17.09.2021 / Inland / Seite 4

Wieder am Jom Kippur

Anschlag auf Synagoge in Hagen vereitelt. Polizei nimmt vier Personen fest

Annuschka Eckhardt

Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist ein Versöhnungstag, an dem sich die Menschen mit sich selbst und ihrer Beziehung zu ihren Mitmenschen auseinandersetzen sollen. Hierzulande bleibt an Jom Kippur nicht viel Raum für Selbstreflexion, zu groß ist die Angst vor antisemitischen Anschlägen. Am späten Mittwoch nachmittag hatten Polizeikräfte die Synagoge in der nordrhein-westfälischen Stadt Hagen abgeriegelt, nachdem es Hinweise auf eine »mögliche Gefährdungslage« gegeben habe. Das teilte Oberstaatsanwalt Benjamin Kluck mit.

Die Straße in der Innenstadt, an der die Synagoge liegt, wurde in 250 Metern Abstand gesperrt, und der für Mittwoch abend geplante Gottesdienst wurde aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgesagt. Ein ausländischer Geheimdienst hatte offenbar den Bundesnachrichtendienst vor einem mutmaßlichen muslimischen Fundamentalisten in der BRD gewarnt. Ebenfalls an einem Jom Kippur hatte vor zwei Jahren ein bewaffneter Faschist in Halle in Sachsen-Anhalt versucht, gewaltsam in die dortige Synagoge einzudringen. Als die Tür standhielt, erschoss er in der Nähe zwei Menschen und verletzte auf der Flucht zwei weitere.

Wie die Polizei Dortmund, die für den Fall zuständig ist, am Donnerstag vormittag per Kurzbotschaftendienst Twitter mitteilte, führten die kriminalpolizeilichen Ermittlungen zur »Identifizierung und Festnahme« eines 16jährigen Hageners. Die Pressestelle der Dortmunder Polizei bestätigte dies gegenüber junge Welt. Der Jugendliche, der bei seinem Vater lebt, soll in seiner Kommunikation im Internet Aussagen zu einem womöglich geplanten Anschlag gemacht haben. Laut Polizei konnten bei der Durchsuchung seiner Wohnung drei weitere Personen angetroffen werden. Inwieweit ein Tatverdacht besteht, sei Gegenstand der aktuellen Ermittlungen, die bei der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf (Zentralstelle Terrorismusverfolgung Nordrhein-Westfalen) wegen des Vorwurfs der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat geführt werden. Parallel hätten erste Durchsuchungsmaßnahmen in Objekten in Hagen stattgefunden. Die Ermittlungen dienten dazu, einen Tatverdacht zu erhärten oder auszuräumen.

Im Ermittlungsfall zu mutmaßlichen Anschlagsplanungen auf die Synagoge in Hagen habe es konkrete Hinweise auf »eine islamistisch motivierte Bedrohungslage« gegeben. Das sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag in Köln. Die Hinweise seien sehr ernst zu nehmen gewesen und hätten Angaben zu Täter, Tatzeit und -ort enthalten. In und um die Synagoge seien aber keine gefährlichen Gegenstände entdeckt worden.

Bei einem Wahlkampftermin im niedersächsischen Hittfeld instrumentalisierte Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) den Terroranschlag auf die Synagoge in Halle vor zwei Jahren und den vereitelten Anschlag vom Mittwoch, um für seinen Wahlkampf die antikommunistische »Hufeisentheorie« aufzuwärmen: »In Halle waren es die Rechtsradikalen, die einen Anschlag verübt haben. Anderswo sind es Islamisten. Am dritten Ort haben wir Linksextremisten.«

https://www.jungewelt.de/artikel/410579.antisemitischer-terror-wieder-am-jom-kippur.html