23.07.2021 / Thema / Seite 12

»ich mag dieses land nicht mehr«

Auszüge aus dem Briefwechsel Peter Hacks – Hansgeorg Michaelis

Diese Woche erschien im Berliner Eulenspiegel-Verlag »Woher kommt die viele Dummheit auf die Welt? Briefe an Hansgeorg Michaelis (1944–1998)« von Peter Hacks, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Gunther Nickel. Wir dokumentieren hier einige ausgewählte Briefe und danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis [12.10.1946]

Es ist die Vaterlandsliebe
Des Menschen Praerogative. –
Ein Wurm und seinesgleichen
Kann ihn hier nicht erreichen!

welches Zitat ich nämlich nicht nur aufschreibe, weil es neu und aus einem Gedicht von mir ist, sondern weil ich mich über Deine patriotischen Äußerungen zum Nürnberger Prozeß so gefreut habe. Nämlich wunderst Du Dich über die straffreien Kriegsverbrechen bei den Siegern – man sollte Dir wünschen, daß diese keine begangen hätten und den Krieg verloren. Es liegt nämlich ein gewisser Unterschied darin, daß die Herren Deutschen wirklich 98 per cent der Gaunereien zuerst erfunden haben, und man möchte es den Engländern nicht übelnehmen wollen, daß sie mit Bomben und U Booten geworfen haben, als sie selbst genug hatten und selbes konnten. Zumal sie von dem Standpunkt ausgehen konnten, daß von zehn Deutschen, die sie auf irgendeine Weise umbrachten, neun zweifelsohne Nazischweine waren und der zehnte wahrscheinlich. Natürlich schätze ich die englischen Militaristen fast so wenig wie die deutschen, aber da wir ohne selbe den Krieg wahrhaftig noch gewonnen hätten, wäre es undankbar, sie zu baumeln.

Diesen langen und langweiligen Abschnitt hast Du Deinem manirierten Einfall zu verdanken, Probleme in einem Brief erörtern zu wollen. Nulla res sine causa, wie man in den Wald hineinruft, …, Causa aequat efficium, dolce far niente, notre chien s’appelle Medere.

Viel besser hat mir hingegen die Dezimierungsidee gefallen, zumal ich auf die rettende Nuance mit der erst in neun Monaten inkrafttretenden Bestimmung bisher noch nicht einmal gekommen war. Die Steuern auf das zweite Kind sind schlecht: ich stelle mir vor, wenn meine Mama mir drei mal am Tage vorhält: »Pfui Du böser Bube, kostest uns so viel Steuern und bist noch so unartig!« Ich wäre dafür, an sämtliche Leute Kinderbezugsscheine auszugeben, die sie, wenn sie Lust haben oder impotent sind, verkaufen können an Idioten, die gern viele Kinder haben wollen und dafür viel bezahlen müssen. Schwarzgeburten sind verboten und werden, wenn sie herauskommen, abgetrieben. Die Einführung der Abtreibung ist überhaupt eine selbstverständliche Forderung (für intelligente Leute und KED); was Du gegen eine eventuelle Sittenverderbnis hast, weiß ich nicht, da eine solche den Künsten und Wissenschaften nur förderlich zu sein pflegt (Renaissance); mit einer mangelnden Volksgesundheit braucht diese nicht verbunden zu sein, wenn man eine genügende Kontrolle und viel Penicillin hat. A pros pos – der Drang überfällt mich – kommt über mich – der Geist … – ich muß wieder einmal zitieren.

That’s that:

Die Pfaffen, welche dies verdroß,
Beklagten sich bei ihrem Boss:
O Weia weia weia!
So tönt die Litaneia.

Der liebe Gott erhört sie auch
Und fährt Herrn Hutten an den Bauch,
Er schickt ihm in die Hosen
Die Krankheit der Franzosen.

