15.09.2021 / Inland / Seite 5

Affront mit Kalkül

Papenburg: Chef der Meyer-Werft klagt über Lohnkosten für »einfache Arbeiten«. IG Metall kontert und kündigt Widerstand an

Oliver Rast

Aussagen in Interviews sind oft Vorboten. Zumeist schlechte. Vor allem von Konzernbossen. Bernhard Meyer, Miteigentümer und Geschäftsführer der Meyer-Werft in Papenburg an der Ems, lamentierte in der Welt am Sonntag über zu hohe Löhne für »einfache Arbeiten«. Meyer: »Wir müssen uns ständig überlegen, was wir mit deutschen Löhnen machen können und was nicht.« Tätigkeiten von Schlossern und Elektrikern etwa würden künftig immer seltener selbst verrichtet, sondern an Fremdfirmen vergeben. Ein klassischer Fall von Lohndruck.

Das ruft die IG Metall Bezirk Küste auf den Plan. »Um jeden Preis die Löhne der Beschäftigten drücken zu wollen, ist keine Zukunftsstrategie, sondern eine Kampfansage an die Belegschaft«, wird Bezirksleiter Daniel Friedrich am Montag nachmittag in einer Mitteilung zitiert. Der Schiffbau hierzulande müsse besser und nicht billiger werden, nur so könnten Werften und Zulieferer »langfristig auf dem Weltmarkt bestehen«, so Friedrich. Seniorchef Meyer behauptete hingegen: »Unsere Löhne liegen 30 Prozent über denen in anderen europäischen Ländern.« Das sei ein Problem. Gewerkschafter Friedrich entgegnet, die »rückwärtsgewandte Diskussion über die Höhe der Löhne« solle endlich beendet werden.

Neben der Papenburger Werft gehören die Standorte in Rostock mit Neptun und jener im finnischen Turku zur Unternehmensgruppe mit Sitz in Luxemburg. Meyer hatte kürzlich das Gros seiner Anteile am Familienunternehmen an seine fünf Kinder übertragen. Für öffentlichkeitswirksame Wehklagen zeichnet weiterhin der Altvordere verantwortlich: »Wir gehen noch immer durch die größte existentielle Krise, die ich je im Schiffbau erlebt habe«, gab der Seniorchef dem Springer-Blatt zu Protokoll. Seit 2020 gebe es 40 Prozent weniger Arbeit auf der Werft in Papenburg. Statt drei bis vier Schiffen würden aktuell nur zwei jährlich abgeliefert. »Wir müssen uns gewaltig umstellen und anpassen«, sagte Meyer weiter.

Das klingt nach einer Drohung. Den Beleg liefert Meyer selbst: »Wir müssten rein rechnerisch allein in Papenburg 1.800 Stellen abbauen.« Um im Folgesatz beinahe jovial anzufügen: »Das tun wir aber nicht.« Demnach würden 900 Arbeitsplätze bei der Unternehmensgruppe vernichtet, die Hälfte an der Ems. Danach gebe es in Papenburg noch rund 3.500 Beschäftigte. Interessant ist folgendes: »In der Spitze arbeiten hier auf der Werft etwa 6.000 Beschäftigte von Partnerfirmen«, verriet Meyer. Das sei aber ein ständiges »Auf und Ab«. Inklusive geringer entlohnter Werkvertragsjobs für Fremdbeschäftigte.

Meyers Aussagen stoßen auch deshalb auf Unverständnis: Erst Ende Juli hatte sich der Verhandlungsführer der IG Metall Leer-Papenburg, Thomas Gelder, mit der Gegenseite – nach zähem Ringen – auf ein tarifvertraglich vereinbartes »Zukunftspaket« verständigt. Statt 660 Stellen werden 450 gestrichen. Ferner sollen betriebsbedingte Kündigungen mittels eines »Freiwilligenprogramms« und Abfindungsregeln vermieden werden. Betriebsratschef Nico Bloem hatte auf einer Betriebsversammlung von einem »akzeptablen Kompromiss« gesprochen, Firmenboss Meyer von einer »guten Chance für einen Neuanfang für die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft«.

Nun scheint abermals Stunk ins Haus zu stehen. »Die Äußerungen gefährden die Akzeptanz des Tarifvertrages, auf den wir uns in einem schwierigen Prozess mit der Geschäftsführung geeinigt hatten«, mahnte Gelder am Dienstag im jW-Gespräch. Zahlreiche Beschäftigte seien wütend und fragten sich, ob ihre Arbeitsplätze in Papenburg sicher sind. Unternehmenssprecher Florian Feimann beschwichtigt – und sagte gleichentags zu jW: »Das Zukunftspaket bleibt selbstverständlich bestehen und stand niemals zur Debatte.«

Gelder legte nach. Die Werft könne auf gut ausgebildete Fachkräfte wie Elektriker und Schlosser nicht verzichten, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. »Den Eindruck zu erwecken, dass dies nur mit Ingenieuren geht, ist ein Trugschluss.« Mehr noch: Wer Tarifverträge faktisch in Frage stelle und mit weiteren Werkverträgen Stammarbeitsplätze gefährde, »muss mit Widerstand rechnen«, betonte der Metaller.

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