16.09.2021 / Schwerpunkt / Seite 3

Ums Ganze

Guerilla leistet Widerstand gegen türkische Einmarschversuche in Autonomieregion Kurdistan im Nordirak

Nick Brauns

Seit rund fünf Monaten tobt unbeachtet von der Weltöffentlichkeit im Grenzgebiet der Autonomieregion Kurdistan im Nordirak zur ­Türkei ein Krieg. Nachdem sie eine erste Luftlandeoperation am Garegebirge im Februar 2021 schon nach drei Tagen aufgrund unerwartet heftigen Guerillawiderstands abbrechen musste, startete die türkische Armee in der Nacht zum 24. April eine durch Artillerie, Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Drohnen unterstützte neue Großoffensive gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) an gleich drei Punkten der Grenzregion in Metina, Zap und Avasin.

Als Medya-Verteidigungs­gebiete bezeichnet die PKK dieses schwer zu durchdringende Bergland, das ihrer Guerilla seit den 80er Jahren als Hinterland für den Kampf in der Türkei dient. Diese Region ist zudem von strategischer Bedeutung als Verbindungsweg zwischen dem Kandilgebirge, wo die politische Führung der kurdischen Freiheitsbewegung vermutet wird, zu der von Jesiden bewohnten Sindscharregion im Nordirak und weiter zum nordostsyrischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava, aber auch in den Iran, wo mit der PJAK eine Schwesterorganisation der PKK die politische Organisierung der kurdischen Bevölkerung vorantreibt.

Darüber hinaus haben die Medya-Verteidigungsgebiete eine Bedeutung für revolutionäre und antiimperialistische Kräfte im Nahen und Mittleren Osten erlangt. Denn so wie in den 70er und 80er Jahren die Lager der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Libanon zu Ausbildungsstätten für Militante von der PKK über die armenische Asala bis zur deutschen Rote Armee Fraktion wurden, stellen die Camps der kurdischen Guerilla heute eine Schule für den revolutionären Volkskrieg da. So werden hier auch kommunistische Partisanen aus der Türkei militärisch und ideologisch ausgebildet.

Seit Juni konzentrieren sich die Gefechte insbesondere auf das Bergmassiv Werxele. Gelänge die Einnahme dieses Einfallstors in das Guerillagebiet der Region Avasin, könnte die türkische Armee ihre Besatzung auf weitere Regionen ausweiten. Doch die Guerilla hat das Gebirge in langwieriger Arbeit durch ein Tunnelsystem zur Festung ausgebaut und sich nach eigenen Angaben mit Lebensmittelvorräten auf einen jahrelangen Krieg vorbereitet. Den kurdischen Kämpferinnen und Kämpfern gelang es nach Berichten der Nachrichtenagentur ANF wiederholt, den von Kampfhubschraubern abgesetzten türkischen Kommandoeinheiten aus den Kriegstunneln heraus schwere Schläge zu versetzen und Dutzende Soldaten zu töten – sogar mit deren eigenem von der Guerilla erbeuteten Sprengstoff.

Die Invasionstruppen konnten hingegen bislang, trotz Bombardierungen aus der Luft, Sprengungen und dem Einsatz von chemischen Kampfstoffen, nach Angaben der Guerilla nicht in die Tunnelanlagen eindringen. Mehrmals am Tag setzte die türkische Armee in Werxele mittlerweile völkerrechtlich geächtetes Giftgas ein, heißt es von seiten der Guerilla. In der ersten Septemberwoche veröffentlichte ANF ein Video, das zeigen soll, wie das Gas aus einem zuvor bombardierten Tunnel austritt. Um welche Kampfstoffe es sich im einzelnen handelt, ist nicht bekannt. Doch mehrere Guerillakämpfer wurden laut der kurdischen Nachrichtenagentur bereits durch chemische Waffen getötet, so dass es sich nicht nur um ein Gas mit betäubender Wirkung zu handeln scheint.

