27.04.2022 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Tweety im Weltall

Elon Musk kauft sich mal eben den Kurznachrichtendienst Twitter – für die Redefreiheit und ohne Profitabsichten, sagt er

Ralf Wurzbacher

Während sich Otto Normalverbraucher dieser Tage schon beim Griff nach einem Stück Butter schwertut, kauft Elon Musk mal eben einen Socialmediariesen ein. Seit Montag abend ist es spruchreif: Fast im Vorbeigehen und für schlappe 44 Milliarden US-Dollar wird der reichste Mann der Welt den US-Kurznachrichtendienst Twitter zu seinem Privatbesitz machen. Gerade einmal zehn Tage nach dessen erster Absichtsbekundung, den Laden mit Sitz in San Francisco übernehmen zu wollen, streckte der Twitter-Verwaltungsrat die Waffen und willigte in den Megadeal ein. Für 54,20 US-Dollar pro Aktie soll der IT-Konzern bis zum Jahresende in Musks Unternehmensimperium aufgehen, dessen Flaggschiffe bisher der Autobauer Tesla und die Weltraumfirma Space X sind. Dass sich genügend Aktionäre ihrer Papiere entledigen und Musk eine Mehrheit von über 50 Prozent bescheren werden, gilt praktisch als garantiert.

Im zurückliegenden halben Jahr hatte die wegen der Verbreitung von Fake News und Hate Speech in die Kritik geratene Internetplattform erheblich an Börsenwert eingebüßt. 2021 schloss das Unternehmen mit einem Minus von über 221 Millionen Dollar ab. Erst als der Techmilliardär mit südafrikanischen Wurzeln am 4. April mit dem Erwerb von rund neun Prozent der Anteile über Nacht zum größten Aktionär avancierte, legte die Aktie um mehr als ein Fünftel auf über 48 Dollar zu. Dass es bei der Transaktion zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll, wodurch das Paket unter Wert über den Ladentisch ging – geschenkt. Ohnehin war dies nur der Auftakt eines Großmanövers mit dem Ziel, den ganzen Kuchen zu schlucken. Die Möglichkeit, in den Verwaltungsrat einzuziehen, schlug Musk aus, weil er in diesem Fall nicht mehr als 15 Prozent der Anteile hätte einheimsen dürfen. Statt dessen bekundete er wenig später, Twitter komplett erwerben und besser machen zu wollen »als jemals zuvor«.

Geldgeier hören so etwas gerne, zumal aus dem Munde eines Mannes, der bisher noch jedes seiner Hirngespinste zu vergolden verstand. Wobei das mit den Elektroautos noch das bodenständigste seiner Unterfangen ist. Daneben befasst sich Musk mit Weltraumtourismus, dem Aufbau eines erdumspannenden Superinternets, wofür er Zehntausende Satelliten ins All schießt, und dem Einbau von Gehirnimplantaten zur Schöpfung fabelhafter Maschinenmenschen. Bei den Twitter-Investoren weckt das keinen Argwohn. Wie Verwaltungsratschef Bret Taylor am Montag erklärte, sei das Gremium nach einer »sorgfältigen und umfassenden« Prüfung zu dem Schluss gekommen, dass eine Übernahme durch Musk »der beste Weg nach vorne für die Aktionäre« sei. Das war freilich geschwindelt, denn bis zuletzt hatte der Vorstand einiges unternommen, das Geschäft noch zu vereiteln. Allerdings soll Musk in der Vorwoche den wichtigsten Anteilseignern am Telefon ganz persönlich ins Gewissen geredet haben. Das hat offenbar gereicht.

Und was hat Musk mit seiner neuesten Errungenschaft vor? Natürlich nur Großes und Visionäres. Vor allem will er die Meinungsfreiheit vor dem Zugriff von Zensoren schützen, was für ihn bedeutet: »Wenn jemand, den man nicht mag, etwas sagen darf, was man nicht mag.« Twitter sei »der digitale Ort, an dem Themen debattiert werden, die von grundlegender Bedeutung für die Zukunft der Menschheit sind«, äußerte er jüngst, als er mit seinen Kaufabsichten herausrückte. Unter anderem kündigte er an, die Algorithmen des Dienstes öffentlich zu machen, um »Vertrauen zu vergrößern«, sogenannte Spambots zu »besiegen« und »alle Menschen zu authentifizieren«. Außerdem ließ er durchblicken, das Unternehmen von der Börse nehmen zu wollen.

Ums Geldverdienen gehe es bei all dem nicht, bemerkte Musk, dessen Vermögen sich auf 264 Milliarden Dollar belaufen soll. Weil sein Reichtum jedoch vor allem aus Aktien an Tesla und Space X besteht, muss er seinen Neuerwerb unter anderem mit Krediten von über 25,5 Milliarden Dollar finanzieren. Man kann nur mutmaßen, ob zu den Geldgebern auch Ex-US-Präsident Donald Trump gehört. Den hatte Twitter wegen seiner Rolle beim Sturm auf das US-Kapitol verbannt. Musk, der auf Twitter selbst mehr als 80 Millionen Follower hat, findet dagegen vorläufige »Timeouts« besser als dauerhafte Ausschlüsse. Das könnte was werden mit den beiden – schließlich will Trump 2024 zurück ins Weiße Haus.

https://www.jungewelt.de/artikel/425381.social-media-tweety-im-weltall.html