28.07.2021 / Inland / Seite 3 (Beilage)

»Effektiv wie Sommerferien«

Studien zu »Homeschooling«: Die technischen Voraussetzungen fehlen, Leistungsunterschiede nehmen zu, arme Schüler sind besonders benachteiligt

Bernd Müller

Wenn Schule Kinder und Jugendliche auf das spätere Arbeitsleben vorbereiten soll, dann ist das seit Beginn der Coronapandemie nur unzureichend gelungen. Auch nach fast eineinhalb Jahren sind Politiker und Wissenschaftler ratlos, wie Schule in Zukunft funktionieren sollte: Es fehlt an Konzepten, Geld und Technik.

Für die zurückliegenden Monate ist die Studienlage eindeutig: Viele Schüler sind beim Lernen zurückgeblieben, und besonders stark betroffen sind arme Kinder. Ihnen fehlte mitunter die notwendige Technik, um während der Schulschließungen am Onlineunterricht teilnehmen zu können. Sie leben aber auch oftmals unter Bedingungen, die dem Lernen abträglich sind.

Anfang Juli veröffentlichte die Telekom-Stiftung eine Studie, die sie beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegeben hatte. Von den befragten Schülern waren 27 Prozent der Meinung, sie und ihre Mitschüler seien während der Schulschließungen beim Lernstoff »deutlich« in Rückstand geraten, 52 Prozent gingen von »etwas« Rückstand aus. Von den befragten Eltern war fast ein Drittel der Meinung, ihr Kind sei beim Lernstoff »deutlich« zurückgeblieben.

Grundsätzliche Kritik am Distanzunterricht übte eine Studie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie wurde Ende Juni veröffentlicht, und ihr Ergebnis kann man nicht anders als niederschmetternd nennen: Distanzunterricht sei genauso effektiv wie Sommerferien. Die Kompetenzen der Schüler seien kaum gewachsen, teils seien sie auch verloren gegangen, erklärte Andreas Frey, Professor für Pädagogische Psychologie.

Dieses Ergebnis trifft aber nicht nur auf Schüler in Deutschland zu; für ihre Studie hatten die Wissenschaftler um Frey internationale Erhebungen ausgewertet. Ein weiteres Ergebnis: Die Schere zwischen Arm und Reich ist während der Schulschließungen weiter auseinandergegangen. Denn gerade bei Kindern aus finanziell benachteiligten Elternhäusern wurden Einbußen von Kompetenzen festgestellt.

Auf sich allein gestellt

In Deutschland könnte es daran gelegen haben, dass es den Schulen im Frühjahr 2020 kaum gelang, Kontakt zu ihren Schülern zu halten. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Tübingen, die im Mai veröffentlicht wurde. Die Forscher hatten im Zeitraum zwischen April und Juni 2020 insgesamt 306 zufällig ausgewählte Leitungen allgemeinbildender Schulen befragt.

Vor allem im ländlichen Raum fiel es den Pädagogen demnach schwer, mit ihren Schülern in Verbindung zu bleiben. Bundesweit hatten gerade einmal rund 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen regelmäßig Kontakt mit der Schule; in ländlichen Regionen waren es gerade einmal drei von fünf Kindern. Regelmäßig heißt in diesem Zusammenhang: mindestens einmal pro Woche.

Wie Onlineunterricht umgesetzt wurde, war sehr unterschiedlich. Ricarda Steinmayr, Professorin an der Technischen Universität Dortmund, sprach im Juni 2020 davon, es sei Glückssache, welche Qualität der Onlineunterricht habe. Zu demselben Befund kam sie in einer weiteren Studie, die im April 2021 veröffentlicht wurde.

Auch im zweiten »Schullockdown« sei es nicht gelungen, den Unterricht für die Schüler vergleichbar zu gestalten, weder von der Qualität noch von der Häufigkeit her. In manchen Einrichtungen werde noch kein Unterricht per Videokonferenz durchgeführt, andere Schulen böten dagegen schon Unterricht nach Stundenplan über Lernplattformen an. Deshalb warnte Steinmayr: Es sei zu befürchten, dass die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern zunehmen, wie es sich in anderen europäischen Ländern auch zeige. Deshalb appellierte sie an die Kultusministerien, es sei dringend an der Zeit, »alle Möglichkeiten für den Präsenzunterricht während der Pandemie auszuschöpfen und Distanzunterricht lediglich als Ultima ratio zu betrachten«.

