22.07.2021 / Inland / Seite 8

»Sie streben eine Art Herrschaft des Geldbeutels an«

Düsseldorf: Linke machen auf die Verbindungen des Unternehmens Degussa Goldhandel zur AfD aufmerksam. Ein Gespräch mit Hannes Dräger

Henning von Stoltzenberg

Sie haben unter dem Motto »Kein AfD-Goldhandel auf der Kö« gegen die Filiale der Degussa Goldhandel GmbH demonstriert. Welche Verbindungen hat das Unternehmen nach rechtsaußen?

Degussa Goldhandel belieferte den Onlineshop der AfD mit Goldbarren. Das Geschäft brachte der AfD hohe Geldsummen ein. Frisches Geld, das die damals noch junge Partei dringend brauchte, um den Parteiaufbau voranzutreiben. Geschäftsführer von Degussa Goldhandel ist Markus Krall. Er hat sich als Untergangsprophet in rechten Kreisen einen Namen gemacht und ist ein gern gesehener Redner auf AfD-Veranstaltungen. Seine These vom bevorstehenden Bürgerkrieg mit der Antifa stößt dort auf viel Resonanz.

Wer steht hinter dem Unternehmen, das auch Niederlassungen in anderen Städten hat?

Eigentümer ist der Multimilliardär Baron August von Finck junior. Sein Vater war ein früher Bewunderer Adolf Hitlers und organisierte Spendengalas für die Nazis. Später profitierte er von den Arisierungsprogrammen der Nazis. Heute steht sein Erbe Finck junior im Verdacht, Teil der Schweizer Spenderconnection der AfD zu sein.

Laut einem Artikel in der linken Düsseldorfer Stadtzeitung Terz war Degussa »nicht nur Profiteur, sondern auch Mittäter bei den Verbrechen des deutschen Faschismus«. In welcher Hinsicht?

In diesem Artikel geht es um den alten Degussa-Konzern. Das Firmengeflecht lieferte den Nazis das Zyklon B und machte Geschäfte mit dem Zahngold von ermordeten Jüdinnen und Juden. Nachdem die Degussa später aufgegangen war in anderen Firmenkonstruktionen und der Name verschwand, legte Finck junior vor einigen Jahren zwei Millionen Euro auf den Tisch, um die Namensrechte zu erwerben. Degussa Goldhandel war geboren. Das Finck-Unternehmen stellt sich damit in die Tradition jener kapitalistischen Mittäter des deutschen Faschismus.

Teile des Führungspersonals sind gern gesehene Redner auf AfD-Veranstaltungen und Buchautoren. Mit welchen Forderungen treten sie dabei an die Öffentlichkeit?

Der Geschäftsführer Markus Krall und der hauseigene Chefökonom ­Thorsten Polleit streben eine Art Herrschaft des Geldbeutels an. Für diese Typen ist jeder staatliche Eingriff, etwa eine verstärkte Besteuerung von Reichen, schon Sozialismus. Ganz allein »der Markt« soll die Dinge regeln, für demokratische Rechte ist da kein Platz. Geht es nach Krall, dann soll Empfängern von Sozialtransfers künftig sogar das Wahlrecht entzogen werden. Das erinnert stark an Debatten extrem rechter und marktradikaler Strömungen in den USA. Und in der Tat gibt es über das Mises-Institut eine Verbindung. Das Institut teilt sich mit Degussa Goldhandel eine gemeinsame Adresse in München und hat enge Verbindungen zu »anarchokapitalistischen« Akteuren in den USA. Dort kursieren irre Planspiele zur Errichtung sogenannter Privatstädte. Staaten geben darin einen Teil ihres Territoriums an Konzerne ab. Das Institut liefert die akademische Begleitmusik für das neoliberale Programm von Krall.

Was setzen Sie dieser Politik entgegen? Wie geht es weiter nach der Demonstration?

Die Unterstützung der extremen Rechten durch Unternehmen und Superreiche hat in Deutschland eine lange Tradition. Die AfD hat nicht nur einen Flügel für das Deutsche Reich, sondern auch einen für die reichen Deutschen. In dieses Feld stoßen Leute wie Finck und Krall hinein. Es kommt darauf an, den Scheinwerfer draufzuhalten. Der Rechtsextremismus-Forscher Andreas Kemper hat hier viel zur Aufklärung beigetragen. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt und tragen den Protest auf die Straße. Die Resonanz auf unserer Protestkundgebung in der Nähe der Degussa-Filiale war interessant. Viele Passanten reagierten überrascht und zugleich empört, als sie mehr über die Hintergründe von Degussa Goldhandel erfuhren. Wir haben uns jetzt mit Linken in anderen Städten vernetzt und hoffen, dass es auch vor anderen Degussa-Filialen in Deutschland zu Protesten kommt.

Hannes Dräger ist Vorstandsmitglied der Partei Die Linke in Düsseldorf

https://www.jungewelt.de/artikel/406816.wirtschaft-und-afd-sie-streben-eine-art-herrschaft-des-geldbeutels-an.html