Das ist nämlich auch aus einem Gedicht von mir. Um nun aber weiterhin auf Deinen Brief einzugehen,

was das große H anbetrifft, hast Du Pech gehabt; ich wußte natürlich, daß es ein handgeschriebenes war.

das mit den lebendigen Katzen, mit denen Du die Fliegen gefüttert hast, war sehr lustig, nur habe ich nicht verstanden, wer nun eigentlich geschrieen hat, die Katzen oder die Fliegen. (Nach Deiner Darstellungsweise müßten es die Katzen gewesen sein. Die hatten doch aber gar keinen Grund zum Schreien. Oder schrieen sie vielleicht aus Freude, weil die Fliegen sie nun essen sollten?) – Wir fangen auch oft Fliegen, die wir ins Wasser werfen, aber nur zur Warnung, denn wir nehmen sie dann wieder heraus und werfen sie aus dem Fenster. Das scheint ihnen aber doch nicht so unangenehm zu sein, wie wir dachten, denn es kommen immer mehr.

Die Unität hat sich nicht gemeldet; bei Dir vermutbar auch noch nicht. Zum Bautrupp gehe ich nur mehr selten, ins Kino manchmal, krank war ich drei Tage, meine alte hat Geburtstag gehabt, der Meister hat mir einen Brief geschrieben, weil er was wollte, nämlich einen medizinischen Koffer (aha!).

Nun auf Wiedersehen, denn es fallen mir keine schreibenswerten Dinge mehr hinein; und, was das schlimmste ist, zu zitieren weiß ich auch nichts passendes. Wer weiß auch ein Zitat zu einem medizinischen Koffer?

Zum Schluß weiß ich aber auch keines, höchstens

»Nun lebet wohl, mein König!«

das steht ungefähr drei Mal im Augias, Schreib mir mal, wenn ich Dich besuchen soll; ob ich allerdings genug Geld haben werde um zu kommen, weiß ich nicht. Es wird mich jedenfalls sehr ehren. Wenn von der Unität etwas positives kommen sollte, kommst Du ja jedenfalls zweckmäßiger hierher.

Fein. Schluß. Peter
St. Max


Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis [Anfang März 1953]

Lieber Micha, es war eine törichte Distinktion, mir vorzuwerfen, ich hätte nur Deinen Brief kommentiert, und mich zu ermahnen, daß ich Dir lieber über wichtige Ereignisse berichte; – gibt es denn für mich wichtigere Ereignisse als Deine Briefe? Also zanke nicht, und lasse mich über das handeln, wovon mein Herz voll ist und mein Kopf leer.

1984 werde ich sicher nicht lesen, mir genügt die gewöhnliche amerikanische Betriebs-Soziologie. Mit welcher Dreistigkeit dort gelehrt wird, wie am besten der Arbeiter übers Ohr zu hauen und zu entmenschlichen sei, ist sehr frappant. Der Herr Krieg hat geschrieben, daß er für mich Bücher suchen wolle (im »Antiquariat«), und ich bin gespannt, ob er sie findet.

Pietro Aretino ist ein sehr berühmter Renaissance-Bruder, bekannt als Erfinder des Journalismus, als Held eines Dramas von Georg Büchner (welches indessen von dessen Braut wegen Unzucht und Atheismus nach seinem Tode verbrannt wurde) sowie als Systematisierer der nach ihm benannten siebenunddreißig Posen. Das langweilige Buch sind die »Gespräche«, davon nur das erste, das Kloster-Kapitel lesbar.

Osterreise ist ein schwierig Problema. Der Bodensee ist nämlich nur von Deinem beschränkten Gesichtskreise aus nahegelegen (wie Du ja überhaupt der Meinung zu sein scheinst, Tiefenbach liege gleich vor der Haustür). Ich weiß nicht, was ich zu Ostern vorhabe, aber ich bin ganz sicher, daß es mir am Geld mangeln wird.

Jazz-at-the-Philharmonic war genauso langweilig wie alle Jazz-Veranstaltungen, dabei kann man nicht sagen, daß es nicht gut gewesen sei. Die Fitzgerald hat eine sehr schöne Stimme, Herr Peterson spielte ganz subtilen Kammer-Jazz und Herr Krupa spielte erstaunlicherweise wirklich ganz geschickt Schlagzeug. Er ließ sich dazu von zwei Scheinwerfern an die Wände werfen, viel Effekt. Aber, Du kannst es mir glauben, Jazz ist etwas sehr langweiliges.

