08.10.2021 / Thema / Seite 12

Eine Affenschande

Der Lieferdienst Gorillas reagiert auf Streiks seiner Rider mit Entlassung und Union-Busting. Dabei ist bereits das gesamte Geschäftskonzept fragwürdig

Elmar Wigand

Die Verzweiflung muss groß sein im Management von Gorillas. Auf erneute Streiks in Berlin, die derzeit zum dritten Mal innerhalb dieses Jahres mit jeweils steigender Beteiligung ablaufen, reagiert der angeschlagene Supermarktkurier (Flash-Supermarkt) jetzt mit Massenentlassungen an drei Lagerstandorten. Durch diesen Willkürakt heizt das Management die Solidarisierung unter den Beschäftigten aller Lieferdienste nicht bloß an, es gießt geradezu Öl ins Feuer, was zu negativer Berichterstattung, Imageschädigung und Abschreckung von Investoren führen dürfte. Wütende Proteste bis hin zu Boykottaufrufen sind nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu erwarten – von Amsterdam, Barcelona, Mailand, London bis New York.

Götterdämmerung

Wahrscheinlich erleben wir die Götterdämmerung der Marke Gorillas. Zumal das Personalmanagement seit dem 4. August mit Deena Fox eine US-amerikanische Personalmanagerin installiert hat, die in ihrer Vita bereits eine Schleifspur der Verwüstung hinterlassen hat. Sie war für kurze Zeit sogar Personalchefin (Human Resources Director) für Amazon in Nordamerika. Ein Blick auf die Investoren der letzten zwei Runden zeigt zudem: Gorillas ist bereits von Mitbesitzern der Konkurrenz durchsetzt. Der Dax-Konzern Delivery Hero (Besitzer von Food Panda) und die New Yorker Investmentgesellschaft Coatue Management (Flink und Doordash) gehören zu den größten Anteilseignern. Coatue wurde von einem gewissen Philippe Laffont gegründet, der nach einem Studium an der Tech-Eliteuni MIT in Boston von 1992 bis 1994 für die berüchtigte Unternehmensberatung McKinsey & Company gearbeitet hat. Das ist die Richtung, aus der jetzt der Wind weht: McKinsey und Amazon.

Aus einem zweiten Grund sind Massenentlassungen, Willkürakte und Union Busting für Lieferdienste derzeit problematisch: Arbeitskräfte sind Mangelware, und sie werden im Winter – bei Regen, Matsch und Schnee – noch knapper. Statt sie zu quälen und zu knechten, sollte ein kluges Management sie pflegen. Im Segment der Onlinelieferdienste grassiert derzeit ein Goldrausch des Risikokapitals, der die Fahrer (Rider) in eine ungewohnt komfortable Verhandlungsposition setzt, wie sie seit der Einführung der Hartz-Gesetze 2003 nicht existiert hat, also im seitdem entstandenen »besten Niedriglohnsektor Europas« (so das erklärte Ziel des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder, SPD). Etliche Fahrradkurierketten sind aktuell am Markt, versuchen, den Markt zu erobern oder zumindest einen kleinen Claim am deutschen Klondike-River abzustecken.

Dabei ist unklar, ob diese Firmen und ihre Geldgeber hier tatsächlich noch faustdicke Nuggets vermuten oder ihr Gebiet später einfach nur meistbietend an den einzig überlebenden Champion verkaufen wollen – etwa wie strategisch gekauftes Bauland, das ein Großprojekt blockieren kann. Dazu gehören Lieferando (Just Eat Takeaway, Niederlande), Flink (Doordash, San Fransisco – verbunden mit Walmart und Coatue –, Rewe, Köln), Gorillas (diverse Investoren, darunter Delivery Hero, Berlin, wiederum Coatue, Atlantic Food Labs, Berlin, Tencent aus China), Domino’s, Getir, Wolt (Facebook-Boss Mark Zuckerberg mit Iconiq Capital), Food Panda (Deutschland, Delivery Hero), Uber Eats, Burger.me, Picnic, Knuspr (Rohlik, Tschechien)¹, Bring24 (Metro) … Wer kennt tatsächlich alle diese Namen? Und es fehlen noch diverse, die nur in bestimmten Metropolregionen an den Start gehen und in anderen daher unbekannt sein dürften. Aus der »Old Economy« stehen Aldi, Lidl und Netto in den Startlöchern, den Angriff der Startups zu kontern.

