26.11.2021 / Ausland / Seite 2

Paris und London lassen sterben

Nach dem Tod von 27 Flüchtlingen im Ärmelkanal: Frankreich will »stärkere europäische Zusammenarbeit«

Am Mittwoch kenterte im Ärmelkanal ein Boot mit Flüchtlingen, mindestens 27 Menschen starben. Paris und London schieben sich gegenseitig die Schuld zu und wollen »beraten«. Am Donnerstag hat Frankreich die für Migration zuständigen Minister mehrerer europäischer Länder zu einem Treffen im nordfranzösischen Calais eingeladen. Am Sonntag sollen Vertreter Deutschlands, Belgiens, der Niederlande, Großbritanniens sowie der EU zusammenkommen, hieß es vom französischen Innenministerium.

Das Boot war vor der französischen Stadt Calais gekentert. Unter den Toten waren auch Frauen und Kinder. Die französischen Behörden nahmen vier mutmaßliche Schleuser fest. Nur zwei Menschen überlebten das Unglück.

Paris will den Angaben zufolge bei dem Treffen »Mittel und Wege zur Stärkung der polizeilichen, gerichtlichen und humanitären Zusammenarbeit festlegen«, um »besser gegen die Schleusernetzwerke vorzugehen«. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte am Donnerstag »eine stärkere europäische Zusammenarbeit in diesem Bereich«. Während eines Besuchs in Kroatien sagte er: »Wenn diese Frauen und Männer an den Ufern des Ärmelkanals ankommen, ist es bereits zu spät.« Er rief zu einem »gemeinsamen Vorgehen gegen Schleuserbanden« auf.

Die britische Innenministerin Priti Patel verlangte am Donnerstag ebenfalls ein härteres Vorgehen gegen Schleuser, erklärte aber mit Blick auf die Situation der Flüchtlinge: »Es gibt keine schnelle Lösung.« Sie wiederholte ihr Angebot, britische Polizisten und Grenzbeamte nach Frankreich zu schicken, und schloss nicht aus, dass Flüchtlingsboote künftig über den Kanal zurückgeschickt werden könnten.

Premier Boris Johnson hatte am Mittwoch den Vorwurf wiederholt, Frankreich tue zu wenig. Sein Sprecher wies auf die umgerechnet 62 Millionen Euro hin, mit denen Großbritannien die französischen Kontrollen am Ärmelkanal unterstützt. Das Geld sei dafür gedacht, Migranten aufzuhalten, sagte er.

Französische Politiker lehnten die britische Forderung ab, eigene Beamte nach Frankreich schicken zu können. Die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, machte Johnsons harte Migrationspolitik für die Krise verantwortlich. (AFP/dpa/jW)

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