22.07.2021 / Feuilleton / Seite 10

Einfach laufen lassen

Alptraum in Beton: Douglas Spencer entlarvt die Architektur des Spätfordismus

Martin Küpper

Metaphern haben ihre Schicksale. Als die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari das Rhizom, ein spezifisches Sprossachsensystem, aus der Botanik in ihre Philosophie übernahmen, war ihnen nicht bewusst, wofür die Metapher noch herhalten würde. Mittlerweile steht sie u. a. für eine Kampftechnik, das Rhizommanöver. Hierbei sollen Kampfgruppen auf engbebautem Gebiet auf unerwartete Weise durch die gegebene Architektur brechen. Treppen, Fenster und Türen sind zu vermeiden. Das Gebäude soll als flüssiges Medium begriffen werden.

Auch dachten die beiden sicher nicht an eine Strömung, die der britische Architekturtheoretiker Douglas ­Spencer in seinem jüngsten Essayband zum Ausgangspunkt seiner Kritik der zeitgenössischen Architektur macht. Dieser am Poststrukturalismus orientierten Avantgarde zufolge soll der Raum neu konzipiert werden: flexibel, ruhelos und fließend. Hierarchien und Grenzen sollen eingerissen werden. Diese Prinzipien sieht Spencer z. B. im BMW-Werk der Architektin Zaha Hadid in Leipzig verwirklicht. Die gesamte Belegschaft betritt das Werk von einem Punkt aus. Von hier öffnet sich ein offenes, urbanes Feld aus Beton und geschweißtem Stahl mit mehreren nicht strikt von­einander geschiedenen Ebenen. Säulen und Ecken finden sich nur wenige. Im Inneren dominiert Tages­licht und suggeriert Offenheit. Die Autos werden auf Förderbändern kreuz und quer durch das Gebäude transportiert. Um den Mitarbeitern einen »ständigen Kontakt zum Produkt« zu vermitteln, wie es auf der Website heißt, ist es immer gut sichtbar. An Knotenpunkten und in der Cafeteria sollen die Mitarbeiter aufeinandertreffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und gewinnbringend in den Produktions­prozess einzubringen. Patrik Schumacher, Geschäftspartner von Hadid, brachte es auf den Punkt, als er sagte, dass das Auge im Werk niemals ruhen solle, letztlich um das Gefühl zu erzeugen, dass man beinah fliegen würde. Klingt das nicht nach dem Traum einer nicht entfremdeten Arbeitswelt? Mitnichten, wie Spencer darlegt. Das sind die betongewordenen Träume einer »spätfordistischen« Agenda, die nicht nur Produktionsprozesse im Sinne der Ausbeutung optimiert, sondern zugleich eine spezifische Subjektivität konstituiert.

Mit dem Aufkommen der Ökologie in den 60er Jahren verband sich auch die Naturalisierung des Modells des Homo oeconomicus, der fortan ein biozentrisches Fundament erhielt. Der soziale Inhalt des neoliberal verformten Subjekts, meist verschleiert, zuweilen zynisch angesprochen, orientiert sich an der Maximierung des instrumentellen Verhaltens im Sinne der ­grenzenlosen Gewinn- und Nutzen­steigerung. Biomorphe Gebäude, »lernende Landschaften« und bepflanzte Shopping-Malls bieten den geeigneten Raum für das naturwüchsig sich selbst organisierende Feld von Privatproduzenten. Die Menschen können sich in Einheit mit der Natur wähnen, das neoliberale Ziel kann bewahrt werden.

Flankiert wird das von der Vorstellung einer mit allen Menschen geteilten Humanität, die kein oben und unten mehr kennt und in der Plattformarchitektur ihren Ausdruck findet. Teilhabe und Zugang sollen für alle möglich sein, ungeachtet der sozialen Stellung. Modellhaft steht dafür nach Spencer neben dem Centre Pompidou in Paris das Museum für Kunst, Architektur und Technik in Lissabon, das 2016 fertiggestellt wurde. In Form einer Welle – als Zeichen für die Seefahrt – bietet das Gebäude viel Aufenthaltsfläche. Die gekachelte Fassade, die wetterabhängige Lichtspiele ermöglicht, soll die Sinne stimulieren und positive Affekte auslösen. Architektin Amanda Levete sieht in dem von ihr entworfenen Museum einen Ort der Begegnung. Der flache und ovale Bau mit einem stützenlosen, zentralen Ausstellungsraum soll den Besucher ermächtigen, seinem Willen freien Lauf zu lassen. Wege werden kaum vorgeschrieben: der Museumsbesuch als verwirklichte Freiheit. Die philanthropisch gestimmte Bauherrin ist eine Stiftung des Energiekonzerns Energias de Portugal. Der wiederum erklärt Flexibilität und Offenheit nicht nur zur Formgrundlage für seine »­signature architecture«, sondern auch zur tragenden Säule der Personalpolitik. Im Monat der Eröffnung des Museums erschütterte ein Streik von Callcenterangestellten aus Subunternehmen den Konzern. Sie forderten eine Verbesserung der von Einschüchterung und Nötigung geprägten Arbeitsbedingungen, die Entfristung ihrer Verträge und eine Einbindung in den Mutterkonzern.

Spencer brilliert in seinen Essays analytisch, wo er Architektur als Instru­ment einer speziellen ökonomischen Agenda entlarvt. Jedoch gehen bei ihm zuweilen die absolut gesetzten ideologischen Imperative nahezu bruchlos ins Bauliche über. Denn Spencer blickt vom Himmelreich der Ideen auf die architektonische Praxis. Nötig gewesen wäre eine Analyse der Rolle der Architektur im gegenwärtigen Akkumulationsregime des Kapitals, etwa bei der Erschließung von Investitionsräumen, und der neoliberalen wirtschaftspolitischen Praxis. Ohne Gesellschaftsanalyse fehlt Architekturkritik die nötige Tiefenschärfe.

Douglas Spencer: Critique of Architecture. Essays on Theory, Autonomy, and Political Economy. Englisch, Birkhäuser-Verlag, Basel/Berlin/Boston 2021, 228 Seiten, 29,95 Euro

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