28.07.2021 / Inland / Seite 2 (Beilage)

Aufstehen und widersetzen

Gesundheit und gute Bildung schließen sich nicht aus: Schülerproteste im Coronajahr, Klassenbewusstsein und Grenzen digitaler Aktionen

Freya Pillardy

Die Coronapandemie traf auf ein marodes Schulsystem, das an den Interessen des Kapitals und nicht an denen der Schüler und Schülerinnen ausgerichtet ist. Raumnot, Fenster, die sich nicht öffnen lassen, und die Privatisierung der Schulreinigung in den allermeisten Kommunen: Das sind die Folgen einer Haushaltspolitik, die die Kommunen kaputt spart und laut dem Kommunalpanel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu einem »Sanierungsstau« von 44,2 Milliarden Euro an den Schulen hierzulande führte. Bereits vor der Pandemie weigerte sich laut einer Elternbefragung, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereinigerhandwerks durchgeführt hat, jedes dritte Kind aus hygienischen Gründen, die Schultoilette zu benutzen. Die berechtige Angst vieler Schülerinnen und Schüler vor Ansteckung in der Schule verwundert daher nicht. Die ständig wiederholte Behauptung, Schulen seien kein Infektionstreiber, während gleichzeitig Jugendlichen wegen ihres Freizeitverhaltens die Schuld an der Ausbreitung der Pandemie gegeben wurde, vergrößerte die Unzufriedenheit.

Gestiegener Leistungsdruck

Auch der Leistungsdruck an Deutschlands Schulen war vor Corona bereits hoch. Druck und Zukunftsängste nahmen infolge der »Agenda 2010«, die die Prekarisierung auf dem Arbeitsmarkt vergrößerte, und der schulpolitischen Reformen, die zum Beispiel zur weiteren Zentralisierung von Abschlussprüfungen führten, enorm zu. Der Druck bereitet einen fruchtbaren Boden für Individualisierung, Konkurrenzkampf, Mobbing und psychische Probleme. Und diese Situation hat sich mit Corona und den politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie weiter verschärft. Die psychischen Probleme von Schülerinnen und Schülern nehmen zu. Soziale Isolation, Individualisierung der Schulprobleme und der Lernsituation, kein Ausweg aus beengten Wohnverhältnissen und familiären Konflikten sind Folgen von »Homeschooling«. Die Jugendlichen werden noch weniger durch Lehrkräfte betreut als ohnehin in den zu großen Klassen, und im verbleibenden Unterricht wird noch stärker auf Noten und Prüfungen fokussiert.

Und die Wirtschaftskrise verschärft die bereits vorhandenen Zukunftsängste. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse von diesem Frühjahr belastet 36 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Absolventenalter die Sorge, durch die veränderten Lernbedingungen in der Krise den Anschluss im Unterricht zu verlieren. Ein Drittel der Jugendlichen geht nach einer Erhebung der neoliberalen Bertelsmann-Stiftung davon aus, dass es in Deutschland zuwenig Ausbildungsplätze gibt, und mehr als 60 Prozent sehen ihre Ausbildungschancen durch Corona weiter verschlechtert. Im monatelangen Homeschooling sahen die Schüler zunehmend keine Lösung. Besonders ab Herbst 2020 stießen die ausbleibenden Verbesserungen im Umgang mit der zweiten Welle auf Unverständnis.

Schüler begehren auf

Die weitere Verschlechterung der Lebenssituation und der Perspektive von Schülern spiegelt sich auch in einer steigenden Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik wider. Laut der Studie »Jugend und Corona« der Bertelsmann-Stiftung sind 58 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Politik die Interessen der Jugend nicht wichtig seien. Sie zeigte sich aber nicht nur in den Ergebnissen von bürgerlichen Forschungsinstituten, sondern auch in Protesten, Schulstreiks und Petitionen.

Die Häufigkeit und Vielfältigkeit von spontanen Schülerprotesten im vergangenen Jahr hat es in Deutschland mindestens seit der Bildungsstreikbewegung 2008–2012 nicht gegeben. Egal, ob Unterrichtsboykott aufgrund von fehlendem Infektionsschutz in Essen und Berlin, Proteste gegen die Rückkehr zum Wechselunterricht in mehreren Städten Bayerns, Demonstrationen für Schulöffnungen in München oder gegen ein zu schweres Matheabitur vor allem in Bayern – sie bildeten Ansätze für die Entwicklung überregionaler Bewegungen.

Große mediale Aufmerksamkeit bekam Ende letzten Jahres die Initiative »Unverantwortlich.org«. Kasseler Schülerinnen und Schüler wiesen durch eine Fotoaktion in den Sozialen Medien auf die unverantwortliche Lage bezüglich des Infektionsschutzes an Schulen hin.

