02.10.2021 / Thema / Seite 12

Der neue Frontstaat

Nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan trieb das benachbarte Tadschikistan in einen Bürgerkrieg, mit anhaltenden Folgen

Harald Projanski

Die Warnung, die Russlands Präsident Wladimir Putin Mitte September 2021 in einer Videobotschaft den militärischen Verbündeten seines Landes übermittelte, war eindeutig. Zum Auftakt einer Konferenz der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS) in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe sagte Putin, nach dem Sieg der Taliban in Afghanistan sei die Lage an den Außengrenzen des Bündnisses »nicht nur nicht stabil, sondern birgt neue, wirklich scharfe Herausforderungen und Risiken für die Sicherheit unserer Länder«. Gemeint ist damit vor allem die Grenze des Bündnismitgliedes Tadschikistan zu Afghanistan. Diese 1.300 Kilometer lange Grenzlinie verläuft auf Hunderten von Kilometern am Pamir durch gebirgiges Gelände und lässt sich daher nicht vollständig kontrollieren. Tadschikistan, bedeutet das, ist jetzt als Verbündeter Russlands ein Frontstaat geworden. Gemeinsame Manöver unmittelbar nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul haben Moskaus Entschlossenheit unterstrichen, die Tadschiken weiter zu unterstützen.

Anhaltendes Sorgenkind

Tadschikistan, ein karges Bergland mit einer reichen Tradition an phantasievollen Märchen, galt schon zu Sowjetzeiten als Sorgenkind unter den Unionsrepubliken. Die Glut, für die islamistische Prediger sorgten, war dort nie ganz erloschen. Ein Sieg der islamistischen Aufständischen, der Mudschaheddin in Afghanistan, so die damalige Befürchtung sowjetischer Politiker, könne auch die zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion in einen Strudel bewaffneter Konflikte reißen. Diese Sorge trug maßgeblich dazu bei, dass Moksau sich im Dezember 1979 zu einer militärischen Intervention in Afghanistan entschloss.

In der späten Sowjetunion war umstritten, welche Folgen ein Ende der Hilfe für die Demokratische Republik Afghanistan haben würde, für den letzten weltlichen Staat Afghanistans, wie man heute weiß. Nach dem Abzug der Sowjettruppen im Februar 1989 und dem Sieg der Mudschaheddin im Frühjahr 1992 in Kabul folgte in Zentralasien die Probe aufs Exempel. In der Republik Tadschikistan demonstrierten ab März 1992 in der Hauptstadt Duschanbe »Demokraten« aus der städtischen Intelligenz und Islamisten gemeinsam gegen den im November 1991 mit 58,5 Prozent gewählten Präsidenten Rachmon Nabjiew. Er war der erste Präsident des unabhängigen Tadschikistan.

Nabijew war von 1982 bis 1985 Erster Sekretär der Kommunistischen Partei in Tadschikistan gewesen. Im Dezember 1985 war er abgesetzt worden, wegen seiner Leidenschaft für Trinkgelage und Hochprozentiges. Nabijew gehörte zu jenen Funktionären der sowjetischen Niedergangsperiode, die mehr dem Alkohol als dem Sozialismus ergeben waren.

Durch seine Verbindungen im regionalen Machtapparat gelang es ihm, 1990 zum Abgeordneten des tadschikischen Obersten So­wjets und zum Präsidentschaftskandidaten aufzusteigen. Er stand für einen weltlichen Staat mit einem Mehrparteiensystem. Doch sehr bald zeigte sich, dass Nabijew, mehr Partylöwe als Parteiführer, dem Ansturm einer Massenbewegung prowestlicher »Demokraten« und militanter Islamisten nicht gewachsen war.