Ich habe vergessen, die Dame zu fragen, aber für ein Photo gibt es in dem VB fünfundzwanzig Mark. Ich vermute, daß andere Zeitungen weniger zahlen. Wenn es zehn Mark sind, ist es eine Impertinenz und darf sich das bloß die Gewerkschaftszeitung erlauben, weil sie ein paar Millionen Auflage hat.

Ich habe auch vergessen, wie die Schwester von Jane aussah, daher kann ich von da keine Schlüsse ziehen, wie Jane aussieht. Teile mir mit, ob sie Dir geantwortet hat. Was für eine dumme Frage war das mit den Traumsendungs-Conférencen? »Die Deutschen betreiben alles im Dunkeln, die Politik, selbst die Liebe, warum nicht also auch die Philosophie?« – von wem ist das?

Eben ist Herr Stalin ganz gestorben. Das ist in der Tat eine der betrüblichsten Nachrichten, die es seit langem gegeben. Ein bedeutendes und starkes Rußland ist das einzige, was uns vor dem Kriege retten kann, und ich denke, Herr Stalin hat doch vieles dazu beigetragen, Rußland bedeutend und stark zu erhalten. Von persönlichen Sympathieen und wissenschaftlichen Verdiensten rede ich gar nicht.

Peter


Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis [Mitte September 1953]

Lieber micha, vielen dank für deine freundliche einladung. ich nehme sie gerne an, und ich erwarte dich also am sonnabende allhier. ob ich dich abholen kann, weiß ich noch nicht. es ist möglich, daß etwelche sehr dringende geschäfte da dazwischen kommen. du mußt bedenken, du kommst just zur mittagessensstunde.

ich will wenig schreiben, weil ich heute früh erst eintroff, ich wollte dich aber eilfertig informieren. das mit dem sommeranzug weiß ich nicht, weil hier ganz anderes wetter als in italien herrscht. dort war es wärmer. ich würde aufs gratewohl sagen: ein heller anzug ist sehr gut, wenn das wetter warm, und nicht gut, wenn es kalt ist.

die wahlen sind große scheiße und eine lehre für solche, die an allmähliche besserung der lage auf parlamentarischer basis glauben. ich mag dieses land nicht mehr, und wir überlegen schon, ob wir nicht im herbste nach wien fahren. man lebt in andern orten nicht teurer als zuhause, indessen oft angenehm.

viele grüße und an die mama
Peter

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis [August 1954]

Lieber micha, ich habe deine unverschämte aufforderung schon empfangen, und ich bin sehr ärgerlich über dich, weil mir keine rechten gegengründe einfallen. Hier hast du also deine blöden, teuren geburtstagsgeschenke, als ob dein geburtstag ein grund für geschenke wäre, der reicht ja noch nicht mal für trostpreise, es ist reine menschenliebe von mir, und, wie gesagt, eben deine unverschämtheit.

Alle diese erwägungen erwägend, schicke ich dir, lieber micha, also viele geschenke zu deinem wiegen-feste. Ich beschreibe dieselben folgendermaßen:

1. haupt-geschenk.
Ein oliv-farbenes standart-werk über die großen bauwerke des kommunismus. orig.einb.; oktav (8⁰). Man beachte die größe der bauwerke!

2. neben-geschenk.
Ein aus-zug aus dem drama dramae, aus der theatralischen sensation des jahrtausends, aus dem haupt-preis- und kron-werk eigenhändig vom verfasser. (gekürzt)

3. zugabe.
Ein schlips.

Deine rührung vorausahnend, habe ich beschlossen, bis zum ersten Oktober zu verreisen, damit du bis dahin an einem gefühl-vollen, jedoch anständigen dank-brief arbeiten können mögest.
Diese erwähnte reise beginnt morgen und führt in großer rundreise durch jugoslawien. Dieselbe hätte früher begonnen, wenn die frau nicht krank gewesen wär. sie hatte einen drüsenabszeß, aber nicht, wo du denkst, sondern am halse; früher starben die leute daran, heute kriegen sie penicillin. von der reise aus schreibe ich dir nicht mehr, es ist zu teuer.

