06.09.2021 / Inland / Seite 4

Knastsystem auf dem Prüfstand

11. Europäische Konferenz zur Gesundheitsförderung in Haft mit Schwerpunktthema Covid-19

Markus Bernhardt

Auch in diesem Jahr gelang es dem Organisationsteam, die wissenschaftliche Theorie mit der täglichen Vollzugspraxis zusammenzuführen. Die am Freitag nachmittag beendete 11. Europäische Konferenz zur Gesundheitsförderung in Haft war bemüht, auf die drängenden Fragen Antworten zu geben. Die Tagung hatte in diesem Jahr das Schwerpunktthema »Freiheitsentzug in Zeiten von Covid-19 – Herausforderungen und Chancen« und wurde unter anderem vom Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik und der Deutschen Aidshilfe ausgerichtet. Die Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden drehten sich dabei nicht nur um aktuelle Facetten der Coronapandemie wie beispielsweise Impfangebote für Inhaftierte und Personal, sondern auch um schon länger akute Fragen wie die Situation von Migrantinnen und Migranten in Haft, den Stellenwert von Religion und die Rolle von Anstaltsärzten bei Hungerstreikaktionen von Gefangenen.

Auf großen Zuspruch stieß vor allem der Rückblick auf die historische Entwicklung der Haft und auf das Thema »Unterwerfung« von Klaus Jünschke aus Köln. Der 1947 geborene Autor saß selbst aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Rote Armee Fraktion (RAF) mehr als 16 Jahre ein. Jünschke gilt seit Jahrzehnten als anerkannter Experte. Nicht nur mit Blick auf die Herausforderungen für den Haftvollzug aufgrund der aktuellen Pandemie bezeichnete er das Zellengefängnis als »inhuman«. Es müsse abgeschafft werden. Zugleich erinnerte Jünschke an eine Erklärung der Vereinten Nationen, dass es Folter sei, wenn man einen Menschen länger als 14 Tage einsperre und nur für eine Stunde am Tag Kontakt zu anderen erlaube.

Der Angleichungsgrundsatz schreibe fest, dass man die Verhältnisse in den Gefängnissen an die draußen angleichen müsse. Dies gelte auch umgekehrt: »Die Gesellschaft muss wahrnehmen, warum Menschen in Haft sind. Was sollten denn die Handlungen, die in den Knast führen, anderes sein, als in der Gesellschaft produziert?« fragte Jünschke. Bei den aktuell Gefangenen handele es sich in großer Mehrheit um Menschen, die aufgrund von Sucht, Armut und Wohnungslosigkeit inhaftiert seien. Die kleinsten Inhaftierungsraten fänden sich schließlich in den Ländern, in denen »der Sozialstaat im Rahmen des Neoliberalismus am wenigsten abgebaut worden« sei – »also Finnland, Norwegen, Schweden, Dänemark«. Dies bedeute, »dass wir, wenn wir uns um Gesundheitsförderung in Haft engagieren wollen, uns auch draußen gegen die Armut engagieren müssen«, appellierte Jünschke.

Dem pflichtete Konferenzmitveranstalterin Bärbel Knorr von der Deutschen Aidshilfe bei. Sie griff auch die Forderung Jünschkes auf, Zellengefängnisse abzuschaffen und schwere Straftäterinnen und Straftäter in einer Art Wohngruppen in geschlossenen Bereichen unterzubringen. Derlei solle bei künftigen Konferenzen auch mit Architektinnen und Architekten diskutiert werden, forderte die Gesundheitsökonomin.

»Die Gefängnisse sind Häuser für die Armen«, stellte Konferenzmitveranstalter Heino Stöver klar. Dem Sozialwissenschaftler von der Frankfurt University of Applied Sciences zufolge seien Haftanstalten neuerdings auch »Häuser für die Kranken« – ohne, dass sie strukturell wie Krankenhäuser ausgestattet seien. Stöver lobte das baden-württembergische Konzept zur medizinischen Versorgung im Vollzug als einen »ganzheitlichen Ansatz« für Gefangene.

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