Tragende Kräfte der Proteste waren die Demokratische Partei und die Partei der Islamischen Wiedergeburt Tadschikistans. Beide hatten ihre Wurzeln in der Dissidentenbewegung der 1970er Jahre. Die Demokratische Partei war inspiriert vom Modell der westlichen bürgerlichen Demokratie und vom Wunsch nach einer »nationalen Erneuerung«. In der Partei der Islamischen Wiedergeburt sammelte sich ein breites Spektrum von gemäßigt muslimischen bis zu reaktionär islamistischen Kräften, mit Affinität zu den Mudschaheddin in Afghanistan und zum Iran. Die prowestlichen »Demokraten« wurden bei den Präsidentenwahlen 1991 von einem Kinoregisseur angeführt, der nach offiziellen Angaben 30,1 Prozent der Stimmen erhielt. An der Spitze der Islamisten stand der seit 1973 immer wieder mal vom KGB festgesetzte islamische Prediger Sajid Abdullochi Nuri. Er stammte aus einer Familie von Religionsgelehrten aus den tadschikischen Bergen. Von dort, aus unterentwickelten Dörfern mit hohen Geburtenraten, rekrutierten die Islamisten ihre Anhänger.

Rücktritt erzwungen

Die Verbindung der überhitzten städtischen Intelligenz mit ihrem »Los-von Moskau«-Reflex mit der frustrierten Landjugend ergab im postsowjetischen Tadschikistan einen Zweikomponentensprengstoff. Im Mai 1992 kam es in Duschanbe zur Explosion. Zwischen der Protestbewegung und den Regierungstruppen entbrannten Kämpfe um Regierungsgebäude, den Fernsehsender und den Flughafen. Wie gering die Autorität des Präsidenten Nabijew war, wurde deutlich, als Anfang Mai die Präsidentengarde samt Panzern und Bewaffnung zur Opposition überlief.

Nabijew gab dem Druck der bewaffneten Gegner am 11. Mai 1992 nach und willigte in die Bildung einer Koalitionsregierung mit seinen Gegnern ein. Doch sein Zurückweichen nützte ihm nichts. Im August 1992 kam es erneut zu Kämpfen in Duschanbe, militante Regierungsgegner versuchten den Präsidenten festzusetzen. Nabijews Fluchtversuch endete nach Schießereien in einem Gentlemen’s Agreement: Er gab sein Amt auf und zog sich ins Privatleben zurück. Mit ihm hatten die sowjetische Bürokratie und die unmittelbar von der KPdSU formierte Elite abgewirtschaftet. Dennoch wirkte das sowjetische Erbe im Bedürfnis eines großen Teils der Gesellschaft nach einem weltlichen Staat mit Bildung auch für Frauen und einer Trennung von Moschee und Staat fort.

Der Interimspräsident Akbarscho Iskandarow, ein ehemaliger KPdSU-Funktionär der regionalen Leitungsebene, war schwach und verfügte kaum über die Kontrolle im Land. Tadschikistan zerfiel in zwei Teile: Gebiete unter Herrschaft der bewaffneten Opposition vor allem in den Bergregionen im Norden und Osten sowie den entwickelteren Teil des Landes um die Stadt Chudschand (früher Leninabad) im Nordwesten und das Landwirtschaftsgebiet um Kulob und Kurgan-Tjube bzw. Bochtar im Süden. Die Gegner der bewaffneten Opposition hatten ihre Hochburgen vor allem in den Gebieten Tadschikistans, in denen die sowjetische Modernisierung über Jahrzehnte Verbesserungen des Lebens gebracht hatte. Tadschikische Frauen, die sowjetische Bildungseinrichtungen absolviert hatten, spielten eine wichtige Rolle. Sie waren eine treibende Kraft im Kampf gegen die Opposition. In deren Reihen wiederum gewannen die Islamisten aus den geburtenstarken Bergregionen im Zuge der Kämpfe immer mehr an Bedeutung.

Im weltlichen Lager hingegen dominierte zeitweilig die Halbwelt. Der Prestigeverlust der Parteibürokratie durch den Zerfall der KPdSU und die erbärmliche Rolle des KP-Funktionärs Nabijew führten dazu, dass andere Kräfte das entstandene Vakuum füllten: Männer der organisierten Kriminalität.