Alle Analysten sind sich einig: Es kann später nur einen geben. The winner takes it all. Der Markt wird sich bereinigen, wie der 2013 liberalisierte Busfernverkehr zeigt, von dessen unzähligen Linien bis zum Jahr 2018 nur Flixbus mit 95 Prozent Marktanteil übrig blieb. Im Segment der Flash-Supermärkte ist allerdings eine nicht ganz unwesentliche Frage strittig: Ist das überhaupt ein Markt? Oder handelt es sich nur noch um Fieberträume kokainsüchtiger Börsianer und Coronalockdowngewinnler, also Anzeichen einer – dem kalifornischen Goldrausch von Sacramento im Jahr 1850 vergleichbaren – sinnlos umherschweifenden Risikokapitalblase, die kurz vor dem Platzen steht? Dazu später mehr.

Deutsches Einhorn

Zunächst wird die kluge Leserin anmerken: Da vermischen wir aber Restaurantlieferdienste wie Lieferando und Flash-Supermärkte wie Gorillas. Die Jobs sind sich allerdings so ähnlich, dass all diese Ketten um eine alles entscheidende Ressource konkurrieren: menschliche Arbeitskraft. Als Sammelbegriff scheint Quick-Commerce tauglich (Q-Commerce als Fortentwicklung der E-Commerce per Smartphone): Du fährst, von einer App gesteuert und bewertet, in komischen, meist einfarbig grellen Klamotten mit Boxen auf dem Rücken Dinge in Innenstädten aus. Und verdienst gerade mal Mindestlohn.

Es gibt hier allerdings zwei große Unterschiede zwischen den Modellen Lieferando und Gorillas, die erklären, warum ausgerechnet die Flash-Supermärkte wesentlich härteren und hartnäckigeren Arbeiterwiderstand hervorbringen. Hier müssen die Rider wesentlich schwerer tragen – etwa wenn Party-People ganze Bierkästen in den vierten Stock ordern. Nicht selten kommen an die 20 Kilo zusammen, die auf dem Rücken über Kopfsteinpflaster gepoltert werden. Der Job ruiniert den Rücken. Bei Lieferando geht es meist nur um Pizza, Sushi und Co. Für das Widerstandspotential noch wichtiger: Lieferando atomisiert seine Rider. Sie starten überwiegend von zu Hause, werden nur durch die Plattform und den Algorithmus gesteuert und sind damit sehr schwer erreichbar und organisierbar, wohingegen sich die Flash-Supermarkt-Rider täglich vor ihren Hubs in Wohnvierteln zusammenfinden, während sie auf Bestellungen warten. Das schuf gerade in Zeiten des Coronashutdowns ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Und wenn jemand gefeuert wird, dann fehlt er oder sie den anderen, und die Wut steigt.

Das Berliner Startup-Unternehmen Gorillas schickte sich 2020 an, erst Deutschland, dann Europa, dann die Welt zu erobern – und versetzte die deutsche Wirtschaftspresse in einen Freudentaumel, weil das Management innerhalb eines Jahres eine Milliarde Euro an Investmentkapital einsammeln konnte, was in der Finanzszene zum Ehrentitel des Fabelwesens »Einhorn« (Unicorn) berechtigt. Mittlerweile sollen 3,3 Milliarden Euro in diesem Risikokapitalverbrennungsofen gelandet sein. Nun sind Gorillas erstens keine Fabelwesen und zweitens in der Realität eine bedrohte Tierart, die durch Rodung und Landnahme vom Aussterben bedroht ist. Vielleicht hätte man schon beim »Wording« (der Namensgebung) vorsichtiger sein sollen. Gorillas wird im Englischen zudem mit Guerillas assoziiert. Der Gorillas-CEO Kagan Sümer, ein Mechatronikstudent aus Istanbul, sieht und verkauft sich wohl tatsächlich als eine Art neoliberalen Business-Guerillero, der aggressiv und gewalttätig gegen die althergebrachte Geschäftsordnung verstößt und die traditionellen Supermarktketten frontal attackiert.

