02.08.2021 / Inland / Seite 2

»Es macht einen gewaltigen Unterschied«

Erzbistum Hamburg will Krankenhaus verkaufen. Konzerne würden Klinik ausschlachten. Forderung nach freiem Träger. Ein Gespräch mit Manuel Humburg

Kristian Stemmler

Der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg kämpft gegen eine Privatisierung des katholischen Krankenhauses Groß-Sand, in dem Sie Ihre klinische Grundausbildung absolviert haben. Warum soll es verkauft werden?

Seit Monaten versucht das Erzbistum Hamburg, das die Verhandlungen für den tatsächlichen Träger – die Wilhelmsburger Gemeinde St. Bonifatius – führt, das Krankenhaus zu verkaufen. Groß-Sand ist eine Klinik der Grund-und Regelversorgung mit einer großen Notfallambulanz. Sie hat rund 450 Mitarbeiter und verfügt über rund 200 Betten. Sie ist stark defizitär, unter anderem wegen hoher Pensionslasten. Zuerst wurde versucht, das Haus im Gesamtpaket mit der dem Erzbistum gehörenden Ansgar-Gruppe zu verkaufen. Dazu gehören das Marienkrankenhaus und das Kinderkrankenhaus Wilhelmstift, beide in Hamburg, und das Marienkrankenhaus Lübeck.

Das hat nicht geklappt. Seitdem soll Groß-Sand einzeln verkauft werden, wobei die Verantwortlichen deutlich gemacht haben, dass sie das Haus schnell und günstig loswerden wollen, weil es wegen laufender Subventionierungen für das Erzbistum Hamburg ein Klotz am Bein ist. Zeitweise war als Bieter auch Asklepios im Spiel – inzwischen zum Glück nicht mehr.

Was spricht gegen eine Übernahme durch ein privates Unternehmen?

Von Asklepios und Co. ist zu befürchten, dass sie Groß-Sand im Interesse ihrer Konzernstrategie ausschlachten. Dass sie die lukrativen Bereiche des Krankenhauses akzentuieren und die weniger lukrativen, die aber wichtig sind für die Regelversorgung, schließen oder als medizinisches Versorgungszentrum outsourcen – mit entsprechenden Folgen für die Mitarbeiter. Die lukrativen Bereiche sind beim Krankenhaus Groß-Sand die Rehaabteilung und vor allem die neurologische Frührehabilitation.

Derzeit ist Groß-Sand ein Krankenhaus mit Vollversorgung, das ein Einzugsgebiet von rund 80.000 Menschen im Süderelberaum Hamburgs hat. Warum ist es so wichtig?

Es gibt in Hamburg südlich der Elbe nur drei Krankenhäuser mit Chirurgie und Notfallaufnahme, eines davon ist Groß-Sand. Nördlich der Elbe gibt es Dutzende. Dann ist Wilhelmsburg einer der Stadtteile in Hamburg, die sich am stärksten vergrößern, in den vergangenen 15 Jahren ist er um 10.000 auf 55.000 Einwohner gewachsen. Über Wohnungsneubau kommen weitere 15.000 dazu. In den hafennahen Gebieten sind viele Betriebe angesiedelt, die Elbinsel ist ein bedeutender Logistik- und Industriestandort. Daher ist es kein Zufall, dass sich ganz viele der Belegschaften und Betriebsräte dort mit der Forderung solidarisiert haben, Groß-Sand als Notfallkrankenhaus zu erhalten. Ein Argument dabei: Bei Notfalleinsätzen in den Betrieben würden sich die Wege für die Rettungswagen sonst extrem verlängern, wenn sie etwa das AK St. Georg oder AK Harburg anfahren müssten.

Inzwischen gibt es Grund zum Optimismus. Das Erzbistum will die Pensionslasten übernehmen.

Ja, und wir begrüßen das, denn damit ist die Chance, dass ein freigemeinnütziger Träger das Krankenhaus übernimmt, wieder größer geworden. Es macht für uns einen gewaltigen Unterschied, ob das Haus von einem Konzern betrieben wird, der die Profite an Aktionäre abführt, oder von einem Träger, der die Erlöse reinvestiert.

Die Fraktion Die Linke in der Bürgerschaft hatte eine Übernahme durch das städtische Universitätsklinikum Eppendorf, UKE, ins Spiel gebracht.

Diese Lösung genießt auch in der Belegschaft große Sympathie. Vor einigen Jahren ist die Kinderklinik Altona unter das Dach des UKE gekommen. So könnte das hier auch gehen. Der Senat hat sich mit dieser Lösung bisher nicht anfreunden können.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft von Groß-Sand angeht?

Mit der Übernahme der kompletten Pensionslasten hat das Erzbistum den Weg auch für gemeinnützige Träger geöffnet. Damit entfällt auch für die Stadt das Hauptargument gegen eine städtische Übernahme durch das UKE. Außerdem gibt es enormen Druck im Stadtteil, das Haus mit allen Angeboten zu erhalten. Es gab 10.000 Unterschriften und mehrere Kundgebungen. Der Konsens im Stadtteil ist sehr eindeutig und schließt auch alle Parteien auf lokaler Ebene mit ein. Ein Happyend für Groß-Sand ist möglich.

Manuel Humburg ist Hausarzt in Hamburg-Wilhelmsburg und aktiv in der Initiative »Aktion Krankenhaus Groß-Sand bleibt!«

https://www.jungewelt.de/artikel/407472.drohende-klinikprivatisierung-es-macht-einen-gewaltigen-unterschied.html