11.04.2022 / Inland / Seite 5

Im Griff des Kapitals

Zahl investorengeführter Arztpraxen steigt rasant. Mehr teure Zusatzleistungen. Höhere Honorare. Gesundheitsministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Sebastian Edinger

Die Unterordnung des Gesundheitssystems unter das Primat der gnadenlosen Profitmaximierung schreitet hierzulande immer schneller voran. Das bestätigt eine aktuelle Analyse, die das Berliner IGES-Institut im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) ausgearbeitet hat. Demnach hat sich die Anzahl der Arztpraxen in Händen von Private-Equity-Fonds in den Jahren 2018/19 im KVB-Bezirk um 72 Prozent erhöht. Mit dramatischen Folgen für die Patienten.

Als wichtigstes Einfallstor dienen dem Finanzkapital offenbar die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die infolge der Gesundheitsreform 2003 stark an Bedeutung gewonnen haben. Im Bereich Augenheilkunde machten MVZ Ende 2019 bereits 28,4 Prozent der Versorgungsstandorte aus. Es folgen Orthopädie und Chirurgie mit 21,6 Prozent sowie Internisten des fachärztlichen Versorgungsbereichs mit 20,2 Prozent. Insgesamt befanden sich bereits im vierten Quartal 2019 zehn Prozent der bayerischen MVZ im Eigentum von Finanzinvestoren.

Je höher der Anteil dieser Zentren im Gesundheitssystem wird, desto teurer werden die Behandlungen. So zeigt die IGES-Untersuchung, dass die Honorare dort gegenüber Einzelpraxen bei gleicher Patientenstruktur, gleichen Vorerkrankungen und gleichen Behandlungsanlässen um 5,7 Prozent höher ausfallen. Wo Finanzinvestoren das Sagen haben, liegt diese Extrarendite sogar bei 10,4 Prozent. Besonders tief wird den Behandelten demnach in den Bereichen Gynäkologie (plus 16,6 Prozent) und Augenheilkunde (plus 15,8 Prozent) in die Tasche gegriffen.

Weiter zeigt die Studie, dass die MVZ-Struktur umfassend genutzt wird, den Patienten allerlei kostspielige Extras anzudrehen. So werden dort 19,1 Prozent mehr Mitversorgungsleistungen abgerechnet als in Einzelpraxen. Mehr als 60 Prozent dieser Zusatzleistungen werden durch Ärzte desselben Zentrums erbracht. »Das vom Gesetzgeber angestrebte Ziel, den Zugang von Finanzinvestoren in die ambulante vertragsärztliche Versorgung wirksam zu begrenzen, wird klar verfehlt«, so das Resümee der IGES-Autoren, Hans-Dieter Nolting und Thorsten Tisch.

In Reaktion auf die Studienergebnisse hat der KVB-Vorstand vergangene Woche Alarm geschlagen: »Die Politik kann nicht länger tatenlos zusehen, wie der Einfluss von Kapitalinvestoren auf unser solidarisches Gesundheitswesen permanent wächst«, heißt es in einer Erklärung. Die Gesundheit der Menschen dürfe »nicht zum Spekulationsobjekt werden«. Gefordert werden »klare Vorgaben in bezug auf Transparenz der Gesellschafterstruktur, Zulassung und Gestaltung« von investorengeführten MVZ. Eine marktbeherrschende Stellung müsse verhindert werden.

Dass es sich nicht um ein rein bayerisches Problem handelt, zeigen unter anderem Recherchen von BR und »Panorama«. Demnach befinden sich bundesweit bereits mindestens 500 Praxen für Augenheilkunde in den Händen internationaler Finanzinvestoren. In größerem Umfang betroffen sind auch Bereiche wie Zahnmedizin, Radiologie, Gynäkologie und Allgemeinmedizin. In zahlreichen Interviews beschreiben dort tätige Ärzte, wie ihre Arbeit immer stärker auf die Rendite ausgerichtet wird. Häufig gilt die Anordnung, den arglosen Patienten möglichst viele Zusatzleistungen anzupreisen, die sie selbst bezahlen müssen.

Besonders beliebt sind bei Investoren im Bereich der Augenheilkunde Grauer-Star-Operationen. »Da sollten wir möglichst hohe Stückzahlen rekrutieren«, wird eine Ärztin zitiert. Eine Zahnmedizinerin wiederum beschreibt, wie ihr regelmäßig Diagramme vorgelegt wurden, die zeigten, welche Umsätze sie selbst mit Brücken, Kronen oder Implantaten erzielte – und wieviel mehr das Toppersonal einspielt.

Angesichts dieser Entwicklungen haben die Gesundheitsminister der Bundesländer laut einem Beschluss vom November den stetig steigenden Anteil investorengetragener Praxen mit »wachsender Sorge zur Kenntnis genommen«. Vom Bundesgesundheitsministerium wird eine Gesetzesinitiative gefordert, die den weiteren Aufkauf von Praxen beschränkt. Auf eine Anfrage von Panorama war aus dem Bundesressort jedoch zu hören, die Sache sei rechtlich kompliziert, allein die Feststellung einer Zunahme reiche keineswegs aus.

Mit der IGES-Untersuchung liegen nunmehr jedoch nicht nur Zahlen zum Anteil von Praxen in Investorenhand vor, sondern auch konkrete Erkenntnisse zu den Folgen für die Versorgung der Patienten. »Wir schauen uns das an, wo Fehlentwicklungen sind, und werden dann handeln«, ließ sich Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) vergangene Woche zitieren.

https://www.jungewelt.de/artikel/424410.gesundheitssystem-im-griff-des-kapitals.html