02.08.2021 / Ansichten / Seite 8

Aus Lüge wächst Hass

Coronapolitik in Frankreich

Hansgeorg Hermann

Ganz am Anfang, als die durch das Coronavirus verursachte Pandemie für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron nicht viel mehr war als eine lästige »Gesundheitskrise«, die beim Vollzug seines neoliberalen »Reformprogramms« für ein paar Monate Verspätung sorgen könnte, erkannte niemand im Land die Gefahr, die tatsächlich drohte. Der Staatschef log, er ließ seine Minister lügen und auch einen gewissen Jérôme Salomon, Infektiologe und Hauptverantwortlicher der staatlichen Gesundheitsdienste. Dass die ganze mit Regierungsmacht ausgestattete Bande, allen voran der Chef, den Leuten monatelang vormachte, das Tragen von Masken sei ein ziemlich nutzloser Zeitvertreib, weil es in den Lagerhallen des »Service sanitaire« schlicht und einfach keine Masken gab, zerstörte das Vertrauen in die Fähigkeiten und die Glaubwürdigkeit des großen »Sanierers« Macron nachhaltig. Nicht nur das der wilden Marschierer gegen den »Pass sanitaire« und die beiden Spritzen, mit denen er erworben werden muss. Sondern aller Franzosen.

Keiner vertraut einem Macron heute noch, wenn er seinen »lieben Landsleuten« im Fernsehen erklärt, wie seine nächste »erfolgversprechende« Strategie gegen das Virus und seine Varianten aussehen wird. Fast 80 Prozent der 67 Millionen Franzosen glauben allerdings den Wissenschaftlern, die in der möglichst vollständigen Immunisierung der Bevölkerung durch Impfung die derzeit einzig vernünftige Maßnahme sehen, die zur Rückkehr in ein weitgehend »normales« Leben führen könnte. Die anderen, die aus Macrons Lügen den Schluss gezogen haben, dass nur totale Ablehnung einen irgendwie politisch gearteten Sinn generieren könne, gehen zu Hunderttausenden auf die Straße, unter ihnen Krankenhauspersonal und Altenpfleger.

Die faschistische Rechte hat sich die damit verbundenen politischen Möglichkeiten nicht entgehen lassen. Einer der Einpeitscher und Organisatoren des Protests ist Florian Philippot, der früher seiner Führerin Marine Le Pen als intellektueller Programmierer die Steigbügel gehalten hatte. Von der Partei, die seinerzeit noch Front National hieß, trennte er sich 2017 im Streit und stampfte seine eigene Formation aus dem Boden: Les Patriotes. Frankreichs berühmtester Soziologe Pierre Bourdieu hatte in den achtziger Jahren geschrieben, dass die ganze »Verachtung (der elitären Bourgeoisie) für die sozialen Berufe« sich in deren »läppischer Bezahlung« ausdrücke. Macron lieferte mit seiner Politik 35 Jahre später einen neuen Beweis für diese These – Philippot profitiert.

Sollten er und eine ihm inzwischen folgende, wachsende Gruppe ehemaliger hoher Militärs die Wut der »Antivaxe« im Wahljahr 2022 in erfolgreiche Politik umsetzen können, hätte das Land nicht nur eine, sondern zwei faschistische Parteien am Hals. Aus dem Kampfruf »Antipass« wüchse Hass gegen die »jüdischen Brunnenvergifter«, die in der Szene bereits als Verursacher der Pandemie genannt werden.

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