22.07.2021 / Ausland / Seite 6

»Carlo lebt und kämpft mit uns«

Italien: Zahlreiche Veranstaltungen in Erinnerung an Proteste gegen G8-Gipfel in Genua 2001

Gerhard Feldbauer

Zum 20. Jahrestag der blutigen Repression gegen die Proteste gegen den G8-Gipfel vom 18. bis 22. Juli 2001 in Genua – angeordnet von der aus faschistischen und rassistischen Kräften bestehenden Regierung unter Silvio Berlusconi – fanden in der italienischen Hafenstadt zahlreiche Veranstaltungen statt. Auf der Piazza Alimonda gedachten am Dienstag Tausende des damals 22jährigen Studenten Carlo Giuliani, der dort von einem Carabiniere mit einem Kopfschuss ermordet worden war. »Carlo lebt und kämpft mit uns, unsere Ideen werden niemals sterben«, war eine Losung, »die im Chor gerufen wurde, begleitet von vielen Umarmungen und leuchtenden Augen der verschiedenen Generationen, die sich zusammengefunden hatten«, schrieb die linke Zeitung Il  ­Manifesto. Auch auf anderen Kundgebungen wurden Schweigeminuten für Giuliani eingelegt.

Auf einer Veranstaltung, zu der ein Netzwerk aus Organisationen und politischen Bewegungen aufgerufen hatte, versammelten sich am Montag und Dienstag rund 200 Teilnehmer im Palazzo Ducale. Die Gallionsfigur der damaligen globalisierungskritischen Bewegung, der Vorsitzende des Genueser Sozialforums, Vittorio Agnolleto, erklärte, unter den 300.000 Demonstranten, die 2001 nach Genua gekommen waren, hätten viele daran geglaubt, »die Welt zu verändern«. »Damals sagten wir: Eine andere Welt ist möglich. Heute ist es unsere Pflicht, zu sagen, dass eine andere Welt notwendig ist.« Agnoletto hatte sich nach dem G8-Gipfel dem Partito della Rifondazione Comunista (PRC) angeschlossen, einem Nachfolger des 1990 in die sozialdemokratische Linkspartei PDS umgewandelten Partito Comunista Italiano (PCI).

Bei einer Veranstaltung der Partei der Europäischen Linken (EL) auf der Piazza Matteotti, bei der unter anderem führende Vertreter des PRC vertreten waren, war man sich am Dienstag einig in der Verurteilung der Repression. Die Frage, warum die machtvolle Antiglobalisierungsbewegung in den Jahren nach Genua verpuffte, wurde hingegen kaum aufgeworfen. Eine tiefergehende Analyse nahm ein Forum am Montag und Dienstag zum Thema »Reflexion und Debatte. Genua 2021 – Navigation auf offener See« vor, das von der Basisgewerkschaft USB und linken Organisationen wie Cambiare Rotta (»Den Kurs ändern«) und Osservatorio Repressione (»Repressionsbeobachter«) organisiert worden war. Die Teilnehmer zogen laut dem kommunistischen Onlineportal Contropiano das Fazit, dass, wenn »die Bewegung der Bewegungen« auch »nicht nur an Repression starb und die lokale politische Umsetzung dieses echten Kampfes gegen die neoliberale Globalisierung der Herausforderung der sich formenden Welt nicht gewachsen war, man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten kann«. Guido Lutrario von USB charakterisierte die von der Berlusconi-Regierung in Genua verfolgte Strategie als »Verfeinerung der präventiven Konterrevolution«. Die Kombination von neoliberaler Politik und Stärkung des rechtsrepressiven Apparates habe dazu geführt, dass wir in einem »minimalen Sozialstaat und einem maximalen Strafstaat« leben, ergänzte sein Kollege Italo di Sabato.

Zudem wurde auf dem Forum eine aktuelle Kampfagenda beraten. Diese umfasst die Organisation eines Generalstreiks für den 18. Oktober zur Verteidigung der Arbeiterrechte gegen die von der aktuellen italienischen Regierung unter Mario Draghi zur Abwälzung der Kosten der Coronapandemie gestartete Offensive. Auch internationalistische Aktivitäten, in deren Zentrum die Verteidigung des sozialistischen Kuba steht, sollen organisiert werden.

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