06.07.2021 / Ansichten / Seite 8

»S 21« für Nordlichter

DB verlegt Bahnhof Altona

Ralf Wurzbacher

Ein »Stuttgart 21« ist nicht genug. Während die Kosten für Deutschlands Bahnprojekt Nummer eins stramm Kurs auf zehn Milliarden Euro nehmen, wurde am Montag ein Vorhaben ähnlicher Machart im Herzen Hamburgs auf die Reise geschickt. Am Vormittag gaben Ronald Pofalla, Vorstand Infrastruktur der Deutschen Bahn (DB), der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Enak Ferlemann, sowie der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Peter Tschentscher (SPD), »feierlich den Startschuss« für die schrittweise Still- und Verlegung des Bahnhofs Altona zum zwei Kilometer entfernen S-Bahnhof Diebsteich. Die Protagonisten preisen das Vorhaben als Meilenstein der Mobilitätswende. Kritiker erachten es als überflüssig, zu teuer und fürchten qualitative Rückschritte für die Verbraucher.

Parallelen zum völlig aus dem Ruder gelaufenen »S 21«-Vorbild gibt es allerhand. Wie in Baden-Württembergs Landeshauptstadt soll auch im fernen Norden ein bewährter Kopfbahnhof Platz für lukratives Bauland machen, auf dem profitgierige Immobilienhaie ihre Träume von der neuen »Mitte Altona« ausleben dürfen. Auf dem freiwerdenden Areal in der Größe von 20 Fußballfeldern sollen unter anderem 1.900 Wohnungen und ein Park entstehen. Bei den Ausgaben ist schon jetzt eine Steigerung zu verzeichnen. Ursprünglich hatte die Bahn 360 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile geht sie von 188 Millionen Euro zusätzlich aus, womit sich das Gesamtvolumen auf – vorerst – 548 Millionen Euro summiert. Zur Erinnerung: »Stuttgart 21« wurde anfangs auf 2,5 Milliarden Euro taxiert. Offiziell ist inzwischen von über acht Milliarden Euro die Rede, Kritiker rechnen mit über elf Milliarden – allein für das Kernprojekt. Zuzüglich der projektierten »Ergänzungen«, darunter vier Extratunnel, werden auf lange Sicht zwischen 15 bis 20 Milliarden Euro fällig.

Das Hamburger Pendant wirkt dagegen fast bescheiden, Projektgegner der Initiative »Prellbock Altona« rechnen mit einer Milliarde Euro bis zur Fertigstellung. In puncto Zeitverzug kann es aber jetzt schon mit den »Großen« mithalten. Eigentlich sollte die Umstellung 2023 geschafft sein, nun ist das Jahr 2027 angepeilt, Ausgang offen. Ursächlich für die Verzögerungen war – was sonst – schlechte Planung des DB-Konzerns. Vor Gericht musste dieser Nachbesserungen für Reisende und Anwohner zugestehen, darunter die Zusage, dass künftig in der Spitze 31 statt 25 Züge pro Stunde zu bewältigen sind. Für »Prellbock Altona« ist der kommende Standort auch damit noch »viel zu klein«. Ungenügend seien zudem die Vorgaben zum Klimaschutz und zur CO2-Reduktion. Na und? Kennt man doch alles von »S 21«. Und Kostenexplosionen sind den Hansestädtern auch nicht fremd: Die Elbphilharmonie geriet elfmal teurer als vorgesehen. Für die Miesen müssen dann eben Bahnreisende bluten oder Mieter oder Rentner. Kennt man auch alles schon.

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