20.09.2021 / Ansichten / Seite 8

Neue Hackordnung

U-Boot-Streit mit Folgen

Jörg Kronauer

Der AUKUS-Pakt, den Australien, Großbritannien und die USA in der vergangenen Woche geschlossen haben, schlägt nicht umsonst hohe Wellen. Er hat einige weitreichende Folgen, und er liefert einige wichtige Erkenntnisse. Seine unmittelbarste Folge: Australien, das sich in den vergangenen Jahren als inoffizieller Hilfssheriff der Vereinigten Staaten im Machtkampf gegen China betätigt hat, hat diese Rolle nun quasi formell übernommen. Der Pakt legt seine Aufrüstung gegen Beijing fest und bindet es in dem Konflikt dauerhaft an Washington; damit verliert Canberra, wie der Expremierminister Paul Keating konstatierte, »dramatisch« an außenpolitischer Souveränität. Beijing hat denn auch recht unsanft darauf hingewiesen, australische Soldaten dürften, sollte es zum großen Krieg zwischen den USA und China kommen, nun wohl zu den ersten Todesopfern zählen. Aus der Kriegsfront gegen die Volksrepublik ausbrechen können künftige Regierungen in Canberra jetzt nicht mehr.

Der AUKUS-Pakt zeigt zudem: Global Britain ist ein Faktor, mit dem man in Zukunft rechnen muss. Eines der zentralen Motive für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU war es, die alten, auf die britische Kolonialherrschaft zurückgehenden Strukturen des Commonwealth in Asien und der Pazifikregion nutzen zu können, um im »Pazifischen Jahrhundert« im Zentrum des Weltgeschehens präsent zu sein. Der Plan ist in der EU und in der kontinentalen Öffentlichkeit belächelt oder ganz ignoriert worden. Nun beginnt er aufzugehen. Das neue Abkommen öffnet in einem ersten Schritt Großbritanniens digital-militärischem Komplex hochprofitable Chancen in Australien, zu dem London seit je enge Beziehungen unterhält. Ein Beitritt zum transpazifischen Freihandelsabkommen CPTPP soll folgen; der von Boris Johnson angekündigte »Schwenk zum Indopazifik« nimmt langsam Gestalt an.

Zu den Folgen, die weit reichen und noch heftige Debatten auslösen dürften, gehört, dass mit dem AUKUS-Pakt die Hackordnung im Machtkampf des Westens gegen China quasi formalisiert wird. Nummer eins sind ohnehin die USA. Nummer zwei – das ist nun nicht mehr ein diffuses »westliches Bündnis«, das ist von jetzt an der Zusammenschluss mit Großbritannien unter Nutzung Australiens als Frontstaat; er hat begonnen, die militärischen Fakten im Alleingang zu schaffen – unter Ausschluss der anderen »westlichen Verbündeten«. Vor allem Frankreich, das sich im Indischen und im Pazifischen Ozean zuletzt immer stärker betätigt hat – auch militärisch –, ist damit sozusagen in die dritte Liga relegiert worden. Entsprechend wütend reagierte Paris. Der Abzug der Botschafter aus Canberra und aus Washington sei lediglich »die Spitze eines Eisbergs«, warnte ein hochrangiger britischer Diplomat: Dass Frankreich von zwei führenden NATO-Mitgliedern kalt ausgebootet worden sei, könne ernste Folgen für das Militärbündnis haben. Dort gibt es nun in der Tat zumindest eine neue tiefe Kluft.

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