10.07.2021 / Inland

Trauer um Esther Bejarano

Antifaschistin und Auschwitz-Überlebende im Alter von 96 Jahren verstorben

Nina Hager

Am Samstagmorgen verstarb, wie der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, auf Twitter mitteilte, Esther Bejarano in Hamburg. Die Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau, die aktive Antifaschistin, Ehrenvorsitzende der VVN-BdA und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees Deutschland wurde 96 Jahre alt.

Noch im hohen Alter war sie aktiv, engagierte sich politisch, sprach vor Jugendlichen und bei Veranstaltungen, trat als Sängerin auf Veranstaltungen wie zum Beispiel den Pressefesten der UZ, der Zeitung der DKP, auf. »Man darf nicht schweigen und vergessen«, erklärte sie mit Blick auf die Zeit des Faschismus immer wieder. 2017 schlug sie die DKP als ihre Spitzenkandidatin zu den Bundestagswahlen vor. Aus gesundheitlichen Gründen musste Esther Bejarano ablehnen.

Zuletzt hatte sie sich Anfang des Jahres zum 76. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz zu Wort gemeldet: In den Tagesthemen hatte sie die Jugend ermahnt sie, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit sie sich nicht wiederholt, abschließend erneut gefordert, dass der 8. Mai als Tag der Befreiung zum Feiertag erklärt wird.

Ein Jahr zuvor hatte sie in einem Offenen Brief »an die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen«, den sie an den Bundespräsidenten und die Bundeskanzlerin richtete, entschlossenes Handeln gegen Rechts, gegen Kriege. Diskriminierung, Rassismus und Ausbeutung gefordert: »Es ist für uns Überlebende unerträglich, wenn heute wieder Naziparolen gebrüllt werden, wenn Menschen durch die Straßen gejagt und bedroht werden, wenn Todeslisten kursieren. Wir wollen uns nicht gewöhnen an Meldungen über antisemitische, rassistische und menschenfeindliche Attacken in Berlin und anderswo, in Halle, wo nur stabile Türen die jüdische Gemeinde schützten, aber zwei Menschen ermordet wurden. Diese Betroffenheit muss zum Handeln führen, es muss gefragt werde, wie es so weit hat kommen können. Es muss gestritten werden für eine andere, bessere Gesellschaft ohne Diskriminierung, Verfolgung, Antisemitismus, Antiziganis­mus, ohne Ausländerhass! Nicht nur an Gedenktagen!«

Sie forderte, »dass die Diffamierung von Menschen und Organisationen aufhört, die entschlossen gegen rechts handeln. Was ist gemeinnütziger als Antifaschismus? Es ist auch unerträglich, wenn ein paar Antifa-Aufkleber in Schulen Anlass für Denunziationen über Petzportale von neurechten Parteien sind. Niemand sollte für antifaschistisches Handeln, für gemeinsame Aktionen gegen den Hass, gegen alte und neue Nazis diskreditiert und verfolgt werden!

Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschla­gung des NS-Regimes. Wie viele andere aus den Konzentrationslagern wurde auch ich auf den Todesmarsch getrieben. Erst Anfang Mai wurden wir von amerikanischen und russischen Soldaten befreit. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.

Und dann können wir, dann kann ein Bundespräsident vielleicht irgendwann sagen: Wir haben aus der Geschichte gelernt. Die Deutschen haben die entscheidende Lektion gelernt.«

Sie wird uns, sie wird allen Antifaschistinnen und Antifaschisten fehlen.

Nachruf der VVN-BdA auf ihre Ehrenpräsidentin Esther Bejarano

https://www.jungewelt.de/artikel/406618.nachruf-trauer-um-esther-bejarano.html