30.07.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Luxuskaufhaus sucht Besitzer

Niederlande: Warenhauskette De Bijenkorf steht zum Verkauf. Gewerkschaft befürchtet Jobverlust

Gerrit Hoekman

In den Niederlanden steht die ­traditionsreiche Warenhauskette De Bijenkorf zum Verkauf. Die aktuellen Besitzer aus Kanada wollen umgerechnet 4,7 Milliarden Euro für ihr Kaufhausimperium sehen, das auch die britische Kette Selfridges umfasst, berichtete die britische Zeitung The Guardian am Montag. Die größte niederländische Gewerkschaft FNV fürchtet den Verlust von Jobs.

Der Verkauf deutet wohl auf einen Ausrichtungswechsel nach dem Tod des Patriarchen Willard Weston im April hin. In Kanada hat die Familie anfangs mit Bäckereien ein Vermögen verdient und gehört heute zu den reichsten im Land. Für die Kaufhäuser in Europa sieht sie anscheinend keine Verwendung mehr: Neben De ­Bijenkorf und Selfridges befinden sich auch die irische Brown Thomas und Arnotts auf der Verkaufsliste. Alle aus dem gehobenen Preissegment.

Unklar ist, ob sich in der Coronapandemie Käufer finden werden. In den vergangenen anderthalb Jahren gingen die Einnahmen im Handel stark zurück, während das Shoppen im Internet boomt und den Kaufhäusern das Leben noch schwerer macht. »Selfridges gehört zu den besten, aber ich würde es nicht kaufen«, winkte ein anonymer Investor gegenüber The ­Guardian ab.

Interessenten aus Asien

Allen Unkenrufen zum Trotz scheint es Interessenten zu geben. Die thailändische Central Group soll etwa dazu gehören. Sie besitzt u. a. das KaDeWe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München. Auch der katarische Investmentfonds Qatar Investment Authority, Eigentümer des englischen Warenhauses Harrods, wird genannt. Dem Guardian zufolge hat die Familie Weston die Schweizer Großbank Credit Suisse mit dem Verkauf an den Meistbietenden beauftragt.

Dabei ist der Erwerb einer Waren­hauskette nicht ohne Risiko: Die Kaufgewohnheiten der Kundinnen und Kunden haben sich in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert, die Zeit der alles anbietenden Warenhäuser scheint zu Ende zu gehen, siehe Karstadt und Kaufhof. Auch De Bijenkorf schloss 2014/15 seine Filialen in Breda, Arnhem, Groningen, Enschede und ’s-Hertogenbosch, nachdem das Unternehmen 2010 von der Weston-Familie übernommen worden war. Nur sieben Niederlassungen sind geblieben, darunter die »Premiumlagen« in Den Haag, Rotterdam und Amsterdam. Mehrere hundert Menschen verloren ihren Job. Dasselbe Szenario fürchtet Linda Vermeulen von der niederländischen Gewerkschaft FNV auch diesmal, berichtete das Portal ­Business Insider am Dienstag.

Im vergangenen Jahr erhielt De Bijenkorf fast zehn Millionen Euro aus dem Coronafonds der niederländischen Regierung, berichtete die Tageszeitung NRC am Dienstag. Dennoch wurden 225 der 2.200 Arbeitsplätze gestrichen. Im Dezember 2020 schoss der Mutterbetrieb Selfridges noch einmal 22 Millionen Euro zu.

Jüdisches Erbe

De Bijenkorf ist in den Niederlanden nicht irgendein Warenhaus, es ist eine Art nationale Institution. Simon Goutsmit und Abraham Polak, jüdische Kaufmänner aus Amsterdam, eröffneten 1870 am Nieuwendijk einen kleinen Laden für Kurzwaren. Erst 1892, drei Jahre nach dem Tod von Goutsmit, bekam das Geschäft den Namen De Bijenkorf. »Anfangs suchte der Laden in jüdischen Zeitungen nach Personal, und bis 1914 war er am Samstag geschlossen und hatte sonntags geöffnet«, heißt es von der Stiftung Joods Erfgoed (jüdisches Erbe, jW) Den Haag auf ihrer Internetseite.

1909 zog De Bijenkorf an den Dam gegenüber dem Königlichen Palast, wo sich das Kaufhaus bis heute ­befindet. 1926 wurde in Den Haag eine weitere Filiale eröffnet. »Vor allem die erste niederländische Rolltreppe übte ein magische Anziehungskraft auf das einkaufende Publikum aus«, berichtet die Stiftung. 1930 folgte das dritte Kaufhaus in Rotterdam.

Weil De Bijenkorf mehr auf zahlungskräftige Kunden setzte, gründete das Unternehmen 1926 zusätzlich die Kette Holländische Einheitspreis-Gesellschaft Amsterdam (HEMA) für die Kunden mit kleinem Geldbeutel. Geführt wurde sie von denselben Personen wie bei Bijen­korf. »Bis zum Zweiten Weltkrieg war De Bijenkorf immer noch ein jüdischer Familienbetrieb und ein Teil des Personals jüdisch«, so die Stiftung. Am 1. Mai 1940 waren etwa 1.000 der 5.000 Beschäftigten bei De Bijenkorf und HEMA jüdisch.

Mit der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 endete die jüdische Geschichte der Kaufhauskette zunächst. »Das Anteilspaket wurde zwischen zwei Käufern aufgeteilt: der Handelsfirma Riensch & Held aus Hamburg und dem deutschen Geschäftsmann Fritz Kötter«, heißt es auf der Internetseite der Stiftung Cultureel Erfgoed De Bijenkorf (kulturelles Erbe De Bijenkorf, jW). Die ehemaligen Besitzer tauchten unter oder flohen in die USA. 737 Angestellte wurden von den Nazis ermordet. Nach dem Krieg erhielten die jüdischen Besitzer ihre Anteile zurück und bauten das Unternehmen neu auf, bis 1980 das letzte Familienmitglied der Gründer De Bijenkorf verließ.

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