Ich habe arnolt bronnen (»gibt zu protokoll«, rowohlt, äußerst lesbarer verbrecher), oliver goldsmith (»landprediger von wakefield«, vorzüglich, in england sind selbst die spießbürger witzig) und das kamasutram gelesen. das kamasutram ist teilweise wirklich unanständig. Man kauft es, neu herausgekommen, für etwa zehn mark.

Wenn-falls dir die august-frankfurter-hefte in die finger fallen sollten, dann lese darin die vielen werke von der anna und von mir. sie sind mit ehrfurcht zu betrachten, aber leider schrecklich verstümmelt. politisch. der anna haben sie rausgestrichen, daß der faschismus ein letztes stadium des kapitalismus sei (hast dus denn inzwischen wenigstens begriffen, idiot?), und mir, daß kants ästhetik ein soziologisches faulheitsprodukt müßiggängerischer klassen: beides völlig klar beweisliche ergebnisse der wissenschaft, und noch viel mehr striche, wir haben uns geärgert.

Schöne grüße an deine mama. schönen glückwunsch zum geburtstag.
Peter

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis, 22.11.[19]55

Lieber Micha, Du mußt Dich nicht beklagen, daß die Briefe aus Berlin kleiner sind als die aus ­Dachau, die Erntfernung ist ja viel größer. Es ist ähnlich wie mit etwa Apfelkörben, die natürlich immer leerer werden, je weiter sie reisen.

Hier ist nun leider die endgültige Mitteilung des von Dir befürchteten und von mir (um nicht ungenau zu sein) erhofften Ereignisses: wir sind in den Feiertagen bei Brechts in Buckow eingeladen. Lieber Micha, etwas desgleichen war ja vorauszusehen.

Bitte ergreife mal geeignete Maßnahmen, um zu einer vernünftigen Zeit zu Besuch zu kommen. Es ist uns jede recht, und Du wirst nicht so einfallslos sein, keine Möglichkeit zu finden. Selbst die Mama hat es geschafft, und die ist nicht bei Vershofens engagiert, sondern bei Junior-Hacksens, die sind Tyrannen.

Du hast noch immer keine Zeitungsausschnitte gesandt, Berichte, was Genf für eine Presse hat.
Deine Bemerkungen über die Lobositz-Moral sind ziemlich richtig. Es ist ein Stück, das im Westen aktuell, hier aber bloß historisch ist. Indessen enthält richtig gesehene Historie immer anwendbare Wahrheiten. Zum Beispiel sind die Helden, welche man für einen gerechten Krieg benötigt, andere Helden als üblich. Es sind friedfertige Helden, die Lobositz gesehen haben. Inzwischen schreibe ich ein Stück über den Müller von Sanssouci. Die Idee ist von B. B. Es soll ein deutsches Nationallustspiel sein. Im Deutschlandsender habe ich ein Hörspiel verkauft, dessen Sendung ich Dir vormelden will.

Die Wohnung ist auch fertig. Wir sind sehr zufrieden mit dem Lande, in dem wir leben, aber natürlich ist es keins für Nazis oder Verbraucher. Bitte teile mir mit, ob Du mir etwas zu Weihnachten schenken wirst (ungefähren Wert, Größe etc.).

Die Anna läßt grüßen.

Peter

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis, 29.1.1957

Lieber Micha, ich höre, daß Du Dich lieber an die Amerikaner als an die RUSSEN verkaufst, und zwar offensichtlich aus liberaler Gesinnung. Das Glück ist nur, daß sie Dich nicht nehmen werden, weil Du mit mir zusammen in eine Schulklasse gegangen bist. Das sind Flecken, dauerhafter als die paar in Deinen Lungenflügeln.