Sangak Safarow, Jahrgang 1928, hatte mehr als 20 Jahre in sowjetischen Straflagern und Gefängnissen gesessen. Verurteilt worden war er wegen Diebstahls und Messerstecherei mit Todesfolge. Dieser Mann avancierte 1992 zum Führer der Volksfront Tadschikistans, die den Widerstand gegen die Islamisten organisierte. Safarow gehörte zu jenen Führern der postsowjetischen Umbruchszeit, die mehr Figuren aus Friedrich Schillers »Die Räuber« als Revolutionären ähnelten. Safarow war ein impulsiver Redner. Der Patriarch mit Pelzmütze genoss Sympathien in Teilen der paternalistisch geprägten Landbevölkerung im Süden Tadschikistans, als eine Art Robin Hood vom Hindukusch. So avancierte er in den Wirren 1992 zum Volksfront-Führer.

Der Bankrott der KPdSU brachte es mit sich, dass ein Räuberhauptmann wie Safarow zum Hoffnungsträger im Kampf gegen die islamistische Reaktion wurde. Es war so weit gekommen, dass nach dem »realen Sozialismus« in Tadschikistan ein weltlicher Staat nur noch im Bündnis mit Teilen der kriminellen Szene zu verteidigen war. In Safarows Volksfront sammelten sich auch zahlreiche Mitarbeiter der sowjetischen Miliz und des Geheimdienstes KGB.

Safarow bekam zudem Unterstützung von führenden Offizieren des sowjetisch geprägten russischen Militärgeheimdienstes GRU, denen zwischen Baltikum und afghanischer Grenze ein Ruf als Haudegen vorauseilte. Über die Motivlage sagte der in Zentralasien tätige GRU-Generalmajor Alexander Tschubarow später: »Mütterchen Russland brauchte dort kein Chaos, indem islamische Fundamentalisten zur Macht kommen.« Gemeinsam mit russischen Offizieren, meist mit Afghanistan-Erfahrung, griffen auch usbekische Militärs in den tadschikischen Bürgerkrieg ein. Safarow erhielt mehrere Berater vom russischen Militär, die sein »scharfes Gefühl für Gerechtigkeit« schätzten und seine Verachtung für die aus der KP hervorgegangenen kapitulantenhaften Politiker in Duschanbe teilten.

Bauernschlauer Präsident

Vor diesem Hintergrund war das Bild bürgerlicher Medien, in Tadschikistan kämpften »Altkommunisten« gegen »Demokraten und Muslime«, eine Verzerrung der Realität. Es gab keine kommunistische oder sozialistische Organisation von Gewicht in den Reihen der tadschikischen Volksfront. Statt dessen traten neue, nur bedingt sowjetisch geprägte Figuren auf die politische Bühne. Im November 1992 wurde Emomali Rachmonow, früher Direktor eines landwirtschaftlichen Staatsgutes, einer Sowchose bei Kulob im tadschikischen Süden, zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets Tadschikistans gewählt. Er vertrat die tadschikische »Volksfront«.

Nachdem Rachmonow mit russischer Unterstützung an die Spitze des Staates gekommen war, verschoben sich in dem von der Volksfront kontrollierten Teil des Landes rasch die Gewichte. Rachmonow stützte sich auf den zentralen Regierungsapparat mit sowjetisch ausgebildetem Personal. Die Leiter des rudimentären Staates hatten im Bürgerkrieg gegen die Islamisten aus den Bergen kein Interesse, sich dem Diktat von Feldkommandeuren mit krimineller Vergangenheit wie Safarow zu unterwerfen. Der strukturelle Konflikt zwischen beiden Lagern entlud sich gewaltsam. Am 29. März 1993 starb Sangak Safarow, »der neue starke Mann von Tadschikistan« (so Der Spiegel im Januar 1993), bei einer Schießerei unter nie ganz geklärten Umständen. Wer den Anstoß oder den Auftrag zu den tödlichen Schüssen gab, lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Im Ergebnis festigte Rachmonow seine Macht. Seit 1994 ist er ununterbrochen Präsident des Landes und kurz hinter Alexander Lukaschenko der am zweitlängsten amtierende Staatschef auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Beide hatten ein ähnliches Erfolgsrezept: Sie machten Bauernschläue zur Staatsdoktrin.

