20.08.2021 / Inland / Seite 8

»Wir werden immer für Benachteiligte eintreten«

Düsseldorf: Verein blickt auf 25 Jahre Wohnungslosenhilfe und Solidarität zurück. Ein Gespräch mit Hubert Ostendorf

Markus Bernhardt

Der Düsseldorfer Verein »fiftyfifty«, der sich in der Hilfe für Wohnungslose engagiert, feiert am 27. August sein 25jähriges Bestehen mit einem Empfang nach. Wie schauen Sie auf die bisherige Arbeit zurück?

Wir haben zusammen mit Wohnungslosen viele Projekte entwickelt und Impulse für eine fortschrittliche, innovative und partizipative Sozialarbeit gesetzt. In den letzten Jahren war unser Housing-First-Projekt besonders wichtig. Zusammen mit Trägern in ganz NRW haben wir in nur vier Jahren etwa 120 Apartments für Obdachlose ohne jede Chance auf eine andere reguläre Wohnung auf dem umkämpften Mietmarkt erworben. Das Wichtigste ist aber unser politisches Engagement, unsere Parteinahme für die Ärmsten der Gesellschaft. Wir leisten nicht nur Einzelfallhilfe, sondern leiten aus dem konkreten Notfall Forderungen ab. Wir wollen, dass Housing First zum Standard in der Wohnungslosenhilfe wird. »fiftyfifty« hat die Diskussion darüber maßgeblich in Gang gebracht und gezeigt, dass der Ansatz funktioniert.

Obwohl sich Ihr Verein in der Vergangenheit mehrfach sehr kritisch zum Umgang des städtischen Ordnungsdienstes mit Wohnungslosen, zu Polizeiübergriffen und Gentrifizierung geäußert hat, genießen Sie Ansehen bei Kommunal- und Landespolitik. NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann und Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller, beide CDU, nehmen am Empfang für »fiftyfifty« teil. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Ich sehe darin nicht unbedingt einen Widerspruch. Was wir machen und fordern, hat Hand und Fuß. Wer sich ernsthaft mit Housing First beschäftigt, kommt an uns nicht vorbei. Sozialminister Laumann hat unseren Housing-First-Fonds unterstützt, der den Ansatz auch bei anderen Trägern der Wohnungslosenhilfe durchsetzt. Bürgermeister Keller hat in der Coronapandemie, beispielhaft wie in keiner anderen Stadt Deutschlands, alle Wohnungslosen, die dies wollten, und das waren viele, in Hotelzimmern untergebracht. In Zeiten, in denen die AfD und andere rechte Kräfte entsolidarisierend unterwegs sind, haben sich die Grenzen zu politischen Gegnern verschoben.

Hatten Sie keine Angst vor möglichen Nachteilen aufgrund Ihrer politischen Positionen?

Angst ist keine Tugend. Nein, wir hatten nie Angst. Wir werden immer für die Interessen der Benachteiligten eintreten, waren auch immer in sozialen Bewegungen aktiv. Erst am Donnerstag vergangener Woche haben wir mit Wohnungslosen gegen die Einzäunung einer Außenterrasse durch eine Pizzeria auf einem öffentlichen Platz demonstriert, indem wir dort ohne Genehmigung Bänke für Obdachlose aufgestellt haben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir uns – von Ausnahmen abgesehen – ohne öffentliche Zuschüsse selbst finanzieren, daher keine Rücksichten nehmen müssen. Wir können es uns sozusagen leisten, den Mund weit aufzumachen.

Die Coronapandemie hat auch den Verkauf des Straßenmagazins Fiftyfifty erschwert. Welche Konsequenzen hatten die Eindämmungsmaßnahmen für die Verkäuferinnen und Verkäufer?

Eine Krise, die breite Schichten der Gesellschaft trifft, trifft die Ärmsten immer am stärksten. Konzerne wie Amazon, die Post, Telekom etc. profitieren. Der Lockdown hat Wohnungslose noch stärker in die Isolation getrieben: Viele Einrichtungen waren wegen der Kontaktbeschränkungen nur partiell geöffnet oder ganz geschlossen. Ein Verkauf von Straßenzeitungen war durch die Verödung der Innenstädte kaum noch möglich.

Verkäuferinnen und Verkäufer werden am Erlös verkaufter Zeitungen beteiligt, Sie können auf ein gedrucktes Magazin nicht verzichten. Ist es trotz der pandemiebedingten Widrigkeiten möglich, die Zeitung weiter herauszugeben?

Das hängt vom Verhalten der Kundinnen und Kunden ab. Wir können gar nicht oft genug appellieren: Liebe Leute, kauft bitte eine Zeitung. Bei Fiftyfifty ist die Solidarität groß. Unsere Auflage ist zwar stark gesunken, liegt aber immer noch bei ca. 20.000 im Monat. Wir haben ein Digitalabo eingerichtet, um die Paper-Ausgabe weiter finanzieren zu können.

Hubert Ostendorf ist Gründer und Geschäftsführer des Düsseldorfer Vereins »fiftyfifty«

fiftyfifty-galerie.de

https://www.jungewelt.de/artikel/408733.hilfe-für-wohnungslose-wir-werden-immer-für-benachteiligte-eintreten.html