02.04.2022 / Titel / Seite 1

London setzt auf Krieg

Großbritannien warnt Ukraine vor zu schnellem Friedensschluss. Kiew hat angeblich Genfer Konvention zu Gefangenen ausgesetzt

Reinhard Lauterbach

Großbritannien hat nach einem Bericht der Londoner Times die Ukraine davor gewarnt, zu schnell Frieden mit Russland zu schließen. In dem am Freitag erschienenen Text heißt es, Premier Boris Johnson habe den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij in einem Telefongespräch aufgefordert, nicht um eines schnellen Friedens willen nachteilige Bedingungen in Kauf zu nehmen. Die Zeitung zitierte einen hohen Regierungsbeamten mit der Aussage, London befürchte, dass die USA, Frankreich und die BRD »übereifrig« seien, einen Friedensschluss zu erreichen, auch wenn dies zu Lasten der Ukraine gehe. Kiew solle Frieden aus einer Position der Stärke schließen. Die Aussage stimmt inhaltlich überein mit einer Äußerung der britischen Außenministerin Elisabeth Truss vor Parlamentariern am Montag. Die Ukraine müsse davor bewahrt werden, »ausverkauft« zu werden, sagte sie dort laut Reuters.

Die Statements decken sich auch mit halböffentlichen Einschätzungen britischer und US-Militärs, wonach die ­Ukraine nach ihrer Aufrüstung durch den Westen Chancen habe, Russland militärisch zu besiegen und so »dem russischen Imperialismus den Todesstoß zu versetzen«. Mit Blick auf die kürzlich bekanntgewordenen Misshandlungen meldete die russische Auslandsaufklärung am Freitag, Kiew habe London informiert, dass gegenüber russischen Gefangenen die Genfer Konvention – die eine humane Behandlung vorschreibt – nicht angewendet werde.

Am frühen Freitag morgen griffen offenbar ukrainische Kampfhubschrauber ein Treibstofflager in der russischen Stadt Belgorod rund 40 Kilometer östlich der Grenze an. Der Gouverneur der Region berichtete von einem großflächigen Brand, der bis zum Mittag noch andauerte. Menschen seien nicht zu Schaden gekommen. Der bisher nicht von ukrainischer Seite bestätigte Angriff könnte schon der zweite gegen Ziele auf der russischen Seite seit Kriegsbeginn gewesen sein. Vor einigen Tagen hatte das Militär der »Volksrepublik« Lugansk gemeldet, es habe nahe der Stadt Rowenki eine ukrainische Boden-Boden-Rakete vom Typ »SS-21« (NATO-Code) abgefangen. Rowenki liegt ganz im Süden der Republik kurz vor der russischen Grenze, angesichts der Abschussrichtung könnten die russischen Städte Schachty, Taganrog oder Rostow am Don als Ziele vorgesehen gewesen sein.

In der Ukraine zogen sich russische Truppen wie angekündigt aus Teilen des Gebiets Kiew zurück. Insbesondere übergaben sie die Anlage des ehemaligen AKW Tschernobyl wieder unter ukrainische Kontrolle. Aus anderen Vororten von Kiew wurde weiter die Anwesenheit russischer Truppen gemeldet. Die Ukraine verdächtigt Russland, sich aus dem Kiewer Umland nur deshalb zurückzuziehen, um die Truppen im Donbass zu verstärken. Dort eroberten russische Einheiten offenbar weitere Ortschaften westlich und nördlich von Donezk, ohne bisher aber einen strategischen Durchbruch zu erzielen.

Während eines Besuchs in Indien betonte Außenminister Sergej Lawrow, Russland sei an einer »ausbalancierten Weltordnung« interessiert. Westliche Länder würden jedoch alles in Richtung einer unipolaren Welt tun. Auch die Bundesrepublik habe nun ganz ihre Rolle als Alliierte der USA akzeptiert, so Lawrow. Jetzt werde das Land jeglicher US-Politik folgen. Zudem billige sich der kollektive Westen das Recht zu, Zivilisten zu töten und Städte auszuradieren. Wenn dies aber sonst jemand täte, wie etwa Russland in Abwehr einer akuten Bedrohung, werde derjenige verurteilt.

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