Warum schreibst Du mir, wann Du herkommst? Glaubst Du, ich merke es mir? Schreibe es mir zwei Wochen vorher, dann merke ich es mir. Natürlich mußt Du mit dem Omnibus kommen, weil das das Billigste ist. Andere Leute wieder würden das Flugzeug benutzen, welches das Teuerste ist. Wenn aber direkt von Oberstdorf ein Omnibus geht, würde sogar ich den benutzen.

Vielen Dank für Politliteratur. Es ist wirklich kärglich, wie wenig da vorliegt. Außer dem uralten Max Weber und einer Broschüre über Soziogramme ist nicht einmal etwas darin, was ich nehmen würde, wenn es mir jemand gäbe. Du hast recht, der Spiegel hat es nicht verstanden. Ich habe mir überlegt, ob ich ihnen mitteilen soll, daß Erfinder der Politökonomie ihr eigener Urvater Adam Smith ist. Aber es ist mir zu lächerlich. Du könntest es mal tun.

Obwohl, Du bist auch kein Fachmann. Was an der Schlacht bei Lobositz ist katholisch oder pazifistisch? Das ist ein Stück gegen den siebenjährigen Krieg. Was ist daraus zu schließen? Doch wirklich nichts anderes, als daß man Deine vorgesehenen Geldgeber, die Amerikaner, mit Tanks und Kanonen aufs Haupt schlagen soll. Ich finde beim besten Willen keine andere Moral.

Ereignisse: Dramatiker-Sitzung mit klarem Sieg aller Klugen. Galilei-Aufführung in indiskutabel platter Inszenierung von Erich Engel. Anschaffung eines Magnetophons sowie Radios von einmaliger Größe. Schwer realisierbare Anstrengungen, aus Windloch-Vertrag mit Bertelsmann herauszukommen, da hier Angebot: 20 000 garantierte Auflage und 15 %.

Ich lege zum Andenken ein nicht ähnliches Gemälde von mir bei. Schöne Grüße

Peter

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis [Mai 1960]

Lieber Micha, ich bin so bemeiert, als ob ich Meier hieße; entschuldige, ich werde nichts Vernünftiges schreiben. Ich tus ja nur, weil es nicht schicklich ist, Briefe länger als vier Jahre unbeantwortet zu lassen.

Mein alter Gegner Tito schreibt mir, daß man Dich im September in Jugoslawien erwartet. Ich würde Dir raten, sehr vorsichtig zu sein; vielleicht wird man Dich als Stalinisten verhaften. Es ist wirklich überaus schwer, ein Land zu finden, wo man nicht unangenehm auffällt.

Herrn Höfers Anstrengungen verfolge ich seit ein paar Wochen, aber ich glaube kaum, daß ich es noch sehr lange fertig bringen werde. Den kleinen Moritz hat schon längst der Schlag getroffen über diese Art von Politik.

Unlängst besuchte mich ein Mann aus Hannover, um mich zu einem Dichterabend einzuladen. Derselbe hatte die Frechheit, mir ins Gesicht zu erzählen, er sei ein rechter Sozialdemokrat und für Wehner. Ich finde, wenn einer den Tripper hat oder Spulwürmer, dann sollte er so viel Takt haben, nicht noch darüber zu reden. Aber ich hatte den Eindruck, daß außer diesem Mann und dem Bundesvorstand sonst nicht viele Anhänger dieser Linie existieren; er redete nicht wie einer mit Massenbasis.

Die Befragung der Deutschen Theatergänger nimmt ihren rasenden Fortgang. Vor einem Vierteljahr hat Langhoff das Projekt erstmalig erwähnt. Jetzt wird schon davon geredet, es, im Rahmen einer großen Werbe- und Arbeitergewinnungs-Aktion, sogar durchzuführen. Es wird also höchstens noch drei Jahre brauchen. Einer der Unlust-Gründe ist, neben gewöhnlicher Schlamperei, die Angst zu erfahren, wieviel Arbeiter im Theater sind.