Für ihre Studie hatte Steinmayr im Zeitraum von Februar bis Ende März 2021 bundesweit 3.480 Eltern befragt, wie sie das Distanzlernen ihrer Kinder während des zweiten »Schullockdowns« erlebten. Sie räumte ein, dass das Ergebnis »sozial positiv verzerrt« sei, da vor allem Eltern mit einem höheren Bildungsabschluss an der Umfrage teilgenommen hatten, die ihren Kindern die notwendigen Voraussetzungen bieten konnten: ein eigenes Kinderzimmer, einen verfügbaren Computer und einen Internetanschluss.

Hausaufgaben ohne Feedback

Auch wenn alle günstigen Voraussetzungen gegeben waren, beschränkte sich der Onlineunterricht meist auf das Übermitteln von Arbeitsblättern und Aufgaben – und das, obwohl die meisten Schulen Internetplattformen für den Distanzunterricht nutzten. »Zwischen 41,5 und 68,2 Prozent der Eltern gaben an, dass in den beurteilten Fächern noch gar kein Unterricht per Videokonferenz stattgefunden hatte«, heißt es in der Studie.

Für nur fünf Prozent der Grundschüler und etwa ein Viertel der Schüler an weiterführenden Schulen wurde angegeben, sie hätten Unterricht per Videokonferenz und dem Stundenplan entsprechend. Und dort, wo die Schüler nur mit Aufgabenblättern beschäftigt waren, haperte es immer noch mit der Kommunikation zwischen Lehrern und Kindern. An den Grundschulen erhielten bis zu 47 Prozent der Kinder keine Rückmeldung auf abgegebene Hausaufgaben, an den weiterführenden Schulen waren es 36,7 Prozent.

Der Motivation zum Lernen ist dieser Zustand abträglich, stellte Steinmayr fest. Aber dort, wo sich die Lehrer um die Kinder bemühten, stärker mit ihnen in Verbindung standen, mit ihnen zum Beispiel über die Hausaufgaben sprachen, konnte der gegenteilige Effekt beobachtet werden. Dieser Befund wird auch von anderen Studien gestützt.

Momentan umstritten und eher unwahrscheinlich ist, dass Kinder und Jugendliche in absehbarer Zeit über das Internet besser beschult werden können. Seit März vorigen Jahres wurde oft beklagt, dass sowohl den Schulen als auch vielen Schülern die technischen Voraussetzungen fehlen. Vor allem Kindern aus einkommensschwachen Elternhäusern, die sich keinen Laptop leisten können, haben weiter das Nachsehen. In Brandenburg hatte die Landesregierung im vorigen Jahr etwa 16,8 Millionen Euro für die Anschaffung von »mobilen Endgeräten« bewilligt; im Januar weitere 23 Millionen Euro. An den Schulen sind bislang nur wenige Geräte angekommen, was vor allem an den Lieferproblemen der Händler liegt. Private Initiativen wie »Hey, Alter!«, die gebrauchte Computer einsammelten und den Schulen übergaben, versuchten die Lücke zu füllen.

Lehrer ohne Computer

Die Lehrergewerkschaft GEW sprach erst Mitte Juli von einem Digitalisierungsschub in den Unterrichtsstätten – der technische Fortschritt bleibt allerdings überschaubar. Gerade einmal in 18 Prozent der Schulen sollen demnach alle Lehrer mit Dienstcomputer oder -smartphone ausgestattet sein. In weiteren 30 Prozent könnten sich Lehrer Geräte bei Bedarf ausleihen. Drahtloses Internet sei oft nur im Lehrerzimmer verfügbar. Im »Digitalpakt Schule« hatte die Bundesregierung den Einrichtungen Fördergelder zur Verfügung gestellt. Aber es wird noch Jahre dauern, bis die Schulen alle technischen und baulichen Voraussetzungen für einen besseren digitalen Unterricht geschaffen haben.

Bis dahin müssten auch die Lehrer lernen, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. An deren Medienkompetenzen hapert es oftmals noch, stellten Wissenschaftler der Universität Paderborn in einer Studie fest, die Anfang Juli veröffentlicht wurde. Bundesweit wurden 7.500 Abiturienten befragt. Nur 15 Prozent von ihnen war der Meinung, ihre Lehrer hätten genug Medienkompetenz für den Distanzunterricht.

Vor dem Hintergrund der vielen Probleme im Onlineunterricht verwundert es nicht, dass 70 Prozent der befragten Schüler mit der Bildungspolitik in Deutschland unzufrieden sind. In der Paderborner Studie forderten sie gehäuft den Rücktritt von Schulministern der Länder und warfen Entscheidungsträgern Vertrauensbruch vor.

https://www.jungewelt.de/beilage/art/407088