21.09.2021 / Ausland / Seite 6

Ende der Jagd

Israels Armee fasst letzte entflohene Palästinenser in Westjordanland. Auseinandersetzungen bei Demos

Gerrit Hoekman

Auch die letzten beiden Palästinenser, die vor zwei Wochen durch einen Tunnel aus dem israelischen Hochsicherheitsgefängnis Gilboa entflohen waren, sind gefasst. Wie die palästinensische Nachrichtenagentur Maan berichtete, fand der Zugriff in der Nacht zu Sonntag in einem Unterschlupf in Dschenin statt, den die zwei Mitglieder der fundamentalistisch-militanten Organisation Islamischer Dschihad genutzt hatten. Dschenin befindet sich im Norden der besetzten Westbank.

Der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet habe einige Stunden vor der Festnahme die Information über den Aufenthaltsort der Gesuchten erhalten. Soldaten und eine »Antiterroreinheit« der Polizei hätten daraufhin das Haus umstellt, in dem sich die zwei aufhielten. Angesichts der ausweglosen Situation seien diese unbewaffnet aus ihrem Versteck gekommen und hätten sich widerstandslos festnehmen lassen, erklärte die israelische Armee der Tageszeitung Haaretz zufolge. Neben den beiden Gesuchten wurden auch zwei weitere Personen verhaftet.

Einwohner Dschenins waren überrascht, dass sich das Haus anders als erwartet nicht im Flüchtlingslager der Stadt befand. »Wenn die beiden schon in Dschenin waren, warum sind sie dann nicht in das Flüchtlingslager gekommen, das nur wenige Autominuten entfernt ist und viel sicherer für sie gewesen wäre«, zitierte die Zeitung Haaretz ein Familienmitglied eines der nun Geschnappten. Der Vater eines der Geflohenen bekam nach eigenen Angaben kurz vor der Festnahme einen Anruf seines Sohns. »Er sagte, er habe beschlossen, sich zu stellen, um die Bewohner des Gebäudes zu schützen«, sagte der Vater laut Maan am Sonntag.

Manche auf der Westbank vermuten offenbar ein Komplott zwischen den israelischen Sicherheitskräften und den Palästinensern, die in Israel leben. Ein Onkel des ebenfalls entflohenen Fatah-Mitglieds Sakaria Subaidi machte den Schwestern und Brüdern in Israel auf Facebook schwere Vorwürfe, berichtete die Washington Post. Subaidi ließ über seinen Anwalt ausrichten, sie hätten – anders als erhofft – von den Palästinensern im Norden Israels keinerlei Hilfe bekommen. Im Gegenteil: Israelische Palästinenser hätten der Polizei den Aufenthaltsort der vier Entflohenen verraten, die bereits am 11. September aufgespürt worden waren.

Der israelische Minister für öffentliche Sicherheit, Omer Bar-Lev, zeigte sich erfreut über die Festnahme und dankte Polizei, Armee und Schin Bet. »Die Jagd ist erfolgreich beendet, aber die Mission ist noch nicht vorbei. Wir müssen sicherstellen, dass sich ein solches Ereignis in Zukunft nicht wiederholt«, zitierte ihn Haaretz am Sonntag.

Im Anschluss an die Festnahme kam es an verschiedenen Orten auf der Westbank zu Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Demonstranten und der israelischen Armee, bei denen Steine flogen und nach israelischer Darstellung auch auf die Soldaten geschossen wurde. Laut palästinensischen Quellen sind bei den Zusammenstößen drei Demonstranten durch scharfe Munition verletzt worden. Vor israelischen Gefängnissen bekundeten Palästinenser ihre Solidarität mit den Gefangenen.

Auch nichtarabische Israelis bekommen die volle Härte der Armee zu spüren, wenn sie sich für die Palästinenser einsetzen. Nach einem friedlichen Protest einiger Dutzend Friedensaktivisten am Freitag gegen die ungerechte Verteilung der Wasserressourcen auf der Westbank musste der 65 Jahre alte linke Aktivist Eli Ziv mit Knochenbrüchen und einer blutenden Platzwunde im Krankenhaus von Tel Aviv behandelt werden, berichtete die Times of Israel. Ein Soldat hatte ihn einen Abhang hinuntergestoßen. »Ich nehme seit 40 Jahren an Demonstrationen in den besetzten Gebieten teil, aber ich habe noch nie einen solch unverhohlenen Einsatz von Gewalt gegen israelische Demonstranten wie heute gesehen«, sagte Mossi Raz, Knesset-Abgeordneter der linken Meretz-Partei, der ebenfalls an dem Protest teilgenommen hatte.

Unterdessen wird in Gaza und auf der Westbank weiter an der Heldensaga der entflohenen sechs gefeilt. Auf den Demonstrationen halten viele Teilnehmer inzwischen Löffel in die Höhe – als neues Zeichen des Widerstands gegen die israelische Besatzung. Hintergrund: Die sechs Gefangenen gruben sich mit Löffeln in die Freiheit.

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