Die derzeitige Offensive auf die ­Medya-Verteidigungsgebiete sei Teil einer langfristigen Planung, meinte Pelsin Kocgiri, eine Kommandantin der zu den kurdischen Volksverteidigungskräften (HPG) gehörenden Frauenguerilla YJA Star, in einem am Montag von ANF veröffentlichten Gespräch. Ziel der Türkei sei es, nicht nur die PKK auszulöschen, sondern die Entwicklung einer unabhängigen kurdischen Entität in Südkurdistan zu verhindern, um die Region unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Tatsächlich waren von Fernsehsendern, die der türkischen Regierungspartei AKP nahestehen, mehrfach Landkarten gezeigt worden, auf denen der Nordirak einschließlich der Erdölstadt Kirkuk als türkisches Staatsgebiet beansprucht wurde.

Türkische Luftangriffe trafen in den letzten Wochen auch die Sindscharregion. Dabei wurden der Kommandant einer ideologisch zwar der PKK nahestehenden, aber in die irakischen Streitkräfte eingebundenen jesidischen Miliz sowie mehrere Mitarbeiter eines bei der Bombardierung zerstörten Krankenhauses getötet. Weitere Drohnenangriffe galten dem 200 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt gelegenen Flüchtlingslager Machmur. Hier leben über 10.000 in den 90er Jahren aus der Türkei geflohene Kurden, die aus ihrer Sympathie für die PKK kein Geheimnis machen.

Das Schweigen der USA, deren im Irak stationierte Truppen den dortigen Luftraum kontrollieren, wertet die PKK wohl zu Recht als Zustimmung zu den türkischen Angriffen. Die irakische Regierung in Bagdad belässt es bei zahnlosen verbalen Protesten gegen die Verletzung ihrer territorialen Integrität. Und die kurdische Regierung in Erbil gibt der PKK die Schuld für die infolge türkischer Bombardierungen getöteten, verletzten oder geflohenen Zivilisten.

Ankara habe eigentlich geplant, bis zum Sommer die Medya-Gebiete einzunehmen und anschließend Sindschar und Rojava anzugreifen. Doch diese Pläne habe der erfolgreiche Widerstand der »apoistischen« – also an den Ideen des PKK-Vordenkers Abdullah Öcalan orientierten – Guerilla gegen die hochtechnisierte NATO-Armee durchkreuzt, zeigte sich Kommandantin Kocgiri zuversichtlich.

Hintergrund: Langer Marsch

»Hand in Hand – Schulter an Schulter – Nehmt am Freiheitskampf teil« lautet das Motto des diesjährigen Mesa Direj (Langer Marsch) der kurdischen Jugendbewegung in Deutschland, der an diesem Donnerstag in Aachen seinen Abschluss findet. Mit der sich über mehrere Tage hinziehenden Demonstration der Bewegung der Revolutionären Jugend (TCS) und des Verbandes junger Frauen Teko Jin, an der auch Internationalisten aus sozialistischen und antifaschistischen Gruppen teilnahmen, wird alljährlich für die Freiheit von Abdullah Öcalan protestiert. Der Gründer und Vordenker der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) befindet sich seit seiner Verschleppung in die Türkei im Jahre 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer in weitgehender Isolationshaft. Der Marsch soll auch dazu dienen, den europäischen Staaten, die den türkischen Faschismus politisch und ökonomisch unterstützen, ein deutliches Signal zu senden, erklärten die Veranstalter. »Wir werden uns als kurdische und internationalistische Jugend im Widerstand gegen Kapitalismus, Faschismus und Ausbeutung vereinen und siegen.«

Während des Marsches, der am 11. September in Köln begann und über Düsseldorf, Duisburg und Mönchengladbach führte, kam es wie schon in den Vorjahren zu mehreren Polizeiübergriffen und Provokationen durch türkische Faschisten. Trotz dieser Schikanen führten die Jugendlichen an den Zwischenstationen Kundgebungen und Seminare zur Kriegspolitik der Türkei durch. Auch eine Audiobotschaft der Guerilla aus Südkurdistan wurde abgespielt. Für die Freiheit Öcalans und einen völkerrechtlichen Status für das kurdische Volk wird auch auf dem 28. Internationalen kurdischen Kulturfestival demonstriert, das mit voraussichtlich mehreren zehntausend Teilnehmern aus ganz Europa am 25. September im niederländischen Landgraaf stattfinden soll. (nb)

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