Doch der Geist der todesmutigen Partisanen scheint in Berlin vor allem in die Gorillas-Rider gefahren zu sein. Sie mischen die lahme deutsche Streikkultur beherzt auf und erweitern das Arsenal des Klassenkampfs furchtlos um das hierzulande fast vergessene Mittel des »wilden«, verbandsfreien Streiks. In Anlehnung an die Bremer Stadtmusikanten, deren Motto war: »Etwas Besseres als den Tod finden wir überall«, könnte man ihre Haltung so beschreiben: »Einen miesen Job wie diesen finden wir an der nächsten Ecke.«

Mit der Abrissbirne

Liest man heute die Jubelberichte aus dem Jahr 2020, die im Handelsblatt oder der FAZ über das deutsche Einhorn Gorillas erschienen, keimt der Verdacht, dass aus dem Fall Wirecard rein gar nichts gelernt wurde. Man will doch so gerne globale Champions hervorbringen – am liebsten in der allerneuesten New Economy. Dass Gorillas eine Geschäftsidee verfolgte, die es in den USA schon längst gab, wen interessierte das? Es ist im Prinzip nichts ehrenrühriges, eine Copycat (Nachahmerin) zu sein – die Letzten können die Ersten sein, wenn sie aus Fehlern der anderen lernen und den richtigen Zeitpunkt erwischen; die gesamte deutsche Industrie wurde als Kopie erst englischer dann US-amerikanischer Fabrikorganisation aufgebaut –, aber man muss aufgrund dieser Leistung auch keine Kapriolen schlagen, als würde Genialität dahinterstecken. Gorillas ist tatsächlich nicht mehr als eine Kopie des 2013 in Philadelphia gegründeten Lieferdienstes »Go Puff«, der bis heute weltweiter Marktführer des Segments ist und mit Uber unter einer Decke steckt. Ebenfalls 2013 gründeten Stanford-Alumni in San Francisco Doordash, die sowohl Restaurant- als auch Supermarktlieferungen abwickeln und vielleicht das bislang erfolgreichste Geschäftsmodell auf den Asphalt bringen.

Am 4. August berichtete die deutsche Wirtschaftspresse, dass Gorillas mit der US-Amerikanerin Deena Fox eine neue Personalchefin im Topmanagement begrüßen durfte. Im internationalen Business-Denglish heißt der Job des Heuerns und Feuerns heute übrigens »Chief People Officer«, nicht mehr wie noch vor kurzem »Human Resources Officer«, was bei akribischer Übersetzung tatsächlich »Offizier für Menschenmaterial« oder für »menschlichen Nachschub« bedeutet und nicht nur hart klingt, sondern tatsächlich aus der US-Armee stammt.

Nicht so Fox. Laut Gorillas-PR soll sie ihre Erfahrung einsetzen, »um eine diverse und integrative Unternehmenskultur zu fördern und damit nachhaltiges Wachstum zu unterstützen«.² Weiter heißt es: »Nun will das in die Kritik geratene Unternehmen seine Personalstrategie weiterentwickeln und damit die Grundlage für künftiges Wachstum schaffen.« Wer hätte dahinter wohl eine personelle Kahlschlags- und Vergeltungspolitik mittels Massenentlassungen vermutet?³

