11.05.2021 / Thema / Seite 12

Verändert aus der Krise

Wie sich der Kapitalismus in seinen selbstgeschaffenen Katastrophen transformiert. Eine kleine Krisenkunde

Georg Fülberth

Zwischen Anfang März und Anfang Mai dieses Jahres veranstalteten die Heinz-Jung-Stiftung und Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung ein marxistisches Kolloquium unter dem Titel »Formwandel des Kapitalismus und die Rolle von Krisen – Grundlagen der historischen Kapitalismusanalyse«. Georg Fülberth lieferte den Abschlussbeitrag zum Thema Krisen im Kapitalismus, der an dieser Stelle dokumentiert sei. Alle Vorträge können auf dem Youtube-Kanal der Redaktion Z unter kurzelinks.de/kapitalismusanalyse nachgehört werden. (jW)

Im folgenden soll erörtert werden, ob die Abfolge von Wirtschaftskrisen, die 2007 begann und bis heute anhält, als systemische oder als suspendierte Krise anzusehen ist. Als vorläufige Antwort wird folgende Hypothese aufgestellt: Es handelt sich um eine suspendierte Krise, die aber das Potential zu einer systemischen Krise hat.

Um das zu erklären, ist vorher eine Begriffsbestimmung angebracht. Es lassen sich zyklische und systemische Krisen unterscheiden. In ersteren wird in relativ kurzen Abständen (mehr oder weniger in Intervallen von circa zehn Jahren) Überakkumulation behoben. Danach beginnt ein neuer Zyklus.

Die ökonomischen Systemkrisen des Kapitalismus unterscheiden sich davon dadurch, dass in ihnen nicht nur Überakkumulation abgebaut, sondern der Kapitalismus selbst transformiert wird, ohne aufzuhören, Kapitalismus zu sein. Er ist danach ein anderer als vorher. Die Transformation besteht jeweils im Entstehen neuer Beziehungen: 1. in der Organisation des Kapitals, 2. innerhalb der Arbeiterklasse, 3. im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit und 4. zwischen Staat, Kapital und Arbeit. Das Ensemble dieser Beziehungen können wir auch als Regulation bezeichnen. Nicht behandelt werden ausschließlich politische Krisenperioden wie 1914 bis 1923 und z. B. der militärisch bedingte Konjunktureinbruch 1945/46 in Europa und Nordamerika.

Die bisherigen Krisen fanden immer innerhalb des Kapitalismus statt, führten also nicht aus ihm hinaus. Aus Gründen, die hier nicht weiter ausgeführt werden (Fehlen eines revolutionären Subjekts), ist davon auszugehen, dass sich das wiederholen wird, falls die gegenwärtige suspendierte Krise sich zu einer systemischen auswachsen sollte. Vorher, also vor 2007, gab es in der Geschichte des Kapitalismus drei systemische Krisen: ab 1873, ab 1929 und 1975.

Manchesterkapitalismus

Der Kapitalismustyp während der ersten industriellen Revolution (ca. 1780 bis 1873) war bestimmt durch eine von staatlichen Eingriffen unbehelligte entfesselte Marktwirtschaft (»Manchesterkapitalismus«). Die führenden Branchen waren zunächst die Textil-, dann die Montanindustrie, die entscheidenden Technologien waren in den mit Wasser-, dann mit Dampfkraft betriebenen Spinn- und Webmaschinen, schließlich in der Metallerzeugung und -verarbeitung und im Bau und Betrieb von Eisenbahnen eingesetzt worden. Der typische Kapitalist war der Einzelunternehmer, oft ein »Gründer«. Auch auf dem Arbeitsmarkt herrschte ausschließlich Konkurrenz: jeder gegen jede(n). Gewerkschaften (in der Sprache der damaligen Zeit: »Koalitionen«) waren verboten. Lohnarbeitende fanden sich dennoch in wenngleich ungefestigten Organisationen zusammen: neben Hilfskassen auch in politischen Geheimgesellschaften. Die Eisenbahnen entstanden auf Aktienbasis und waren somit auch Objekt der Spekulation, überdies der Überakkumulation, die schließlich 1873 sich in einer Krise entlud.

Imperialismus

Mit diesem Crash, in Deutschland als »Gründerkrach« bekannt, endete der Kapitalismus der freien Konkurrenz. Es folgte zunächst eine Periode des verlangsamten Wachstums bis 1896. Daraus ging der organisierte Kapitalismus hervor. An die Stelle der von einzelnen geleiteten Unternehmen traten Aktiengesellschaften, Kartelle, Trusts und Monopole, die aber immer noch von dominanten individuellen Kapitalisten (darunter Andrew Carnegie, Walther Rathenau, John D. Rockefeller, Werner von Siemens) beherrscht wurden.

