24.03.2022 / Feuilleton / Seite 10

Großes Unrecht

Nach vernichtender Kritik von Historikern hat der niederländische Verlag Ambo Anthos das Buch über den »Verrat an Anne Frank« aus dem Handel genommen. Das teilte der Verlag am Mittwoch in Amsterdam mit. Am Vorabend hatten Historiker eine kritische Analyse zu dem Buch präsentiert. Sie sprachen von einem »schwankenden Kartenhaus«. In dem Buch wird ein jüdischer Notar als Verräter des Verstecks des jüdischen Mädchens genannt. Die Enkelin des beschuldigten Notars rief nun auch den US-Verleger Harper Collins auf, das Buch weltweit aus dem Handel zu nehmen. »Mit diesem Werk beutet ihr die Geschichte von Anne Frank aus und tragt zu einem großen Unrecht bei«, sagte Mirjam de Gorter einem niederländischen Radiosender.

Anne Frank (1929–1945) lebte zwei Jahre lang gemeinsam mit ihrer Familie und vier anderen Juden in einem Hinterhaus in Amsterdam im Versteck vor den deutschen Nazis. Dort schrieb sie ihr heute weltberühmtes Tagebuch. 1944 wurde das Versteck verraten, und die Bewohner wurden in Konzentrationslager deportiert. Nur Annes Vater Otto überlebte. Ein internationales »Coldcase-Team« unter Leitung eines ehemaligen FBI-Agenten hatte untersucht, wer das Versteck verraten hatte, und seinen Bericht im Januar präsentiert. Der jüdische Notar soll der Verräter gewesen sein, um sich und seine Familie zu retten. Sofort nach Erscheinen aber gab es heftige Kritik von namhaften Historikern.

Sie legten eine Gegenstudie vor. Das Buch sei stümperhaft, beruhe auf falschen Annahmen, Quellen seien falsch genutzt worden. Auf dieser Grundlage rief der Amsterdamer Verlag die Buchhändler auf, ihre Vorräte zurückzuschicken. Man entschuldigte sich »bei all denjenigen, die durch den Inhalt des Buches verletzt wurden«. Das Coldcase-Team hatte die Vorwürfe zurückgewiesen. Sie hätten nur eine Theorie dargestellt, die allerdings sehr wahrscheinlich sei. (dpa/jW)

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