28.07.2021 / Sport / Seite 16

»Die sehen wir nie wieder«

Die Hobbysportlerin und Mathematikern Anna Kiesenhofer schockte beim olympischen Straßenrennen der Radfahrerinnen die Profikonkurrenz

Gabriel Kuhn

Und irgendwie gelingt es doch. Keine Zuschauer, Coronafälle, Proteste bei der Eröffnungsfeier – aber die Macht der Fernsehbilder und sich überschlagende Reporterstimmen reichen aus, um die Olympischen Spiele in Tokio trotzdem als bedeutendes Spektakel zu präsentieren. Dabei zehren das Internationale Olympische Komitee und seine Businesspartner vom endlosen Potential des Sports, große Geschichten zu erzählen. Immer beliebt: Davids, die Goliaths schlagen. Bei nicht weniger als 339 Medaillenentscheidungen (bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964 waren es noch 163) kommt es unweigerlich zu solchen.

Ein Beispiel: das Straßenrennen der Radfahrerinnen. Als dieses am Sonntag um 13 Uhr Ortszeit freigegeben wurde, trat die völlig unbekannte Österreicherin Anna Kiesenhofer wie verrückt in die Pedale. Ausreißversuche bei, wie es heißt, »Kilometer null« sind ungewöhnlich, doch unbekannte Fahrer setzen sich zu Beginn großer Rennen immer wieder gerne vom Feld ab. Die Zeit im Fernsehen freut die Sponsoren, und man genießt seine sprichwörtlichen »15 Minutes of Fame«. Der Kommentator des österreichischen Fernsehens meinte im Off: »Das ist das einzige Mal, dass wir die sehen. Die sehen wir nie wieder.«

Die großen Favoritinnen, allen voran die erfolgsverwöhnten Niederländerinnen, ließen Kiesenhofer gewähren. Mit ein bisschen Teamarbeit, so weiß man aus Erfahrung, ist eine derartige Fahrerin im Laufe eines 137 Kilometer langen Rennens jederzeit einzuholen. Auf ein Team konnte sich Kiesenhofer nicht verlassen. Sie war die einzige Österreicherin am Start. Erst in einem Ausscheidungsrennen hatte sie sich für Tokio qualifiziert. Auf der World Tour, dem Weltcup der Radrennfahrerinnen, bestreitet Kiesenhofer keine Rennen. Kiesenhofer bestreitet überhaupt kaum Rennen. Im Jahr 2017 versuchte sie sich kurz als Profi, sah jedoch ein, dass der Profisport »für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist und ich lieber nur Hobbysport mache«. Kiesenhofer arbeitet statt dessen als Mathematikerin in Lausanne. Mit »partiellen Differentialgleichungen«, wie sie einem etwas verdutzten österreichischen Fernsehreporter erklärte.

Anna Kiesenhofer ging es bei ihrem frühen Ausreißversuch weder um Sponsoren noch um 15 Minuten des Ruhms. Sie ist es schlicht und einfach nicht gewohnt, im Pulk zu fahren. Eigentlich hätte sie in Tokio beim Zeitfahren antreten wollen, doch dort gab es für die wenig erfolgreiche Radnation Österreich keinen Quotenplatz.

Anfangs folgten Kiesenhofer vier Fahrerinnen, irgendwann waren es nur noch zwei. Ab Kilometer 96 dann keine mehr. Gleichzeitig ging bei der Kommunikation im Rest des Feldes irgend etwas schief. Da bei olympischen Straßenrennen keine Funkverbindungen erlaubt sind, sind die Fahrer auf Informationen vom Straßenrand angewiesen. Es ist unklar, was genau geschah, aber die Niederländerinnen vergaßen schlicht, auf Kiesenhofer zu achten. Als sie die zwei letzten Begleiterinnen der Österreicherin wenige Kilometer vor dem Ziel einholten, wähnten sie sich in Führung. Die mehrfache Weltmeisterin Annemiek van Vleuten setzte sich kurz danach von ihren Konkurrentinnen ab, überquerte die Ziellinie und feierte den Olympiasieg – bis man ihr erklärte, dass Kiesenhofer schon vor zwei Minuten angekommen war. Als van Vleuten später gefragt wurde, ob sie Kiesenhofer unterschätzt habe, meinte sie: »Auf keinen Fall. Ich kannte sie gar nicht.« Die internationale Presse sprach wahlweise von einem »Schock« oder der »größten Sensation des olympischen Radsports«. Schade nur, dass Geschichten dieser Art dafür herhalten müssen, die Geschäftemacherei und den Zynismus sportlicher Großveranstaltungen zu kaschieren.

https://www.jungewelt.de/artikel/407248.olympia-die-sehen-wir-nie-wieder.html