Daß »Die Sorgen und die Macht« unter großem proletarischen Jubel in Senftenberg uraufgeführt sind, ist Dir möglicherweise bekannt. Falls nicht, dann jetzt. Früher hatte ich immer saures Publikum und gute Presse; das beginnt sich zu verkehren.

Grüße von der Anna an die Frau Fischer, von mir an die Frau Fischer, von der Anna an Dich und von mir an Dich, sowie von der Anna an euch und von mir an euch, sowie von uns an die Frau Fischer und ganz besonders an Dich, lieber Micha, gezeichnet: der liebe

Peter

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis, 11.12.[19]61

Lieber Micha, weil das schöne Jahr sich nun seinem schönen Ende nähert, will ich Dir nun zum Geburtstag gratulieren, den Du, den Gesetzen des Kalenders zufolge, irgendwann einmal gehabt haben mußt. Ein Paket mit edlen und erhebenden Büchern ist an Euch unterwegs. Ich kann mir vorstellen, mit welchem äußersten Genuß Du in dem Lexikon meinen Namen lesen wirst, vielleicht mehrmals täglich.

Aus dem Register aber entnehme ich, daß Du jetzt ein Kind kriegst und alles nichts genutzt hat. Seid ihr auf den Dr. Knaus reingefallen oder einen anderen Trick des Papstes, oder war es einfach die blinde, tierische Sinnlichkeit, die euch soweit gebracht hat? Ein Trost ist nur, daß es egal ist, ob es ein Junge oder Mädchen ist; eingezogen werden beide.

Ob es Dir und mir gelingen wird, die beiden einzigen ungedienten Männer des Erdballs zu bleiben? Ich bin, was die Friedensfrage angeht, ganz zuversichtlich. Wir haben jetzt den schönen Westwall, und die armen Agenten schmollen alle und sind höchst brotlos, und sie haben zur Zeit ein großes Bedürfnis nach friedlichen Beziehungen innerhalb der Deutschländer, damit sie dann wieder bei uns hereingehen können.

Meine Begebenheiten sind immer, immer die alten. Manchmal benehme ich mich unbotmäßig und werde getadelt, manchmal benehme ich mich botmäßig und werde auch getadelt, in den Zwischenzeiten benehme ich mich gar nicht und schreibe sehr schöne Stücke, die niemand tadelt, weil sie niemand zu lesen kriegt. Wenn ich mit meinem letzten fertig bin, werde ich den Frieden von Aristophanes bearbeiten. Alle Menschen glauben, Aristophanes bearbeiten hieße, die Sauereien mildern. Ich indessen glaube an den Fortschritt und bin fest entschlossen, die Sauereien mindestens zu verdoppeln.

Der Anna geht es ganz gut; sie schläft. Nämlich a: allein, b: mit mir, c: mit mir bekannten Personen, d: mit mir unbekannten Personen. Aber sie kriegt keine Kinder, und das ist es, was sie von Deiner vorteilhaft unterscheidet. Rousseau hat ja bekanntlich die seinigen alle in einem Findelhause abgeliefert; indessen erwarte ich das nicht von Dir; denn Du bist kein Philosoph.

Schöne Weihnachten. Wenn ihr mich nicht besucht, könnt ihr mich nicht sehn. (Wenn ich ihr wäre, zöge ich augenblicks nach Westberlin und genösse dort alle Segnungen eines Tangers des Nordens. Selbst eure Drillinge würden da nicht eingezogen. Aber natürlich muß man an den Friedensvertrag glauben.) Schöne Weihnachten,

Peter


Hansgeorg Michaelis an Peter Hacks, 9.8.[19]81

Lieber Peter!

Die Juli-Ausgabe vom Playboy brachte die schöne Nachricht, daß Du es zum Millionär gebracht hast. Falls Du es noch nicht gemerkt haben solltest, – deshalb versuche ich, Dir eine Farbkopie des Artikels zu schicken. Leider ist der Negativ-Druck der beiden ersten Seiten auch auf dem feinsten Fotokopierer der Kapitalisten nicht so richtig gut hinzukriegen. Wie schwer die Technik zu überlisten ist, siehst Du auch an dem mißlungenen Versuch, die Seiten nicht dauernd überkopf zu kopieren.