Schon Ende 1992 beherrschten die Anhänger eines weltlichen Staates die Hauptstadt Duschanbe. Doch der Bürgerkrieg ging weiter. »Demokraten« und Islamisten bildeten 1993 eine »Vereinigte Tadschikische Opposition« unter der Parole «Unsere Stärke ist die Einheit«. Die »Demokraten« wurden dort mehr und mehr zu Randfiguren, der Islamlist Nuri war die dominierende Gestalt. Seine Rolle wuchs noch, als er mit einem Führungsstab der Opposition 1993 nach Kabul emigrierte. Dort genoss die tadschikische Vereinigte Opposition Unterstützung der Mudschaheddin, die ein Jahr zuvor an die Macht gekommen waren. Zehntausende Tadschiken flohen während des Krieges nach Afghanistan, viele von ihnen kamen dort durch Hunger und Krankheiten um. Ab Juli 1993 versuchten tadschikische Islamisten gemeinsam mit afghanischen Mudschaheddin mehrmals, mit bewaffneten Einheiten über die Grenze nach Tadschikistan durchzubrechen. Doch dort stationierte russische Grenztruppen schlugen die Eindringlinge zurück.

Eine wesentliche Rolle bei der Rettung des weltlichen Staates Tadschikistan spielte die 201. Division Russlands. Der Chef der Demokratischen Partei Tadschikistan, Schodmon Jusufow, hatte im Dezember 1992 verkündet, solange die 201. russische Division im Lande bleibe, werde es keinen Frieden in Tadschikistan und ganz Zentralasien geben. Das Gegenteil sollte sich als richtig erweisen. Die 201. russische Militärbasis, wie sie jetzt offiziell heißt, stationiert in Bochtar im Südwesten des Landes, ist der stärkste sicherheitspolitische Stützpfeiler des tadschikischen Staates. Dort dienen etwa 7.000 Soldaten und Offiziere, viele davon Tadschiken. Ausgebildet wurden sie jahrelang von Veteranen des sowjetischen Einsatzes in Afghanistan.

Ein Großteil der tadschikischen Gesellschaft vor allem in den Städten sieht Russland nach wie vor als Schutzmacht und strategischen Verbündeten. Denn die Sowjetunion hatte Tadschikistan eine moderne staatliche Struktur gegeben und ein allgemeines Bildungs- und Gesundheitswesen geschaffen. Die prowestlichen »Demokraten« in Tadschikistan dagegen, getrieben von Russophobie, erwiesen sich rasch als Hilfstruppen der Islamisten, wie zuvor bereits in Afghanistan.

Bürgerkrieg beendet

Im April 1995, nach dem Scheitern einer Offensive von afghanischem Boden aus, zeigte sich die Opposition allmählich verhandlungsbereit. Im Mai 1995 trafen sich Rachmonow und Islamistenführer Nuri in Kabul. Vereinbarte Waffenstillstände erwiesen sich in der Folge immer wieder als brüchig. Erst im Dezember 1996 unterzeichneten Präsident Rachmonow und die Vereinigte Tadschikische Opposition in Moskau schließlich eine Vereinbarung mit dem Ziel einer »nationalen Versöhnung«.

Am 27. Juni 1997 einigten sich beide Seiten in Moskau auf mehrere Vereinbarungen über »Frieden und nationale Versöhnung«. Seither ist dieser Tag in der Republik Tadschikistan der »Tag der nationalen Einheit«. Damit endete der Bürgerkrieg, in dem nach Schätzungen etwa 100.000 Menschen umkamen und etwa eine Million obdachlos wurden. Etwa 200.000 Tadschiken flüchteten nach Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan und Russland.

