17.07.2021 / Wochenendbeilage / Seite 3 (Beilage)

Der Hauptfeind steht im eigenen Land

Nach dem Kriegseintritt Italiens veröffentlichte Karl Liebknecht im Mai 1915 sein berühmtestes Flugblatt gegen den Weltkrieg (Teil I)

Was seit zehn Monaten, seit dem Angriff Österreichs auf Serbien, täglich zu erwarten war, ist eingetreten: Der Krieg mit Italien ist da (am 23. Mai 1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg, jW).

Die Volksmassen der kriegführenden Länder haben begonnen, sich aus den amtlichen Lügennetzen zu befreien. Die Einsicht in die Ursachen und Zwecke des Weltkrieges, in die unmittelbare Verantwortlichkeit für seinen Ausbruch hat sich auch im deutschen Volk verbreitet. Der Irrwahn heiliger Kriegsziele ist mehr und mehr gewichen, die Kriegsbegeisterung geschwunden, der Wille zum schleunigen Frieden mächtig emporgewachsen, allenthalben – auch in der Armee!

Eine schwere Sorge für die deutschen und österreichischen Imperialisten, die sich vergeblich nach Rettung umsahen. Sie scheint ihnen jetzt gekommen. Italiens Eingreifen in den Krieg soll ihnen die willkommene Gelegenheit bieten, neuen Taumel des Völkerhasses zu entfachen, den Friedenswillen zu ersticken, die Spur ihrer eigenen Schuld zu verwischen. Sie spekulieren auf die Vergesslichkeit des deutschen Volkes, auf seine nur allzu oft erprobte Langmut (…)

Die Feinde des Volkes rechnen mit der Vergesslichkeit der Massen – wir setzen dieser Spekulation entgegen die Losung: Alles lernen, nichts vergessen! Nichts vergessen!

Wir haben erlebt, dass beim Kriegsausbruch die Massen von den herrschenden Klassen mit lockenden Melodien für den kapitalistischen Kriegszweck eingefangen wurden. Wir haben erlebt, wie die schillernden Seifenblasen der Demagogie zerplatzten, die Narrenträume des August verflogen, wie statt des Glücks Elend und Jammer über das Volk kamen; wie die Tränen der Kriegswitwen und Kriegswaisen zu Strömen anschwollen; wie die Erhaltung der Dreiklassenschmach, die verstockte Heiligsprechung der Viereinigkeit: Halbabsolutismus – Junkerherrschaft – Militarismus – Polizeiwillkür zur bitteren Wahrheit wurde (…)

Jede Brandmarkung verdienen die italienischen Kriegshetzer. Aber sie sind nichts als die Abbilder der deutschen und österreichischen Kriegshetzer, jener Hauptschuldigen am Kriegsausbruch. Gleiche Brüder, gleiche Kappen!

Wem hat das deutsche Volk die neue Heimsuchung zu danken?

Von wem hat es Rechenschaft zu fordern für die neuen Opferhekatomben, die sich türmen werden?

Es bleibt dabei: Das österreichische Ultimatum an Serbien vom 23. Juli 1914 war die Brandfackel, die die Welt entzündete, wenn auch der Brand erst spät auf Italien übergriff.

Es bleibt dabei: Dieses Ultimatum war das Signal für die Neuverteilung der Welt und rief mit Notwendigkeit alle kapitalistischen Raubstaaten auf den Plan.

Es bleibt dabei: Dieses Ultimatum rollte die Frage der Vorherrschaft auf dem Balkan, in Kleinasien und im ganzen Mittelmeer und damit auch alle Gegensätze zwischen Österreich-Deutschland und Italien mit einem Schlage auf.

Wenn sich die deutschen und österreichischen Imperialisten jetzt hinter dem Busch der italienischen Raubpolitik, hinter der Kulisse der italienischen Treulosigkeit zu verstecken suchen; wenn sie die Toga der moralischen Entrüstung, der gekränkten Unschuld umwerfen, während sie doch in Rom nur eben ihresgleichen gefunden haben, so verdienen sie die Lauge des grausamsten Hohns.

Nicht vergessen gilt’s, wie mit dem deutschen Volke gerade in der italienischen Frage gespielt worden ist, gespielt von den sehr ehrenwerten deutschen Patrioten.

Seit je war der Dreibundvertrag (1882 trat Italien dem 1879 geschlossenen Zweibund von Deutschland und Österreich-Ungarn bei, jW) mit Italien eine Farce – euch hat man darüber getäuscht!

Stets galt Italien dem Kundigen für den Kriegsfall als sicherer Gegner Österreichs und Deutschlands – euch hat man es als einen sicheren Bundesgenossen vorgegaukelt!

Im Dreibundvertrag, bei dessen Abschluss und Erneuerung niemand euch befragte, lag ein gut Teil von Deutschlands weltpolitischem Schicksal beschlossen – bis zum heutigen Tage ist euch von diesem Vertrage nicht ein Buchstabe mitgeteilt.

Das österreichische Ultimatum an Serbien, mit dem eine kleine Clique die Menschheit überrumpelte, war der Bruch des Bündnisvertrags zwischen Österreich und Italien – euch hat man davon nichts gesagt.

Dieses Ultimatum ist gegen den ausdrücklichen Widerspruch Italiens ergangen – euch hat man das verschwiegen (…)

Auf die Verhandlungen Deutschlands und Österreichs mit Italien, von denen das Eingreifen Italiens abhing, gab man euch keinen Einfluss. Als Unmündige wurdet ihr in dieser Lebensfrage behandelt, während die Kriegspartei, während die Geheimdiplomatie, während eine Handvoll Leute in Berlin und Wien um das Geschick Deutschlands würfelte.

Karl Liebknecht: Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Flugblatt, Mai 1915. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band VIII. Dietz-Verlag, Berlin 1974

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