Übrigens: im ZDF hattest Du eine feine Amphitryon-Inscenierung. Zufrieden gewesen?

Melde mal kurz, ob Du das hier gekriegt hast.

Gruß
Micha

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis Mittenwalde, 31.[8.1981]

Lieber Micha, alles ist ziemlich wahr; ich wollte, es wäre noch wahrer.

Dank & Gruß
Peter

Hansgeorg Michaelis an Peter Hacks, 20.11.[19]89

Lieber Peter,

da ist eine Frage. Eine Freundin von Frau Fischer hat vor längerem die Stein’schen Goethe-Gespräche in Darmstadt gesehen. Da hast Du nun eine Fanin gewonnen, denn sie fand den Text so toll, daß sie am liebsten alles mitgeschrieben hätte. Im Buchladen haben sie dann vergeblich nach der Textausgabe gesucht. Gibt es aber vielleicht in der DDR eine noch nicht vergriffene Ausgabe?

Irgendjemand hat behauptet, Du seiest kürzlich hier im Fernsehen zu betrachten gewesen. Man habe Dir da Fragen gestellt. Stimmt’s?

Die Entwicklungen der letzten Wochen scheinen ja mächtig auf die konservativen Mühlen zu laufen. Mir schmeckt das alles nicht. Blies sich da doch irgend so ein Stahlfritze mächtig auf. Er wollte Betriebe in der DDR errichten und die Genossen Arbeiter in DM bezahlen, damit die mal richtiges Geld verdienen. Offenbar haben hier alle vergessen, daß eben dieser Boß nur dank gewaltiger Subventionen nicht stempeln geht und der letzte ist, der anderen was raten kann.

Was mir fehlt, ist die selbstbewußte Darstellung all der Dinge, die in der DDR zweifelsfrei besser sind als hier. Weshalb sagt es die SED nicht, sie wird doch dauernd gefragt. Hoffentlich erkennen wenigstens ein paar der Begrüßungsgeldempfänger, wie sie hier immer wieder beschissen werden.

Wir sind nur froh, daß Irenes Verwandte das alles nicht mehr erleben mußten. Etwa im Mai werden wir voraussichtlich ein paar Tage in Berlin sein, bei einer Freundin von Gevatter Bogun, die sich zuletzt sehr um sie gekümmert hatte. Sie war im September ein paar Tage bei uns und nun sind wir eingeladen, sie in der Karl-Marx-Allee zu besuchen. Wir würden uns rechtzeitig vorher bei Dir melden, vielleicht sehen wir uns mal.

Falls es die Stein gibt, bitte Verlag aufschreiben.

Schöne Grüße Dir und Anna

Dein
Micha

Peter Hacks an Hansgeorg Michaelis, 24.11.1989

Lieber Micha, schlimmer als der Weltschmerz sind der Katarrh und die Influenza, und ich habe die beide. Ich mag also nicht schreiben. Die Lage ist, wie Du sie siehst.

Im Mai sind wir, je nach Wetter, noch in Berlin oder schon in Mittenwalde (Tel: Rangsdorf 857). Es wird bis dahin kaum noch Grenzschwierigkeiten geben, und wir freuen uns an beiden Orten auf Euren Besuch.

Aber eine gedruckte »Stein« ist nicht erhältlich. Lebt gut.

Peter

Gunther Nickel (Hrsg.), Peter Hacks, Hansgeorg Michaelis: Woher kommt die viele Dummheit auf die Welt? Briefe an Hansgeorg Michaelis 1944–1998, Eulenspiegel-Verlag 2021, 608 Seiten, 40 Euro

Peter Hacks (1928–2003) war Dramatiker, Essayist, Lyriker und Kinderbuchautor, der 1955 aus der BRD in die DDR übersiedelte.

Hansgeorg Michaelis (1923–2013) war Marktforscher und Schulfreund Hacksens

https://www.jungewelt.de/artikel/406910.korrespondenzen-ich-mag-dieses-land-nicht-mehr.html