So verbreitete sich im früheren sowjetischen Raum die Lehre aus dem zerstörerischen Konflikt: Islamistische Aufstände bringen nicht mehr Gerechtigkeit, sondern Verwüstung und Massenelend. Allein die wirtschaftlichen Verluste Tadschikistans durch den Bürgerkrieg werden auf etwa zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Zum wirtschaftlichen Niedergang des Landes trug auch der Exodus von etwa 90.000 russischsprachigen Bewohnerinnen und Bewohnern während des Krieges bei. Dabei handelte es sich überwiegend um qualifizierte Fachkräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft.

Es gab mehrere Gründe dafür, dass der Krieg nach rund fünf Jahren ein Ende fand und sich nicht Jahrzehnte fortsetzte wie im Nachbarland Afghanistan: Russland hatte nicht nur seine militärische Kraft, sondern auch sein diplomatisches Potential auf vertrautem Terrain wirksam genutzt. Mit dem Orientalisten Jewgeni Primakow war 1996 ein erfahrener Kenner Asiens russischer Außenminister geworden. Zuvor hatte er den russischen Auslandsgeheimdienst SWR geleitet. In Duschanbe führte Maxim Peschkow eine Friedensmission. Der oft listig lächelnde Diplomat, ein Urenkel Maxim Gorkis, war als Gesprächspartner auf beiden Seiten des Konfliktes respektiert. Danach diente er von 2000 bis 2005 als Russlands Botschafter in Duschanbe.

Wesentliche Bedeutung und weitreichende politische Folgen hatte auch die Rolle Irans als Vermittler. Primakow gelang es, die Führung in Teheran davon zu überzeugen, dass auf dem bewaffneten Revolutionsexport kein Segen lag. Machtpolitisch war auf diese Weise für Iran in Zentralasien nichts zu gewinnen. Teheran trug maßgeblich dazu bei, dass die tadschikischen Islamisten sich auf den Verhandlungsprozess einließen. Die jahrelangen Verhandlungen führten dazu, dass Iran und Russland insgesamt eine Annäherung gelang.

Für Russland war es wichtig, Tadschikistan zu stabilisieren, um einen Flächenbrand in ganz Zentralasien zu verhindern. Seit 2002 gehört die Republik zum von Russland geführten kollektiven Militärbündnis, gemeinsam mit Kasachstan, Kirgistan, Armenien und Belarus. In der Republik Tadschikistan befindet sich zudem ein wenig bekanntes Militärobjekt, das für die Sicherheit Russlands strategische Bedeutung hat.

Der »optisch-elektronische Komplex« mit dem Namen »Okno« (Fenster), errichtet 1980, liegt 70 Kilometer südöstlich von Duschanbe auf einer Höhe von 2.216 Metern. Von dort aus können russische Spezialisten in bis zu 40.000 Kilometern Entfernung Raumflugkörper verfolgen. Das Einmalige dieses Ortes liegt in seiner günstigen Lage und der großen Anzahl klarer Nachtstunden, die beste Sicht erlauben. »Okno« ist eine zentrale Aufklärungseinrichtung der russischen Kosmosstreitkräfte. Der Friedensschluss von 1997 sicherte auch den Fortbestand dieses »Fensters«, das 2014 modernisiert wurde.

Islamisten verboten

Innenpolitisch sahen die Vereinbarungen von 1997 eine Aufteilung der Macht im Staate vor. Rund 4.500 Kämpfer der Vereinigten Tadschikischen Opposition wurden in den Staatsdienst übernommen, weitere 5.377 wurden amnestiert. Das Katastrophenschutzministerium erhielten bärtige Kämpfer der Partei der Islamischen Wiedergeburt. Dennoch erwies sich diese Partei als strategische Verliererin. Ihr Vorsitzender Nuri, der 2006 an Krebs verstarb, wurde Vorsitzender einer »Kommission für nationale Versöhnung«, Rachmonow aber hielt als Präsident die reale Macht in seinen Händen.

