13.09.2021 / Sport / Seite 16

So gut wie vergessen

Kaum Wissen über ostdeutsche Vereinslandschaft nach 1990

Andreas Müller

Der historische »weiße Fleck« auf der sportlichen Landkarte ist ziemlich groß. Nicht zu übersehen, muss diese historische Wissenslücke in der ostdeutschen Sportlandschaft erstaunen. Sie betrifft nicht etwa eine Zeit, die 150 oder noch mehr Jahre zurückliegt und auch nicht die Anfänge oder die Gründungsphase des Sportgeschehens in Deutschland. Die Unkenntnis herrscht über einen Zeitraum, der nur etwas mehr als drei Dekaden zurückliegt. Weder der Landessportbund (LSB) Berlin noch ein anderer der im September 1990 gegründeten Landessportbünde Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vermochten mitzuteilen, wie viele Sportvereine bis zur »Wende« in der DDR existierten. Auch nicht, wie viele dieser Vereine anschließend unter neuen Verhältnissen verschwanden oder überlebten und – vermutlich unter neuem Namen – den Sprung ins neue Sportsystem als erfolgreiche »Übergänger« schafften.

Die Übersicht für die ostdeutschen Länder scheint bisher komplett zu fehlen. Es handelt sich dabei mehr als 30 Jahre später um ein Gebiet, das unerforscht und unbeachtet ist. Je schneller die »Nachbetrachtung« des Wandels der Vereinslandschaft infolge der »Wende« in Gang kommt, desto vorteilhafter. Denn mit der Unkenntnis der Veränderungen und Umbrüche im »kleinen Sport« fehlt eine umfassende und verlässliche Grundlage für die Bewertung all dessen, was sich zwischen 1989 und 1991 an der Basis des ostdeutschen Sports getan hat, als zwischen Hiddensee und Erzgebirge innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne das sportliche Leben umorganisiert und umstrukturiert wurde. Denn wie die Menschen im Osten generell mussten sich seinerzeit auch die mehr als 10.000 Sportgemeinschaften der DDR in der BRD zurechtfinden.

Dennoch ist Karl-Hans Pezold, 1990 Abteilungsleiter im Ministerium für Jugend und Sport, überzeugt, dass es »eine Erfolgsgeschichte« gewesen sei. Denn der Übergang von den Betriebssportgemeinschaften (BSG) hin zu Sportvereinen bürgerlichen Rechts sei äußerst schnell vonstatten gegangen, sagte er gegenüber jW. Obwohl sich viele ostdeutsche Ehrenamtler beruflich neu orientieren mussten und weitaus größere Sorgen hatten, als sich um die sportliche Heimat vor Ort zu kümmern, sei es gelungen, in Ostdeutschland sehr zügig eine Vereinskultur zu etablieren.

»Daten bezüglich der Vereine, die vor 1990 existierten, liegen uns nicht vor«, teilte der LSB Brandenburg jedoch auf Anfrage mit. Bekannt sei lediglich, dass im Brandenburgischen 1990 insgesamt 1.639 Sportvereine mit 404.803 Mitgliedern existierten und ein Jahr später 3.050 Vereine mit 262.025 Mitgliedern. Das hieße: Verdopplung der Vereine bei Halbierung ihrer Mitgliedszahlen binnen eines Jahres. Das LSB Sachsen erklärte, seit 1991 existierten im Gebiet insgesamt 2.137 Vereine mit 326.328 Mitgliedern. Sachsen-Anhalt stellte in seiner ersten offiziellen LSB-Bestandserhebung am 1. Januar 1991 insgesamt 201.023 Mitglieder in 1.522 Sportvereinen fest. Davon hätten 1.458 Vereine ihr Gründungsjahr mit 1991 und danach angegeben. Der LSB Thüringen berichtete, dass 1.627 Vereine mit 195.993 Mitgliedern existierten und 1990 in den ehemaligen eigenständigen Bezirksorganisationen Gera, Suhl und Erfurt des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR 1.235 Sportgemeinschaften mit 365.176 Mitgliedern registriert waren. Der LSB Mecklenburg-Vorpommern spricht von insgesamt 1.065 Sportvereinen mit 121.788 Mitgliedern, die im Mai 1991 registriert waren.

Für das ehedem geteilte Berlin ist die rückblickende Erhebung besonders schwierig. Bekannt ist, dass sich 1990 etwa 130.000 Vereinssportler aus den östlichen Stadtbezirken dem LSB Berlin mit seinerzeit rund 300.000 Mitgliedern anschlossen und der vereinten Berliner Sportfamilie insgesamt zirka 1.300 Vereine angehörten. Zudem sind an der Spree einige aussagekräftige Bruchstücke vorhanden. Zum Beispiel stellten am 7. November 1990 229 Sportvereine im Ostteil der Stadt erschrocken fest, dass sie im Vereinsregister von Berlin-Mitte gar nicht rechtsgültig eingetragen waren. Die entsprechenden Akten waren verschwunden und für die Alt- bzw. Neufunktionäre längere Laufwege angesagt. Statt der gewünschten »Ummeldung« zum e. V. brauchte es zunächst die amtliche Neuregistrierung der Vereine – nicht mehr in Mitte, sondern beim Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg.

https://www.jungewelt.de/artikel/410297.breitensport-und-wende-so-gut-wie-vergessen.html