Allerdings lässt Fox’ bisherige Karriere auch für den hochtrabenden Gorillas-CEO wenig Spielraum zur Hoffnung. Es handelt sich entweder um eine menschliche Abrissbirne oder eine Art Feuerwehrfrau für ganz schwierige Fälle – wenn wir ihre letzten beiden Einsätze zum Maßstab nehmen. Am 4. März brachte Fox die digitale Krankenkasse Oscar Health an die New Yorker Börse – auch hier jubelte die deutsche Presse besonders laut, weil mit dem Kogründer Mario Schlosser ein Deutschstämmiger an Bord war. (Dass der zweite Oscar-Gründer im Jahr 2012 Joshua Kushner hieß und der Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ist, fiel unter den Tisch.)⁴ Jedenfalls sackte die Oscar-Aktie direkt zum Börsenstart um elf Prozent ab. Heute dümpelt sie bei 16,14 US-Dollar; Ausgabepreis waren 39 Dollar. Wohl eher das Gegenteil einer Erfolgsgeschichte.

Noch nervöser sollte Gorillas-Investoren ein Blick auf Deena Fox’ vorheriges Engagement machen. Im Jahr 2016 verbrannte Walmart 3,3 Milliarden US-Dollar, um mit der Onlineplattform Jet.com keinem geringeren als Amazon Paroli zu bieten. Es lohnt sich auch hier, die damaligen Verlautbarungen der Wirtschaftspresse zu lesen und zu genießen. »›Wir suchen nach Wegen, unsere Preise zu senken, unser Sortiment zu erweitern und das simpelste und einfachste Shoppingerlebnis zu bieten‹, verkündete Walmart-Chef Doug McMillon. Mit dem Zukauf bringt sich der im Onlinegeschäft ins Hintertreffen geratene Handelsgigant in Stellung, um Boden gegenüber Konkurrenten wie Amazon gutzumachen.«⁵ Heute ruht Jet.com auf dem Markenfriedhof. Die Domain verweist auf die Walmart-Homepage und dürfte somit zu den teuersten Webadressen der Geschichte gehören.

Wenn wir uns um die Zukunft von Gorillas Gedanken machen, dann ist sowohl ein Blick auf personelle Netzwerke als auch auf Investoren zielführend. Mit Verbindungen in den Trump-Clan lässt sich Deena Fox’ Brachialstrategie gegen aufmüpfige Berliner Rider ebenfalls erklären. Möglicherweise soll hier durchaus bewusst kein Stein auf dem anderen bleiben. Da Fox über Jet.com eine – wenn auch schmerzhafte – Vorgeschichte mit Walmart hat, könnten wir vermuten, dass sie von Coatue bei Gorillas installiert wurde, um eine Übernahme durch Flink und Doordash vorzubereiten. Dabei dürfte auch die ramponierte Marke Gorillas auf dem Markenfriedhof landen und ein Schaumschläger wie Kagan Sümer nebenbei überflüssig werden.

Wirklichkeitsfremder Unfug

Keineswegs sollte hier der Eindruck entstehen, die gesamte deutsche Wirtschaftspresse sei blind, verblendet oder Investoren zu Diensten. Oder wir wüssten alles besser. Drei altehrwürdige Fachblätter haben Autoren, die rechnen können. Capital, Absatzwirtschaft und Immobilienzeitung schreiben im Fall von Gorillas durchaus Klartext – auch wenn die zentrale Geschäftsidee hinter der Q-Commerce eklatant verkannt wird. Die Phantasie reicht offenbar nicht aus, das Geschäftsmodell von kostenlosen Diensten wie Google und Facebook auf Q-Commerce zu übertragen: Datamining, Profiling und Manipulation der Bevölkerung. Vermutlich existiert diese Denksperre, weil wir hier auf die dunkle Seite des Monopolkapitalismus treten. Die lautet: Marktmanipulation, kriminelle Ökonomie, schmutzige Methoden, Datenschutzverstöße und Bedrohung der freien wie sozialen Marktwirtschaft – falls man glauben will, dass so etwas im Kapitalismus nicht bloß ein Märchen sei und je überhaupt dauerhaft existieren könnte.