Bei den Präsidentenwahlen 1999 erreichte Rachmonow, der sich im selben Jahr zum »Helden Tadschikistans« küren ließ, ein verdächtiges Wahlergebnis von 97,6 Prozent. Die Partei der Islamischen Wiedergeburt erhielt offiziell nur 2,1 Prozent und sprach von Wahlfälschung. Bei den Parlamentswahlen ab 2000 errangen die Islamisten, die kurz zuvor noch erhebliche Teile der Bevölkerung für sich mobilisiert hatten, nur zwei Abgeordnetenmandate. Im politischen Alltag erinnerten sie in ihrer vorsichtigen Art eher an die CDU in der DDR-Volkskammer als an Kämpfer eines »heiligen Krieges«.

Dennoch wurde die Partei im September 2015 vom Obersten Gericht Tadschikistans als »terroristische Organisation« eingestuft und verboten. Das Gericht hielt sie für schuldig, einen gewaltsamen Umsturz geplant zu haben. Stichhaltige Beweise dafür gibt es nicht. Das Gericht wiederholte Vorwürfe der Staatsführung. Das offenkundig politisch motivierte Verfahren diente vor allem einer prophylaktischen Flurbereinigung. Ein Jahr nach dem Verbot der Islamistenpartei ließ der Präsident per Referendum religiöse Parteien in Tadschikistan generell verbieten.

Rachmonow, Vater von neun Kindern, schuf zielstrebig ein System der Macht für seinen Familienklan, der die Wirtschaft das Landes weitgehend kontrolliert. Seit 2016 leitet Tochter Osoda die Präsidentenadministration. Ihren Bruder Rustam machte der Vater 2017 zum Bürgermeister der Hauptstadt und zum Chef des Oberhauses des Parlaments. Der Sohn, rhetorisch eine Null, ist als möglicher Präsidentennachfolger im Gespräch. Das hindert Rachmonow nicht, wortreich die Korruption als »Erscheinung zu geißeln, die der Gesellschaft großen Schaden zufügt«.

Name geändert

Das sowjetische Erbe tilgte Rachmonow durch den Abbau von Denkmälern und die Beseitigung von Straßennamen. 2007 strich er die russisch klingende Endung »-ow« aus seinem Namen. Jetzt nennt er sich nur noch Rachmon. Mehr noch, er verbot faktisch russische Vornamen für Kinder. Das war die logische Folge einer Drift zu kleinbürgerlichem Nationalismus. Die Geschichte Tadschikistans, so soll es scheinen, beginnt mit ihm, dem »Begründer des Friedens und der nationalen Einheit, dem Führer der Nation«, wie sein offizieller Titel nach einem Parlamentsbeschluss von 2015 lautet. Die Zerrüttung des Bildungs- und Gesundheitswesens kompensiert der dem Alkohol verfallene Rachmon durch Appelle an das »ruhmreiche Volk Tadschikistans«, es möge »das Gefühl des Nationalstolzes« pflegen.

Der Personenkult um den Präsidenten, der im kommenden Jahr 70 wird, ist der Preis, den die tadschikische Gesellschaft für eine fragile Stabilität zahlt. Dass sich im Lande sozialer Sprengstoff anhäuft, zeigt ein Blick auf die demographische Entwicklung: Seit dem Ende der Sowjetunion hat sich die Bevölkerung Tadschikistans fast verdoppelt auf rund zehn Millionen. 34 Prozent sind jünger als 15 Jahre alt.

Doch das Trauma des tadschikischen Bürgerkrieges und das abschreckende Beispiel Afghanistan wirken immer noch dämpfend auf junge tadschikische Abenteurer, die in Dörfern bei dünnem Tee vom Kampf unter dem grünen Banner des Propheten träumen.

Harald Projanski schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. September 2021 über das erfolgreiche Abschneiden der Kommunisten bei der russischen Parlamentswahl.

https://www.jungewelt.de/artikel/411611.hindukusch-der-neue-frontstaat.html