014 nach dem Putsch in Kiew aufgestellt worden und nahm an den Kämpfen um Slawjansk und den Flughafen von Donezk teil. Nach dem Tod von Wladimir Schoga führte sein Vater das Bataillon.

Neben der Parade in Moskau, die von Zehntausenden verfolgt wurde, gab es Paraden in insgesamt 28 russischen Städten. Auch in den von Kräften der international nicht anerkannten »Volksrepubliken« gemeinsam mit russischen Truppen eroberten Städten Cherson nördlich der Krim und Mariuopol im Donbass gingen Hunderte auf die Straßen. In Estland und Lettland begingen Angehörige der russischen Minderheit ebenfalls den Tag des Sieges. In den Hauptstädten Riga und Tallinn legten Tausende Menschen unter strengen Sicherheitsbedingungen Blumen an sowjetischen Denkmälern nieder. In Riga etwa mussten die Blumen jedoch an Tischen abgegeben werden, die außerhalb eines Zauns rund um das Denkmal aufgestellt waren. In Polen besprühten proukrainische Demonstranten den russischen Botschafter Sergej Andrejew mit einer roten Substanz, als er auf dem Soldatenfriedhof in Warschau einen Kranz in Gedenken an die sowjetischen Kriegstoten niederlegen wollte.

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