26.08.2021 / Ansichten / Seite 8

Konsequenter Schritt

Algerien bricht Beziehungen zu Marokko ab

Jörg Tiedjen

Die Bombe platzte am Dienstag, als Algeriens Außenminister Ramtane Lamamra auf einer Pressekonferenz bekanntgab, dass die diplomatischen Beziehungen zu Marokko mit sofortiger Wirkung eingestellt würden. Zur Begründung verwies er auf »feindselige, unfreundliche und böswillige Aktionen« des Königreichs. Lediglich die Konsulate in dem Nachbarland sollen bestehen bleiben, kündigte der Chefdiplomat an. Dieser Schritt kann nach Spekulationen vom Wochenende über die Einstellung einer Gaspipeline, die von Algerien aus über Marokko nach Spanien führt (jW berichtete), nicht überraschen.

Mitte Juli hatte Marokkos Vertreter bei den Vereinten Nationen, Omar Hilale, seine Unterstützung für das »Selbstbestimmungsrecht der Kabylei« erklärt. Das war als Stichelei gedacht, wurde aber in Algier als »Kriegserklärung« wahrgenommen. Gemünzt war die Äußerung auf Lamamra, der erst vor kurzem im Zuge einer Kabinettsumbildung ins Amt gekommen war und einmal mehr die Dringlichkeit erklärt hatte, endlich den Westsahara-Konflikt im Sinne der gültigen UN-Beschlüsse zu lösen: durch ein Referendum der Einwohner über den künftigen Status des Landes. Das aber will das Königreich vermeiden, nach dessen Lesart die Westsahara seit jeher marokkanisch ist.

Vergangenen November war Marokko vorgeprescht und hatte mit einem Angriff auf friedliche Demonstranten im befreiten Teil der früheren spanischen Kolonie einen seit Anfang der 90er Jahre bestehenden Waffenstillstand mit der Westsahara-Befreiungsfront Polisario gebrochen. Rabat war wohl der Überzeugung, die Gelegenheit sei günstig, das Blatt in der Auseinandersetzung um die Westsahara ein für allemal zu eigenen Gunsten zu wenden. Doch jetzt ist klar, dass dies eine Fehlkalkulation war: Der scheidende US-Präsident Donald Trump erkannte zwar kurz vor Torschluss im Dezember die Besatzung des ressourcenreichen Landes durch Marokko an – als Gegenleistung dafür, dass das Königreich sein Verhältnis zu Israel normalisiere. Doch die US-Regierung unter Joseph Biden ließ Trumps Einverständniserklärung wieder in der Schublade verschwinden.

Auch die Kooperation mit Israel hat Marokko bisher kein Glück gebracht. Von dort bezog das Land die Spionagesoftware Pegasus, mit deren Hilfe es nicht nur den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, sondern auch die algerische Staatsführung abgehört hatte, wie im Juli bekannt wurde. Spionage ist zwar das tägliche Brot der Geheimdienste. Allerdings nimmt Algerien dem Königreich übel, dass es Israel »an seine Staatsgrenzen« gebracht habe. Ein weiteres Tabu der algerischen Politik, an das man nicht ungestraft rührt. Marokko hat sich nicht erst in jüngster Zeit erlaubt, was keinem notorischen »Schurkenstaat« durchgehen würde. Es ist zu hoffen, dass Algerien nicht das einzige Land bleibt, das daraus Konsequenzen zieht.

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