Die Arbeiterklasse befreite sich vom Koalitionsverbot, kartellierte sich in Gewerkschaften und organisierte sich in sozialdemokratischen Parteien. Der Staat nahm Einfluss auf die Wirtschaft. In Form von Interessenverbänden der Industrie und Landwirtschaft schützte er deren Märkte durch Zölle (Ausnahme: Großbritannien, das beim Freihandel blieb). Die Verstaatlichung von Eisenbahnen rettete diese vor der Krise, in die sie geraten waren, und sicherte so eine inzwischen zivil und militärisch unentbehrlich gewordene Infrastruktur. Ähnliches galt für lokale Versorgungsunternehmen, die von Kommunen übernommen wurden. Der Staat erteilte Großaufträge für Rüstungsgüter und sah sich genötigt, durch Sozialpolitik auf die gewachsene Stärke der Arbeiterbewegung zu reagieren.

Jenseits der wachsenden Bedeutung der öffentlichen Hand für die Infrastruktur-, Sozial- und Außenhandelspolitik blieben die Finanzmärkte völlig unreguliert. Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg waren eine Zeit der ungehemmten Vermögensanhäufung und -konzentration und wachsender Ungleichheit. Der französische Ökonom Thomas Piketty nennt sie die Ära des »Proprietarismus« – eine Bezeichnung, die wohl eher ausschließlich für die Geldvermögensbesitzer zutrifft, während das Industriekapital sich auf Deals mit dem Staat einließ, die seine Profite begünstigten.

In einer zweiten industriellen Revolution (um 1900) traten die Chemie- und die Elektroindustrie neben die Textil- und die Montanindustrie. Beide wirkten durch die Raffinierung von Erdöl und den Einsatz der Zündkerze (Bosch) auch in einem Zukunftszweig des 20. Jahrhunderts zusammen: der Automobilbranche. Vorher, in der ersten industriellen Revolution, war die Chemie zwar schon durch die Herstellung von Farbstoffen für Textilien relevant gewesen, jetzt aber gewann sie durch weitere Anwendungsbereiche, u. a. in der Pharmazie und der Militärtechnik, eine ganz neue Bedeutung.

Im Aufschwung seit 1896 entstand wieder eine Überakkumulation. Abhilfe schien Kapitalexport zu schaffen, insbesondere in die Kolonien, wo das dort angelegte Kapital politisch und militärisch gesichert wurde. So bildete sich der Imperialismus heraus, in dem die großen Industrienationen ihre Einflusssphären zu erweitern suchen und in Konkurrenz zueinander treten. Zusammen mit dem organisierten Kapitalismus wurde er auf Dauer, über die zyklischen und systemischen Krisen hinweg, eine zentrale Tatsache für die weitere Geschichte des Kapitalismus bis in die Gegenwart, auch nach der ab 1945 erfolgten Entkolonisierung, als Kampf der entwickelten Länder und Blöcke gegeneinander. Beide, organisierter Kapitalismus und Imperialismus, durchdringen einander und sind Teile ein und desselben Machtkomplexes. 1914 führte die imperialistische Konstellation zum Weltkrieg. Dieser war für die Menschen eine Katastrophe, für das Kapital eine Wohltat. Massenhaft konnten Militärgüter erzeugt und gleich anschließend zerstört und ersetzt werden. Überakkumulation gab es dadurch nicht.

Militär- und Zivilkeynesianismus

Eine solche entstand allerdings neu in den zwanziger Jahren, zunächst ausgehend von den USA, die als die größte Wirtschaftsnation aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen waren. Sie führte zu einer 1929 ausbrechenden und mehrere Jahre dauernden Weltwirtschaftskrise. Überwunden wurde diese durch eine neue Transformation des Kapitalismus: Big Business, Big Labour und Big Government kooperierten. Diese Art ihrer Zusammenarbeit wird von einem Teil der marxistischen Theorie als staatsmonopolistischer Kapitalismus bezeichnet – andere sprechen vom »Korporatismus«. Die typischen Repräsentanten der Kapitalistenklasse waren jetzt nicht mehr die Einzelunternehmer, sondern die Manager: leitende Angestellte der Aktiengesellschaften. Der Ökonom John Maynard Keynes schien das richtige Rezept gefunden zu haben: staatliche Investitionen, Deficit Spending (Erhöhung öffentlicher Ausgaben, ohne dass die momentan vorhandenen Finanzen zur Deckung ausreichen), Steigerung der Massenkaufkraft. In Wirklichkeit kam die Erholung zunächst durch die Rüstung. Weil Hitlerdeutschland damit anfing, überwand es die Rezession zuerst. In den USA war sie letztlich erst am Vorabend ihres Eintritts in den Zweiten Weltkrieg vorbei, der sich – wie schon der Erste – zwar als eine humanitäre Katastrophe, aber erneut als ein Segen für das Kapital erwies.

