09.07.2021 / Feuilleton / Seite 10

»Die haben alle die gleiche Macke«

Dresden, Corona, das Büchermachen, Fußball und Walter Fritzsch. Ein Gespräch mit Uwe Karte

Frank Willmann

Herr Karte, wie lebte es sich die vergangenen Coronamonate in Dresden?

Das Pendeln zwischen Dresden und Leipzig entfiel. Aber mit einem opulenten Buchprojekt wie »Tagebuch für Walter Fritzsch« an der Backe lebte es sich trotzdem ganz gut. Nämlich: Konzentration aufs Wesentliche! Ohne diese Umstände wäre das Buch noch nicht fertig – bin ich jetzt ein Coronaprofiteur?

Als Berliner hat man zuweilen den Eindruck, unsere lieben Mitbürger in Sachsen sind bei jeder Art Verschwörung und Schwurbelei mittenmang?

Nicht nur als Berliner, auch als in Leipzig geborener Langzeitgast in Dresden kann ich diesen Eindruck mitunter teilen. Einander zuhören, miteinander reden, andere Meinungen respektieren – all das vermisst man aber auch in Nicht-Sachsen.

Wo haben Sie kürzlich den Aufstieg von Dynamo Dresden in die 2. Liga erlebt? Auf dem Abenteuerspielplatz Großer Garten?

Nein, das habe ich mir wohlweislich geklemmt. Ich saß im Funkhaus und verfolgte parallel drei eingehende Livestreams. Der vom Spiel kam angemessen kurz weg, da war ja frühzeitig alles klar. Die Bilder aus dem Großen Garten verhießen nichts Gutes, und wohl nicht nur ich habe mich dann gefragt: Muss es denn wirklich eine Straßenschlacht als Aufstiegsparty sein?

Ist der männliche Dresdner Fan besonders anfällig für Krawall und Remmidemmi?

Ich kenne viele Dresdner Fans, die haben alle dieselbe Macke. Ob jung oder alt, da gibt’s nur: Dynamo. Das ist schon außergewöhnlich und eigentlich großartig! Das Problem: Die anderen, anfällig für Krawall und Remmidemmi, wissen genau, dass ihnen in der Konsequenz nicht viel passiert. Erst kürzlich wurde eine Hoolgruppierung, 2013 angeklagt, auf Bewährung verurteilt – 2021! Das ist die Wirklichkeit.

Vor ein paar Wochen erschien Ihr Buch »Tagebuch für Walter Fritzsch«. Worum geht’s?

Walter Fritzsch hat von 1938 bis 1995 Tagebuch geführt, beginnend mit seinem Einsatz an der Ostfront täglich und das über drei Gesellschaftsordnungen hinweg. Speziell die Aufzeichnungen im Krieg u. a. mit 23 Nahkampftagen und seiner Verwundung bei Kursk gehen unter die Haut. Zudem war er am 17. Juni 1953 in Berlin und im Sommer 1968 in Prag, er sah Pelé 1958 in Stockholm und Müllers Siegestor in München 1974. Nur lose Beispiele für eine unglaubliche Ereignisdichte. Dresdens Meistertrainer erweist sich so als herausragender Zeitzeuge und Chronist des 20. Jahrhunderts.

Woher kam Walter Fritzschs Spitzname »kleiner General«? Klingt weniger nach einem Psychologen als nach einem Zuchtmeister.

Der Umgangston bei Dynamo Dresden in der Fritzsch-Ära erinnerte ein wenig an die Zeit des Trainers als 20jähriger Rekrut in der Ausbildungskompanie in Leisnig. Hans-Jürgen Kreische, Walters ewiger Gegenspieler, bringt es so auf den Punkt: Mitspracherecht gab es nicht! ’Ne kleine Aktie am Spitznamen hat wohl auch mein Fritzsch-Film von 2008, »Der kleine General«. Bewegtbild und Originalton setzen sich eben in den Köpfen fest.

Warum haben Sie den Sportfreiverlag gegründet, wo Ihre letzten beiden Bücher erschienen?

Den Sportfreiverlag gibt es schon seit über 20 Jahren. Anfänglich für Film und Buch, um unabhängig von jeglichem Dirigat spannende Themen anzupacken.

War es eine gute Idee? Läuft die Produktion?

Aktuell erfreuen wir uns des tollen Echos von »Tagebuch für Walter Fritzsch«. Im Vorjahr gab es für »Stübner – Popstar wider Willen« eine Nominierung zum »Fußballbuch des Jahres«. 2016 erschien »Montreal privat«, die unglaubliche Story über den bislang einzigen Olympiasieg einer deutschen Männermannschaft im Fußball. Kurz vor Tokio 2021 sei der Hinweis erlaubt.

Der Verleger ist bekanntlich der größte Feind des Autors. Wie kommen Sie als Autor mit sich als Verleger klar?

Wunderbar! Verleger und Autor kennen sich ja schon eine Weile. Zudem sind wir jetzt in einem Alter, in dem man ganz gut weiß, was man will. Da steht der Inhalt wirklich an oberster Stelle, das gibt’s ja nicht mehr so oft.

Sie haben lange für den MDR Filme produziert. Steht inzwischen das Schreiben im Vordergrund, und woran arbeiten Sie aktuell?

Der nächste Film kommt ganz gewiss. Aber, es ist immer ein Spagat, wenn Projekte wie jüngst das Fritzsch-Buch anliegen. Aktuell packen wir Bücher für den Versand, das gehört im Selbstverlag schließlich auch dazu. Und das nächste Buch? Da geht’s mal nicht um Fußball!

Uwe Karte ist Verleger, Sportjournalist und Buchautor. Im April ist sein Buch »Tagebuch für Walter Fritzsch« im Sportfreiverlag erschienen

https://www.jungewelt.de/artikel/405714.fußball-die-haben-alle-die-gleiche-macke.html