Am nächsten kommt die Zeitschrift Capital dieser manipulativen bis kriminellen Option. Das für gewöhnlich sehr zugeknöpfte Gorillas-Management gewährte dem Wirtschaftsmagazin exklusive Einblicke in interne Firmenpräsentationen, wie der Laden durch neue Einnahmequellen in die Erfolgsspur kommen könnte: »Neben den Erlösen aus dem reinen Liefergeschäft will Gorillas offenbar auch seine App monetarisieren. In dem internen Fahrplan ist von Werbung, Partnerschaften und Treueprogrammen sowie einer eigenen Kreditkarte die Rede. Auch aus diesem Grund ist schnelles Wachstum entscheidend: Ab einer gewissen Kundenzahl wird der Onlinesupermarkt nämlich zu einer relevanten Bühne für Händler und Marken. In der Präsentation ist von aktuell 800.000 App-Downloads die Rede, etwa 30 Prozent der Nutzer bestellen tatsächlich etwas. Hinzu kommt, dass Gorillas die Vorlieben seiner Kunden genau analysieren kann. Somit wäre auch personalisierte Werbung möglich.«⁶

Ferner träumt man von einer Automatisierung der Lager per Roboter. Tatsächlich sind die sogenannten Picker, die in beengten Lagern in Windeseile die Waren zusammenraffen, die Lokführer der letzten Meile, also die Gruppe mit der größten Produktionsmacht. Der Traum von automatisierten Picker-Robotern ist aber angesichts aller Erfahrungen, die Amazon in den letzten Jahrzehnten gesammelt hat, absolut idiotisch und weltfremd. Wenn Roboter nicht mal Bücher und CDs greifen können, wie sollen sie Avocados und Milchtüten unfallfrei in Windeseile kommissionieren? In Capital wird dieser wirklichkeitsfremde Bullshit unkommentiert abgedruckt.⁷

Die realen Zahlen sind verheerend: Capital rechnet vor, dass Gorillas derzeit bei einem durchschnittlichen Bestellwert von 23,80 Euro und 1.100 Bestellung pro Lager am Tag nur einen Deckungsbeitrag (Gewinn pro Tour) von 25 Cent erzielt. »Schafft das Unternehmen 700 weitere Orders pro Standort und einen leicht höheren Bestellbetrag, steigt auch der Deckungsbeitrag auf 3,59 Euro. (…) Doch an diesem Punkt ist Gorillas – Stand Frühsommer 2021 – noch nicht. Die meisten Warenlager schaffen bislang weniger als 1.000 Bestellungen pro Tag, auch der durchschnittliche Bestellwert liegt noch bei rund 20 Euro«.⁸

Die Immobilienzeitung analysierte, dass Flink Gorillas in Deutschland bereits überholt hat: »Gorillas lieferte am 1. September der Homepage zufolge in 21 deutschen Städten in 59 Liefergebieten Lebensmittel aus, Flink ist in 35 Städten mit 70 Liefergebieten vertreten.«⁹ Auch was das Sortiment angeht, hätte Flink, wenn es mit seinem Partner Rewe fusioniert, die Nase vorn: »Derzeit führt Gorillas je nach Standort 1.500 bis 2.700 Artikel im Sortiment. (…) Bei Rewes Lieferdienst sind es an die 20.000. Wenn Gorillas den durchschnittlichen Bestellwert nach oben treiben will, muss es also perspektivisch mehr anbieten.«¹⁰

Ein Indikator der Klassenkämpfe in der Lieferbranche sind die Lieferzeiten. Gorillas verspricht wahnwitzig anmutende zehn Minuten, die laut internen Unterlagen fast überall eingehalten würden. London sei mit acht Minuten am schnellsten, Berlin mit 14 Minuten am langsamsten. Ob die Zahlen stimmen und wie der Ausfall ganzer Lager durch Streiks hier einberechnet wird, ist jedoch unklar. Analysten gehen allerdings davon aus, dass Lieferzeiten von 30 bis 45 Minuten nötig wären, innerhalb deren Bestellungen kombiniert werden können, um irgendwann profitabel zu wirtschaften. Und in der Tat: Im Gegensatz zur Pizza wird die Supermarktware ja nicht kalt. Dieses Sofortversprechen ist daher nichts anderes als spätkapitalistische Dekadenz.

