27.08.2021 / Feuilleton / Seite 11

Wahlkampfhilfe (3). Macht der Norm

Michael Bittner

Bis zur Bundestagswahl geben die Parteien alles. Ob es lohnt, lesen Sie hier in loser Folge. (jW)

Wenn Deutschtümler ein Fremdwort zu ihrem Schlachtruf machen, muss es ihnen wirklich unverzichtbar sein. Die Norm muss tief in ihrem engen Schädel hocken. Was waren das eigentlich für Leute, die man früher regelmäßig »Seid ihr noch ganz normal?!« brüllen hörte? Hausmeister, Sportlehrer, Kleingartenvereinsvorsitzende. Öde Existenzen, die jedoch, ausgestattet mit wenigstens einem Quäntchen Macht, ihre selbstquälerischen Regeln zur Vorschrift für andere machen konnten. Die Wissenschaft hat die Normalität längst dekonstruiert: Wer die Gewalt hat, der bestimmt die Norm. Abweichungen werden bestraft. Aber zur Normalität vieler »Normalbürger« gehört es, sich nicht um die Wissenschaft zu kümmern.

All diese Menschen aus skurrilen Minderheiten, die einen schrecklichen Bohei um ihre Marotten veranstalten und oft von Glaube, Nation und Heimat wenig wissen wollen – sie sorgen bei den Deutschen, und nicht nur rechten, für gesteigertes Unbehagen. Leute, die sich nicht entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sein wollen, frei oder gebunden, Deutsche oder Türkin. Das ist doch nicht mehr normal! Wie soll man Grenzen schließen, wenn man sie nicht einmal mehr erkennen kann? Wo bleibt die klare Scheidung zwischen Freund und Feind? All die grauen Wesen, die sich ihr Leben lang selbst verschnitten haben, im vergeblichen Glauben, dafür belohnt zu werden, sehen mit Grausen den bunten Wildwuchs und die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird.

Die Dummheit dieses Slogans der AfD garantiert ihm Erfolg. Denn wo Denken unter dem Verdacht steht, eine elitäre Verirrung zu sein, gilt Stumpfsinn als Ausweis von Volkstümlichkeit. Die anderen Parteien, als Blamage etabliert, haben mit ihrer Phrase vom »normalen Menschen« selbst den Weg für die AfD gepflastert. Der »kleine Mann auf der Straße«, berühmt und namenlos, lässt sich leicht dazu überreden, lieber auf bunte Vögel zu schießen, als sich mit denen anzulegen, die ihn kleinhalten und auf die Straße setzen. So ist es normal in Deutschland, seit langer Zeit.

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