Die Forderungen nach Wechselunterricht, Luftfiltern und Infektionsschutz entsprechend den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts vernachlässigten jedoch die Probleme des Homeschooling. Teilweise spielten sie der herrschenden Politik in die Hände, die durch ein Herunterfahren aller anderen Bereiche einen Shutdown für die großen Unternehmen im wesentlichen verhinderte und berechtige Forderungen nach einem Recht auf Bildung ignorierte.

Grenzen des digitalen Protests

Die Forderungen von »Unverantwortlich.org« wurden weiterentwickelt, aber die folgenden Aktionen (digitaler Schulstreik, Störaktion im Rathaus, Demonstration in Präsenz etc.) blieben klein und konnten analog eine nicht annähernd so große Reichweite erzielen wie online. Schließlich schliefen die Ansätze nach wenigen Monaten ganz ein, als die Schulen – entsprechend der Hauptforderung der Initiative – wieder geschlossen wurden.

In der Bewegung zeigten sich folgende Schwierigkeiten: Durch Homeschooling und den damit zunehmenden Leistungsdruck existieren viele Schülervertretungsstrukturen, auf die man sich bei der Mobilisierung und Aktivierung für vergangene Schulstreiks stützen konnte, nicht mehr. Demzufolge wurde keine Aktivität direkt an den Schulen entfaltet und auch nicht unmittelbar vor Ort für bessere Bedingungen gestritten, was mehr Potential gehabt hätte, bislang nicht aktive Schüler mitzunehmen. Digitale Protestaktionen sind deutlich weniger dazu geeignet, Schüler zu aktivieren und mit ihnen in eine Diskussion zu kommen. Und der soziale Faktor fehlte. Andererseits stimmt aber auch, dass viele Schüler nicht bereit waren, im realen Leben zu protestieren, weil das auch als unverantwortlich angesehen wurde.

Gerechte Bildung

Das bundesweite Bündnis »Gerechte Bildung« wurde vor allem von politischen Schülerinitiativen und linken Gruppen getragen. Seine Forderungen waren stärker dafür geeignet, klarzumachen, dass kein Widerspruch zwischen dem Recht auf Bildung und dem Recht auf Gesundheit bestehen muss, wenn Geld in die Hand genommen wird. Die Forderungen hatten das Potential – ausgehend von ihren subjektiven Interessen –, Bewusstseinsfortschritte unter den Schülern anzustoßen und die Grundprobleme von Bildung im Kapitalismus klarzumachen. Dieses Bündnis veranstaltete zwei bundesweite Aktionstage, an denen es auch in vielen größeren Städten Aktivitäten gab. Ihnen fehlte es jedoch an Breite. Und die Schwierigkeiten, vor denen »Unverantwortlich.org« gestanden hatte, konnte auch dieses Bündnis nicht überwinden.

Ansätze für Klassenbewusstsein

Nach den Erfahrungen von und mit Initiativen wie »Unverantwortlich.org« und »Gerechte Bildung« ist es wichtig, eine Orientierung zu entwickeln, die sowohl anknüpfungsfähig ist an die drängendsten Probleme der Schülerinnen und Schüler als auch Ansatzpunkte bietet, um Klassenbewusstsein zu schaffen. Diesen Anspruch vertritt die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), die sich an den Protesten der Schüler im vergangenen Jahr beteiligte und sie auch selbst organisierte. In den Auseinandersetzungen sollen die Erfahrung des gemeinsamen Widerstands gemacht sowie die Erkenntnis gewonnen werden, dass man etwas erreichen kann, wenn man gemeinsam aktiv wird.

In den letzten Monaten des Schuljahres boten die Notengebung im Homeschooling, das massenhafte Klausurenschreiben nach Wiedereröffnung der Schulen und die reguläre Durchführung der Abschlussprüfungen trotz unzureichender Vorbereitung derartige Anknüpfungspunkte. Denn daran kann die Bedeutung von Noten und Prüfungen in diesem Bildungssystem deutlich gemacht werden: Ihre Funktion ist es, für den Arbeitsmarkt auszusortieren und zu disziplinieren, damit Schüler Lehrinhalte schlucken, auch wenn sie ihren Interessen widersprechen, etwa dem wesentlichen Interesse an einem Schulsystem, in dem es um umfassende Bildung geht, die uns befähigt, die Welt zu verstehen, sich in ihr zurechtzufinden und sie unseren Interessen entsprechend zu verändern.

Ob es gelingt, diese Ansätze zu nutzen und Kämpfe vor Ort zu führen, wird das kommende Schuljahr zeigen. Der Wiederaufbau von Schülervertretungsstrukturen und offenen Schülertreffen ist wichtig, um wirksame Aktionen zu entfalten und der Individualisierung der Probleme im Bildungssystem entgegenzuwirken. Erwartbar ist, dass Leistungsdruck auch im kommenden Schuljahr von großer Bedeutung sein wird. Denn trotz der inhaltlichen Lücken, die infolge von Homeschooling entstanden sind, sind Änderungen bei kommenden Prüfungen und Klausuren nicht geplant.

https://www.jungewelt.de/beilage/art/407087