Wut und Widerstand

Wenn es nicht längst zu spät wäre, würde mein Rat an Kagan Sümer lauten, dass er diese Streiks keineswegs persönlich nehmen darf. Sein eklatanter Misserfolg hängt offenbar auch mit dieser Charakterschwäche zusammen, die ihm jeden Zugang zur Belegschaft verbaut. Doch auch sein Vorbild »Go Puff« hat ähnliche Probleme. Anfang September streikten scheinselbständig beschäftigte »Go Puff«-Fahrer in South-Philadelphia zusammen mit der NGO Working Washington, nachdem die Firma deren durchschnittliche Einnahmen faktisch von zwölf auf 8,50 US-Dollar rasiert hatte, indem man ein Lager schloss und dadurch die Fahrtzeiten verlängerte. Dass dieser Kahlschlag just passierte, nachdem das Management eine weitere Milliarde an Investorengeldern eingeworben hatte, befeuerte den Zorn.¹¹

Gemessen an den USA erscheinen die Arbeitsbedingungen in Deutschland geradezu paradiesisch: »Go Puff« arbeitet mit Scheinselbständigkeit und einer je nach Stadtteil völlig variablen Entlohnung zwischen 2,75 und fünf Dollar pro Bestellung. Vermutlich kann Deena Fox als US-Amerikanerin tatsächlich nicht verstehen, wieso die Berliner Rider in fucking Germany sich eigentlich verdammt noch mal so anstellen … Dass ihre Massenentlassungen vermutlich einen Wiedereinstellungsprozess zur Folge haben dürften, der sich über Jahre hinziehen und am Ende vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg landen könnte,¹² dürfte ihr vermutlich egal sein. Dann wird sie längst wieder weg sein.

Anmerkungen

1 Manuela Pauker: Online-Supermarkt Knuspr startet 2021 in München. In: W&V, 23.11.2020, www.wuv.de/marketing/online_supermarkt_knuspr_startet_2021_in_muenchen

2 Henning Eberhardt: Gorillas installiert Global Chief People Officer. In: Absatzwirtschaft, 4.8.2021, www.absatzwirtschaft.de/gorillas-installiert-chief-people-officer-181176

3 Ebd.

4 Astrid Dörner und Katharina Kort: Ein Deutscher greift mit seinem Startup die US-Krankenversicherer an. In: Handelsblatt, 4.3.2021

5 dpa: Angriff auf Amazon: Walmart kauft Jet.com für 3,3 Milliarden Dollar. In: Fashionnetwork, 9.8.2016, de.fashionnetwork.com/news/Angriff-auf-amazon-walmart-kauft-jet-com-fur-3-3-milliarden-dollar,721180.html

6 Hannah Schwär und Caspar Tobias Schlenk: »Gorillas 2.0« – der Geheimplan des Liefer-Startups. In: Capital, 6.7.2021, www.capital.de/wirtschaft-politik/gorillas-2-0-der-geheimplan-des-liefer-start-ups

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Christoph von Schwanenflug: Gorillas eröffnet in New York, Flink in Erlangen und Heilbronn. In: Immobilienzeitung, 13.9.2021

10 Hannah Schwär und Caspar Tobias Schlenk: »Gorillas 2.0«, a. a. O.

11 Christian Hetrick: Go Puff wrestles with driver issues. In: The Philadelphia Inquirer, 6.9.2021

12 Benedikt Hopmann: Scharfe Waffe. In: junge Welt, 3.8.2021

Elmar Wigand ist Pressesprecher des Vereins aktion ./. arbeitsunrecht.

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