02.09.2021 / Ansichten / Seite 8

Der Krieg geht weiter

Der Westen bleibt in Afghanistan präsent

Wiebke Diehl

Er habe eine kämpferische Rede gehalten, wird US-Präsident Joseph Biden in unterschiedlichen Medien bescheinigt. Und in der Tat, Biden konzentrierte sich in seiner Rede zum Truppenabzug aus dem geostrategisch bedeutenden Afghanistan auf diese Aussage: Der Krieg wird weitergehen.

Eine zivile und damit weit sicherere Evakuierung westlicher Staatsangehöriger und sogenannter Ortskräfte wäre ganz offensichtlich möglich gewesen – Indien hat es vorgemacht. Wie CNN berichtet, haben die Taliban im Rahmen eines Geheimabkommens sogar US-Amerikaner zum Flughafen eskortiert, wobei etliche afghanische Staatsbürger, die als Mitarbeiter oder Unterstützer der US-Armee tätig waren, leer ausgehen. Gespräche mit den Taliban werden von den Regierenden der westlichen Industrienationen längst geführt. Bundesaußenminister Heiko Maas hat angekündigt, die deutsche Botschaft in Kabul wieder eröffnen zu wollen.

Aber heute wie damals verkünden Politiker: Es geht um unsere Sicherheit, die am Hindukusch »verteidigt« wird, und für die nicht nur bereits über 200.000 afghanische Zivilisten ihr Leben verloren haben, sondern wohl noch viele Opfer folgen werden. Bedroht fühlt sich die NATO gegenwärtig insbesondere durch China, dessen Provinz Xinjiang direkt an Afghanistan grenzt. Und da passt es erstaunlich gut, dass sich in Afghanistan trotz NATO-Präsenz bis zu 15.000 ausländische Kämpfer festgesetzt haben und eine Terrormiliz wie der IS Khorasan entstehen konnte. Denn dessen Mitglieder sind nicht nur geradezu prädestiniert, sich mit der Islamischen Bewegung Ostturkestans aus Xinjiang zusammenzuschließen. So etwas ist auch ein willkommener Anlass für Kriege wie vor 20 Jahren in Afghanistan, obwohl die Taliban schon vor dem 11. September 2001 mehrfach die Auslieferung Osama bin Ladens an die USA angeboten hatten. Und auch der Einsatz in Syrien wurde offiziell mit dem Kampf gegen den IS und den weltweiten Terror begründet – wenn er auch eigentlich dem Ziel galt, den Präsidenten Assad zu stürzen.

In Syrien wurde – nach dem Vorbild der in den 1980er Jahren gegen die Sowjetunion hochgerüsteten Mudschaheddin Afghanistans – seit spätestens 2011 eine sich schnell radikalisierende Opposition trainiert und politisch, logistisch, finanziell und mit Waffen unterstützt. Das aus den USA, Katar, Saudi-Arabien und der Türkei, aber auch aus Großbritannien und Frankreich gelieferte Kriegsgerät fiel letztlich Terrorbanden wie dem unter US-Besatzung im Irak entstandenen IS oder der Al-Nusra-Front in die Hände und lieferte somit den erwünschten Kriegsgrund gegen Syrien.

Die Ermordung der zehn durch US-Raketen in Kabul getöteten Zivilisten, darunter sechs Kinder, dürfte nur ein kleiner bitterer Vorgeschmack dessen sein, was die Afghaninnen und Afghanen nach dem »Abzug« erwartet. Denn sich »einfach so« aus Afghanistan zurückziehen, das will wirklich niemand.

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