22.07.2021 / Medien / Seite 15

Champions aus Gütersloh

Bertelsmann will sich auf regionalen Märkten der globalen Streamingkonkurrenz stellen. Der Pressekonzern Gruner und Jahr wird dabei keine Rolle mehr spielen

Gert Hautsch

Bertelsmann will weiter mitspielen: Auf einer Tagung für Führungskräfte Ende April 2021 hat der Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe die künftige Strategie vorgestellt. Der größte deutsche Medienkonzern sucht eine Antwort auf den Siegeszug von Netflix, Amazon, Disney und anderen Streaminganbietern. Die untergraben das Geschäftsmodell des klassischen Fernsehens. Dort aber ist die RTL Group unterwegs, die bislang den größten Teil des Bertelsmann-Profits abliefert.

Ein globaler Wettbewerb mit den US-Plattformen ist nicht zu gewinnen, das muss Rabe akzeptieren. Statt dessen orientiert er sich auf begrenzte Märkte. Dort will Bertelsmann »nationale Mediachampions« schaffen, die sich gegen die große Konkurrenz behaupten können. Ein »Champion« ist der führende Akteur in einem Land oder einer ­Region. Hier sieht man noch Markt­chancen, und dazu wird der Konzern derzeit umgebaut.

Es ist interessant, wer auf dem Weg zur Champion­ship mitgehen soll und wer nicht. Direkt angesprochen hat ­Thomas Rabe bei der genannten Tagung die Fernseh- und Radiogruppe RTL, den Produktionskonzern Fremantle, den ­Literaturverlag Penguin Random House, die Musiksparte BMG und das Dienstleistungsunternehmen Arvato. Von ihnen werden jährliche Wachstumsraten beim Umsatz von fünf bis zehn Prozent erwartet. Die neu geschaffene Education Group sowie die internationalen Investments sollen sogar um mehr als zehn Prozent zulegen.

Der Verlagskonzern Gruner und Jahr (Stern, Brigitte, Geo) wurde in diesem Zusammenhang nicht genannt. Ihm droht die interne Abwicklung. Eine Übernahme ganz oder – wahrscheinlicher – in Teilen durch die RTL Group wird derzeit »ausgelotet«. Anfang Mai 2021 wurde bekannt, dass die Pläne für einen Neubau des Gruner-und-Jahr-Verlagshauses in Hamburg gekippt wurden, obwohl das bisherige Domizil schon verkauft worden war und der Verlag dort nun als Mieter sitzt. Daraufhin mussten Gerüchte, Gruner und Jahr werde zu RTL nach Köln umziehen, dementiert werden. Verstummt sind sie nicht.

Gruner und Jahr gehörte bis vor wenigen Jahren zu den vier auflagenstärksten deutschen Magazinverlagen, beim Anzeigen- und Verkaufsumsatz war er sogar die Nummer zwei. Im Geschäftsjahr 2001 flossen Erlöse von drei Milliarden Euro, 2013 immerhin zwei Milliarden, 2020 nur noch 1,1 Milliarden. Dazwischen lag der Rückzug aus zahlreichen Auslandsmärkten und 2019 der Ausstieg bei der Motorpresse Stuttgart. Außerdem 2002 der Verkauf der Hamburger und Berliner Zeitungen sowie 2012 die Einstellung der ­Financial Times Deutschland.

Im laufenden Jahr dürfte der Umsatz auf unter 800 Millionen Euro sinken. Denn Ende Mai hat Gruner und Jahr auch sein letztes Auslandsgeschäft verkauft. In Frankreich war man mit 1.200 Beschäftigten und 271 Millionen Euro Umsatz (2020) der führende Verlag für Publikumszeitschriften – also eigentlich ein »Champion«. Aber Print gehört wohl nicht mehr zu den Märkten, auf denen man in die Zukunft investieren will.

Die größten Hoffnungen von Bertelsmanns Konzernführung liegen auf der RTL Group. Nicht umsonst ist Thomas Rabe dort im Zweitjob Vorstandschef. Der Luxemburger Unterhaltungskonzern bereinigt gerade sein Terrain im benachbarten Ausland.

In Frankreich ist RTL mit 48,6 Prozent Hauptaktionär beim Medienkonzern Groupe M6. Der wird mit der Konkurrentin Groupe TF1 fusioniert, die dem französischen Baukonzern ­Bouygues gehört. Im Ergebnis soll einer jener »nationalen Mediachampions« entstehen, von denen Rabe spricht – mit einem Jahresumsatz von 3,4 Milliarden Euro und einem operativen Gewinn (­EBITDA) von 461 Millionen (­Pro-­forma-Zahlen für 2020).

Ähnlich in den Niederlanden: Dort wird man RTL Nederland mit der Konkurrentin Talpa Media von John de Mol vereinigen. Beide betreiben Fernseh- und Radiosender, Print- und Digitalmedien sowie E-Commerce-Plattformen, RTL außerdem die Streamingplattform »Videoland«. Der neue Champion steht (nach Zahlen von 2020) für 909 ­Millionen Euro Umsatz und 84 Millionen EBITDA. RTL wird 70 Prozent der Anteile halten, Talpa 30 Prozent.

Wo’s nicht passt, steigt man aus. So wird RTL Belgium nicht verschmolzen, sondern verkauft. Mit den neuen Eigentümern Groupe Rossel und DPG Media wird die RTL Group langfristige Lieferverträge für Filme und Serien schließen. Die US-Firma »Spot X«, die sich mit Technik für digitale Werbung beschäftigt, hat keine Chance, ein »Champion« zu werden und ist abgestoßen worden. Immerhin mit ordentlichem Profit: Aus 460 Millionen US-Dollar Kaufpreis vor sieben Jahren sind 1,7 Milliarden Verkaufspreis geworden.

Bertelsmann ist indessen mit seiner europäischen Regionalstrategie nicht allein. Die italienische Mediaset-Gruppe, die vom Berlusconi-Clan kontrolliert wird, baut gerade an einer Holding »Media for Europe« mit Sitz in den Niederlanden. Dort will sie ihre italienischen und spanischen Aktivitäten zusammenlegen und würde gerne die deutsche RTL-Konkurrentin Pro-sieben-Sat-1 dazunehmen. Es bleibt spannend.

https://www.jungewelt.de/artikel/406844.globale-medienriesen-champions-aus-gütersloh.html