19.04.2022 / Feuilleton / Seite 10

Eine Netzwerkerin

Rechtspolitisch liberal, sozialpolitisch progressiv, ethisch konservativ: Am 19. April 1872 wurde in Berlin die Sozialreformerin Alice Salomon geboren

Christoph Horst

Studenten der Sozialen Arbeit beklagen häufig eine fehlende Fokussierung: Das Studium setzt sich zusammen aus den sogenannten Bezugswissenschaften Soziologie, Philosophie, Medizin etc., die im Hinblick auf die Soziale Arbeit zugeschnitten werden. Diese Idee fußt auf den Errungenschaften Alice Salomons, die aus der Hilfe für die Armen einen Beruf und die dazugehörige Ausbildung entwickelte. Salomon gründete 1908 in Berlin die Soziale Frauenschule und schulte die ersten Fachkräfte für Tätigkeiten, die im 19. Jahrhundert zumeist noch als Ehrenamt geleistet worden waren.

Professionalisierung war von Salomon zugleich als Säkularisierung intendiert: weg von der kirchlichen Nächstenliebe hin zur staatlichen Aufgabe. Bis heute ist das zugleich das Dilemma der Sozialen Arbeit, die sich von öffentlichen Mitteln abhängig macht und Solidarität dann ausgerechnet bei der staatlichen Gewalt einfordert, die die Verhältnisse und ihre katastrophalen Folgen für die Menschen mitproduziert. Salomons Begriff von Professionalisierung hat ebenfalls Schwächen. Immerhin forderte sie von den Bewerberinnen »selbstlose Hingabe«, womit sie wieder bei der romantischen Hilfe Starker für die Schwachen angekommen ist. An die Wurzel der Armutsbekämpfung wollte Salomon nicht gehen. Kapitalismuskritik war ihr fremd. Den Staat wollte sie nicht abschaffen, sondern die Frauen an seinem Funktionieren beteiligen. August Bebels Versuche, sie für die sozialistische Bewegung zu gewinnen, blockte sie ab, weil ihr Versöhnung wichtig war. Salomon selbst beschrieb sich als »liberal in Hinblick auf individuelle Rechte, progressiv, was die soziale Gerechtigkeit betrifft, und in der Ethik konservativ«.

Ihre ideologische Herkunft sind Religiosität, Humanismus und Patrio­tismus. Wohl auch aufgrund ihres herausragenden Engagements in der internationalen Frauenbewegung hat sie jedoch zumindest nicht chauvinistisch gedacht – auch nicht im Ersten Weltkrieg, als die deutsche Frauenbewegung sich mit Hurra ausschließlich auf die deutsche Frau besann. Denken in patriotischen Kategorien und Konversion zum Protestantismus war für die Nazis jedoch nicht genug, um aufzuwiegen, dass sie als Jüdin geboren wurde und sich als Sozialarbeiterin für jene stark gemacht hat, die nicht aus eigener Willenskraft in der Volksgemeinschaft bestehen konnten. 1937 wurde sie zur Emigration gezwungen und wählte die USA zum Ziel, die sie aus ihrer Arbeit für die Frauenrechte schon kannte und schätzte.

Das Gebiet der Theorieentwicklung einer Sozialpädagogik, noch heute ein wunder Punkt der Disziplin, streifte Salomon nur. Sie war das, was heute in betriebswirtschaftlichem Vokabular eine Netzwerkerin genannt wird. Salomons großes Verdienst ist es, zu den Armen gegangen zu sein, anstatt nur über sie zu reden. Dort hat sie tatsächlich auch materielle Not gelindert. Allerdings geschah dies nicht immer nur um der Hilfe willen. In ihrer Autobiographie berichtet sie, wie die Arbeit ihr und anderen Frauen half, ihre eigene, aufgrund von sittlich aufgezwungener Arbeitslosigkeit als sinnlos empfundene Existenz aufzuwerten. Noch heute instrumentalisieren viele Sozialarbeiter die sozial Schwächsten zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls.

Zugleich wollte Salomon den Armen ihre Vorstellung eines guten Lebens aufdrängen, wie eine Anekdote aus ihrer frühen Hilfetätigkeit zeigt: Sie organisierte eine Veranstaltung für die Armen und war dann entsetzt darüber, dass ein junges Mädchen ein vulgäres Lied sang. In ihrem Urteil – »es war wohl nicht ganz so einfach‚ ›Kultur‹ zu vermitteln, wie wir gedacht haben« – wird deutlich, dass es ihr um ihre Kultur ging, die sie der (sub-)proletarischen für überlegen hielt. Von diesem paternalistischen Zug konnte sich die Soziale Arbeit bis heute nicht befreien. Soziale Arbeit hat immer ein vorab gesetztes Ziel, auf das sie mit den Klienten hinarbeitet. Salomons bis heute gültiges Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe führt dazu, dass man den Hilfsbedürftigen nicht einfach hilft, sondern sie moralisch zappeln lässt, auf dass sie möglichst viel alleine erledigen.

Alice Salomon starb 1948 in New York. Sie hat viel für die Armen erreicht und der Sozialen Arbeit wichtige Impulse gegeben. Zugleich ist heutige Soziale Arbeit gefordert, ihren Fürsorgeansatz zu überwinden, zumindest solange es das ökonomische System noch gibt, das Soziale Arbeit überhaupt erst notwendig macht.

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