15.07.2021 / Inland / Seite 2

»Für mich ist Kunst immer politisch«

Chemnitz: Antifaschisten treffen sich zum »Festival gegen das Vergessen«. Auch an Esther Bejarano wird erinnert. Ein Gespräch mit Sabine Kühnrich

Markus Bernhardt

An diesem Donnerstag findet in Chemnitz das »Festival gegen das Vergessen« im Park der Opfer des Faschismus statt. Was hat es damit auf sich?

Das »Festival gegen das Vergessen« wird veranstaltet von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, unterstützt vom DGB Südwestsachsen und dem Lokalen Aktionsplan für Demokratie der Stadt Chemnitz. Wir erinnern an das Leid von Millionen Menschen, das ihnen durch den deutschen Faschismus 1933 bis 1945 mit Krieg, Völkermord, Vertreibung und Zwangsarbeit angetan wurde. Wir denken auch an die, die heute Opfer von Gewalt und Rassismus sind – weltweit, aber eben auch in Sachsen und Chemnitz.

Breiten Raum nimmt bei diesem Festival die kulturelle und künstlerische Auseinandersetzung mit Hass und Ausgrenzung ein. Was genau ist geplant?

Es kommen Menschen zu Wort, die sich für nachhaltige Erinnerungskultur einsetzen. Der VVN-BdA Chemnitz, die Geschichtswerkstatt Sachsenburg und der Erinnerungsort des Zwangsarbeiterinnenlagers »Außenkommando Penig« präsentieren ihre Arbeit mit Ausstellungen und stellen sich in Interviews vor. Auch mit Aktiven im Einsatz gegen Rassismus kommen wir ins Gespräch, wie »Aufstehen gegen Rassismus«, der Gruppe »Seebrücke Chemnitz« und – was uns sehr freut – dem Antirassismusbeauftragten des Chemnitzer Fußballclubs.

Wir werden an Esther Bejarano erinnern, die eigentlich auf diesem Festival als Musikerin gemeinsam mit der Rapgruppe Microphone Mafia auf der Bühne stehen wollte. Die Nachricht von ihrem Tod hat uns sehr traurig gemacht. Sie war eine stets präsente Zeitzeugin, weil sie laut war und alle denkbaren Wege gesucht hat, ihre Botschaft an die jungen Generationen weiterzugeben. Nun ist alles anders. Die Musiker der Microphone Mafia werden jetzt nicht nach Chemnitz kommen. Wir wünschen ihnen viel Kraft, dass sie bald wieder vor Publikum gehen können, um Esthers Vermächtnis lebendig zu halten.

Wir von Quijote frischen mit Liedern und Texten etwa von Stefan Heym, Jura Soyfer, Jakovos Kambanellis und Mikis Theodorakis das kollektive Gedächtnis an den Faschismus auf. 150 Jahre Pariser Kommune und die aktuelle Situation von Flüchtlingen sind Themen bei unserem Konzert. Und wir freuen uns darauf, etwas Gemeinsames mit unserem peruanischen Freund Pedro Montero zu spielen. Er ist übrigens Vorsitzender des Migrationsbeirates Chemnitz.

Wird die Bedeutung von Kunst und Kultur im politischen Diskurs gemeinhin unterschätzt?

Ja, allerdings nicht von den Künstlern. Kunst erweitert den Horizont, bricht Tabus, trägt den Humanismus weiter. Für mich ist Kunst immer politisch. Viele Künstler, egal aus welchem Genre, bringen sich in politische Diskussionen ein und zeigen Haltung. Es lohnt sich, genau hinzuhören und hinzusehen, um ihre Ideen zu entdecken; ihnen Räume und Gelegenheiten zu geben, die Ideen auch zu äußern – nicht nur als »kulturelle Umrahmung« zu diesen.

Chemnitz geriet nicht nur nach rechten Ausschreitungen im Sommer 2018 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, sondern gilt auch sonst als Stadt, in der faschistische Gruppen sehr aktiv sind. Wie stellt sich die Situation aktuell dar?

Tatsächlich ist es besorgniserregend, dass Chemnitz aktuell Zuzugsgebiet von Neonazis zum Beispiel aus Dortmund ist. Das wird deren schon ausgebaute Strukturen weiter verfestigen. Auch für die Kommunalpolitik ist es schwieriger geworden. Von 60 Stadtratssitzen verteilen sich immerhin 14 auf AfD und Pro Chemnitz/Freie Sachsen. Allerdings nimmt das Engagement gegen Faschismus, Rassismus und Gewalt in der Stadtgesellschaft zu – und das macht mir Hoffnung, dass so etwas wie im August 2018 nicht noch mal passiert.

Sie engagieren sich schon lange gegen Krieg, Nazis und Rassismus. Erhalten Sie dabei die notwendige Unterstützung der politisch Verantwortlichen in Ihrer Stadt?

Diese Themen haben in der Chemnitzer Kommunalpolitik in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen – und damit auch die Unterstützung.

Sabine Kühnrich ist Sängerin des Chemnitzer Trios Quijote, das sich unter anderem mit deutschsprachigen Interpretationen der Lieder von Mikis Theodorakis einen Namen gemacht hat. Seit über 20 Jahren ist Kühnrich in der Friedensarbeit aktiv, u. a. in der Arbeitsgruppe Chemnitzer Friedenstag.

Informationen: gegendasvergessen.eu

https://www.jungewelt.de/artikel/406339.festival-gegen-das-vergessen-für-mich-ist-kunst-immer-politisch.html