08.04.2022 / Ausland / Seite 7

Verstärkte Propaganda

Großbritannien: Anwerbeversuche des faschistischen »Asow«-Regiments laut Bericht erfolglos

Dieter Reinisch

Britische Behörden haben in den vergangenen Wochen davor gewarnt, dass das ukrainische »Asow«-Regiment seit Kriegsbeginn gezielt versucht, mit englischsprachiger Propaganda britische Faschisten zu rekrutieren. Laut einem Bericht gelingt das aber kaum: Die meisten Briten, die zum Kämpfen in die Ukraine gegangen seien, hätten sich der ukrainischen Fremdenlegion angeschlossen und seien Soldaten oder ehemalige Armeeangehörige, ohne dass »rechtsextreme« Verbindungen bekannt seien.

In dem Bericht des britischen Antiterrorismus-Beratungs- und Versicherungsunternehmens »Pool Re« zum März heißt es, »das neofaschistische ›Asow‹-Regiment ist eine in Mariupol stationierte Einheit der ukrainischen Nationalgarde«. Die monatlichen Berichte – genannt »Pool Re:Solution« – sollen britischen Unternehmen bei der Einschätzung der nationalen und internationalen Terrorismusgefahr dienen. Die Informationen bezieht die Firma vorzugsweise aus Regierungs- und Geheimdienstkreisen.

Seit dem Beginn des Kriegs habe die britische Regierung erwartet, dass Faschisten das Land verlassen würden, um mit »Asow« in der Ukraine zu kämpfen – vor allem da das britische Außenministerium betont hatte, Staatsbürger nicht am Kämpfen in der Ukraine zu hindern. Dabei stellt die Bezahlung ausländischer Kombattanten einen Verstoß gegen internationales Recht dar. Bis jetzt gebe es aber keine Belege, dass bekannte Faschisten sich dem »Asow«-Regiment angeschlossen haben, heißt es in dem Bericht. Andere britische Staatsbürger hätten sich der Fremdenlegion angeschlossen.

Zu den Anwerbeaktivitäten heißt es in dem Bericht: »Pool Re:Solution beobachtet ein signifikantes Wachstum bei der Veröffentlichung von Propaganda und Rekrutierungsversuchen in englischer Sprache in den sozialen Medien durch ukrainische Rechtsextreme seit dem 24. Februar«. »Asow« sehe in Foren und Telegram-Kanälen von Faschisten »das Potential, ausländische Kämpfer anzuwerben« und biete praktische Informationen, wie man sich dem Kampf in der Ukraine anschließen kann.

Die Ukraine ist seit den sogenannten Maidan-Protesten 2014 zu einem Knotenpunkt der internationalen faschistischen Szene auf beiden Seiten des Atlantiks geworden. Söldner – auch aus Deutschland und Österreich – flogen in den letzten Jahren in das Land, um sich dort in Trainingslagern ausbilden zu lassen und dann mit dem »Asow«-Regiment im Donbass zu kämpfen.

In einer im Sommer 2021 veröffentlichten Studie für das US-Fachmagazin für Antiterrorismus, CTC Sentinel, schreibt der deutsche Journalist Yassin Musharbash, dass der Konflikt in der Ukraine für die faschistische Szene dieselbe Rolle als »Beschleuniger« spielt, wie Afghanistan für Dschihadisten in den 1980er und 90er Jahren. Damals bekamen viele dschihadistische Söldner erste Erfahrung auf dem Schlachtfeld, und kämpften später in Tschetschenien, Bosnien und Syrien für die Errichtung von Kalifaten.

Britische Faschisten versuchen währenddessen laut dem März-Bericht von »Pool Re:Solution« selbst neue Mitglieder anzuwerben. Laut einem neuen Bericht der britischen Antirassismusgruppe »Hope not Hate« greifen sie dabei vermehrt auf Fitness-Apps zu. Damit versuchen sie die Sperren auf sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Twitter zu umgehen und gleichzeitig Personen zu gewinnen, die nicht auf Telegram aktiv sind. Auf den Fitness-Apps schalten sie Werbung, in der dazu aufgerufen wird, sich »fit für den kommenden Rassenkrieg« zu machen.

Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung Guardian von Anfang März nutzt die größte faschistische Gruppe Englands, die »Patriotic Alternative«, das während der Pandemie gestiegene Interesse an Onlinefitnessgruppen, um Unterstützer zu gewinnen. Ihr größter derartiger Kanal hat 1.200 Follower auf Telegram.

https://www.jungewelt.de/artikel/424251.krieg-in-ukraine-verstärkte-propaganda.html