26.06.2021 / Schwerpunkt / Seite 3

Frieden ist harte Arbeit

Konstruktive Politik der Völkerverständigung: Die Schieflage der deutsch-russischen Beziehungen gehört beseitigt

Gabriele Krone-Schmalz

Wir Deutsche schleppen die unleugbare Schuld der Menschenvernichtung im Zweiten Weltkrieg mit uns herum. Über die Grenzen Europas hinaus ist Deutschland verantwortlich für das Leid, die Verletzung und den Tod von Millionen Menschen. 27 Millionen allein in der Sowjetunion. Solche Zahlen übersteigen in der Regel das Vorstellungsvermögen. Es wird greifbarer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich bei dieser Zahl um die gesamte heutige Bevölkerung Skandinaviens handelt – Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark. Alles zusammen sind das knapp 27 Millionen. Und was auch präsent sein sollte: Von diesen 27 Millionen Toten waren mehr als die Hälfte Zivilisten. Das sagt etwas über die Art dieses Feldzugs aus, der nicht nur auf Sieg aus war, sondern auf Vernichtung.

Dieses Ausmaß macht es nahezu unvorstellbar, dass diejenigen, die damals so brutal überfallen wurden, den Tätern jemals vergeben oder verzeihen könnten. Aber genau das ist geschehen. Und es ist alles andere als selbstverständlich. Es ist mir ein Bedürfnis, auf dieser Veranstaltung zu reden, weil ich mich für die Geschichtsvergessenheit schäme, die unter anderem darin ihren Ausdruck findet, dass sich deutsche Regierungsstellen so schwertun, des Tags des Überfalls auf die Sowjetunion angemessen zu gedenken.

Wenigstens hat der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Deutsch-Russischen Museum deutliche Worte gefunden und darauf hingewiesen, dass – ich zitiere – »diese 27 Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt sind, wie ihr Leid und unsere Verantwortung es fordern«. Und er hat auch erwähnt, wie kostbar Versöhnung ist und dass daraus Verantwortung erwächst.

Geschichtsvergessenheit zeigt sich auch darin, dass sich Narrative entwickeln – so heißt das ja heute –, nach denen der entscheidende Schlag zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Normandie bei der Landung der alliierten Truppen passiert sei. Ohne diese Leistung schmälern zu wollen und ohne die bei dieser Operation zu Tode Gekommenen zu vergessen – die Entscheidungsschlachten haben vorher stattgefunden. Es war die Rote Armee, die Hitlerdeutschland das Rückgrat gebrochen und dafür gesorgt hat, dass die deutsche Wehrmacht keine Offensivkraft mehr hatte.

Gedenktage haben den Sinn, dass etwas nicht in Vergessenheit gerät. Und wenn das, dessen man gedenkt, Leid und Schmerz ausgelöst hat, dann haben sie auch den Sinn, nach vorne zu schauen, eine Wiederholung auf jeden Fall zu verhindern und nach einem gemeinsamen Weg zu suchen, um die wahrlich nicht geringen Probleme unseres Planeten zu bewältigen. Aber die lassen sich allesamt nur lösen – sei es Bekämpfung des Klimawandels, Kampf gegen Armut, Schutz der Umwelt, was auch immer –, wenn es gelingt, den Frieden zu erhalten. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Arbeit. Tag für Tag. Ich würde mir wünschen, dass es gelingt, Meinungsführer in Politik und Medien davon zu überzeugen, dass Eskalation zwar die Aufmerksamkeit erhöht, aber den Frieden gefährdet. Mehr als sie vielleicht ahnen.

Man muss nicht alles kritiklos schlucken, was einem in anderen Ländern nicht gefällt, aber wir fallen zurück in schlimmste Zeiten, die wir doch überwunden zu haben glaubten, wenn sich eine Seite der Welt berechtigt fühlt, der anderen Seite ihr Leben vorzuschreiben, und das mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen versucht.

Die Welt war auf einem guten Weg, als es hieß: Die Ost-West-Konfrontation ist überstanden, der Kalte Krieg ist vorbei, Deutschland konnte vereint werden. Die Atmosphäre bei politischen Verhandlungen war derart von Vertrauen geprägt, dass man bestimmte Dinge nicht mal schriftlich fixiert hat – Stichwort: NATO –, so selbstverständlich schienen sie zu sein.

Es ist heute nicht der Ort und nicht die Zeit, die Chronologie der Fehler aufzuzählen, die in der Folge von beiden Seiten begangen wurden. Aber es ist sehr wohl der Ort und die Zeit, mit Blick auf den brutalen Irrsinn von vor 80 Jahren alles an Energien zu mobilisieren, um die augenblickliche Schieflage in den deutsch-russischen Beziehungen zu beseitigen und wieder auf eine stabile Ebene zu kommen, auf der sich konstruktive Politik für beide Seiten, im Sinne von Völkerverständigung, gestalten lässt.

Gabriele Krone-Schmalz ist Publizistin und war zwischen 1987 und 1991 ARD-Korrespondentin in Moskau. Seit 1992 arbeitet sie als freie Journalistin und ist seit Dezember 2000 Mitglied im deutschen Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Respekt geht anders. Betrachtungen über unser zerstrittenes Land« (C. H. Beck, 3. Aufl., München 2020).

Der hier dokumentierte Text ist eine Rede, die Gabriele Krone-Schmalz anlässlich der Gedenkveranstaltung der Fraktion Die Linke im Bundestag zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion am 21. Juni im Paul-Löbe-Haus in Berlin hielt. Wir danken ihr für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

https://www.jungewelt.de/artikel/405085.22-juni-1941-frieden-ist-harte-arbeit.html