30.08.2021 / Ansichten / Seite 8

Vom Debakel zum Fiasko

Anschläge am Kabuler Flughafen

Knut Mellenthin

Das Europatrio Frankreich, Deutschland und Großbritannien scheint den verlorenen Krieg in Afghanistan neu beginnen zu wollen. Der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron hat am Sonntag angekündigt, dass Paris und London in einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats an diesem Montag eine gemeinsame Resolution einbringen werden. Unter anderem wollen sie die Schaffung einer »sicheren Zone« in Kabul erreichen, die zweifellos die Stationierung von nationalen oder internationalen Streitkräften in erheblicher Stärke erfordern würde. Darüber hinaus will Macron, wie er der Zeitung Journal de Dimanche sagte, auch »Tausende« afghanische »höhere Verwaltungsbeamte, Künstler, Intellektuelle« und eine unüberschaubar große Zahl von Frauen aus allen Teilen des Landes evakuieren lassen.

Wie er sich den Ablauf konkret vorstellt, erläuterte der französische Regierungschef nicht. Er erwähnte jedoch, dass Gespräche mit den Taliban in Doha, der Hauptstadt von Katar, aufgenommen worden seien. Gleichzeitig diskreditierte er seine eigenen Vorschläge mit der provozierenden Aussage, dass diese es »der internationalen Gemeinschaft erlauben« sollen, »Druck auf die Taliban aufrechtzuerhalten«.

Dem CSU-Chef Markus Söder gehen Macrons Pläne dennoch nicht weit genug: In der Bild am Sonntag forderte er statt dessen, auf dem Flughafen von Kabul »in naher Zukunft eine eigene europäische Sicherheitszone zu etablieren«, um die Evakuierungsflüge wieder aufzunehmen. An dieser »EU-Mission« solle sich dann auch die Bundeswehr beteiligen.

Indessen hat US-Präsident Joseph Biden in der Nacht von Freitag auf Sonnabend einen Luftangriff gegen die Terrororganisation ISIS-K durchführen lassen. Er hatte das nach dem Anschlag am Kabuler Flughafen vom Donnerstag angekündigt. Weitere Militäraktionen gegen ISIS-K sollen folgen.

In diesem Zusammenhang stellen sich mehrere Fragen. Wenn das US-Militär am Sonnabend öffentlich warnte, weitere Anschläge innerhalb der nächsten 24 bis 36 Stunden seien wahrscheinlich, wird der Luftangriff solche Pläne von ISIS-K nicht behindert, sondern gefördert haben. Das ist angesichts der Tatsache, dass noch bis Dienstag US-Soldaten auf dem Flughafen sind, eine seltsame Vorgehensweise.

Zweitens: Bei dem Angriff wurden nach Angaben des US-Militärs zwei wichtige (»high profile«) Mitglieder von ISIS-K getötet, die als »Planner« und »Facilitator« – jemand, der bei der Durchführung eines Plans mitwirkt – bezeichnet werden. Die Frage von Journalisten, wie man so schnell auf diese beiden als Ziel gekommen sei, wurde während einer Pressekonferenz am Sonnabend von Militärvertretern damit beantwortet, dass man die Strukturen der Terrororganisation kenne und auf »Erkenntnisse, die in der Vergangenheit gesammelt wurden« zurückgreifen konnte. Warum aber hat man sie dann bis jetzt in Ruhe gelassen?

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