Ungefähr ab 1947 folgte die Ablösung des Militär- durch den Zivilkeynesianismus, ein »Goldenes Zeitalter« des Kapitalismus (bis 1973).¹ Diese Variante war zwar wiederum auf die Rüstung gestützt, aber nicht allein. Es handelte sich vielmehr um eine Sonderkonstellation, die der ungarische Theoretiker Ferenc (Franz) Janossy 1966 als »Rekonstruktionsperiode« bezeichnete.² Nach dem konjunkturellen Einbruch von 1929, den Kriegszerstörungen 1939–1945 und einem Rückgang des Wachstums 1945/46 bestand Nachholbedarf: Wiederaufbau mit gesteigerter Nachfrage nach Arbeitskräften, als Ergebnis davon nahezu Vollbeschäftigung und Stärkung der Gewerkschaften, die Lohnerhöhungen, Senkung der Wochenarbeitszeit und Ausbau auch der sozialen Infrastruktur durchsetzten. Ein weiterer Faktor war die Existenz und die zeitweilige Stärke des Staatssozialismus. Diese Umstände legten den Unternehmen Zugeständnisse gegenüber der Arbeiterklasse nahe.

Seit 1944 gab es eine internationale Regulierung der Geldpolitik. Auf einer Konferenz im US-amerikanischen Bretton Woods wurden die Währungen der meisten kapitalistischen Länder an den US-Dollar gebunden. In den Jahrzehnten zwischen 1933 und 1973 dominierten (neben der Rüstung) Produktion und Absatz langlebiger Konsumgüter, deren Basis in der zweiten industriellen Revolution gelegt worden war, wie Automobile und Elektrogeräte.

Seit Anfang der fünfziger Jahre bereitete sich die dritte industrielle Revolution mit dem Einsatz numerisch gesteuerter Werkzeugmaschinen vor und setzte sich Ende der sechziger bzw. Anfang der siebziger Jahre dann mit dem breiten Einsatz von Mikroelektronik in der Produktion durch. Nicht sofort, aber auf längere Sicht, bedeutete das Entwertung bereits vorhandener Anlagen und gab den Unternehmern die Möglichkeit, Arbeitskräfte »einzusparen«.³ Dies wurde angesichts der zwischenzeitlich gewachsenen Kampfstärke der Gewerkschaften mehr und mehr zu einer Option zwecks Verschiebung des Kräfteverhältnisses zu Lasten der Arbeit und zugunsten des Kapitals.

Mit dem Ende der Rekonstruktionsphase um 1970 erschöpfte sich der Zivilkeynesianismus. Die zeitweilige Stärke der Gewerkschaften hatte die Profiterwartungen gedämpft, und eine daraus resultierende Investitionszurückhaltung hatte das Wachstum gehemmt. Kapital wich aus der Produktions- in die Zirkulationssphäre aus. Erleichtert wurde dies durch das Ende des Systems von Bretton Woods. 1971 wurde die Bindung des US-Dollars an das Gold, 1973 an die Währungen der anderen kapitalistischen Länder aufgehoben. Damit ist das Geld zu einer Ware für ständige Spekulation an den Börsen geworden. Kapital wurde so der produktiven Arbeit und der Auseinandersetzung mit den starken Gewerkschaften entzogen und statt dessen an den Finanzmärkten eingesetzt. Damit hatte das Kapital eine geringere Nachfrage an Arbeitskraft, was eine steigende Arbeitslosigkeit zur Folge hatte. Schwindende Kaufkraft der Lohnabhängigen senkte die Warennachfrage und verursachte durch neue Überakkumulation von Kapital wieder einmal eine systemische Krise: beginnend Ende 1974, voll entfaltet dann 1975.

Finanzmarktgetrieben

Die Weltwirtschaftskrise 1974/75 bedeutete das endgültige Aus für die »goldenen Jahre« zwar nicht des Militär-, aber des wohlfahrtsstaatlichen Zivilkeynesianismus seit 1947. Dieser transformierte sich jetzt zum finanzmarktgetriebenen Kapitalismus. Die Börsen wurden weitgehend dereguliert, besonders mit dem »Big Bang« an der Börse London Stock Exchange am 27. Oktober 1986.

Als die zentralen ökonomischen Akteure sind nunmehr die bisherigen Industriemanager von den Investoren und Geldsammlern der Finanzdienstleistungsbranche (neben den älteren Banken und Versicherungen, Hedgefonds und außerbörsliche Private Equity Fonds) abgelöst worden. Letztere wuchs schneller als alle anderen Wirtschaftszweige. Die elektronische Informationstechnologie wurde zur Basis eines neuen Gründertyps. Dessen führende Vertreter erwarben ihre großen Vermögen durch Bereitstellung von digitaler Infrastruktur (z. B. Microsoft, 1975 gegründet, oder Facebook seit 2004) und von Plattformen, über die große Teile des Warenverkehrs abgewickelt werden (u. a. seit 1994 Amazon). Eine Basistechnologie für diese Entwicklung stellte das Internet zur Verfügung. Ursprünglich vom US-amerikanischen Militär vorbereitet, wird es seit den neunziger Jahren kommerziell genutzt.

Ab 1973 änderten sich die herrschende wirtschaftspolitische, insbesondere die geldpolitische Doktrin und die Auffassungen von der Rolle des Staates. Dieser hatte nunmehr als ökonomischer Akteur so weit wie möglich auszuscheiden. Die finanziellen Mittel, die ihm und den Tarifparteien zur Verfügung gestellt wurden, sollten begrenzt und statt dessen den Märkten überlassen werden. Nicht Vollbeschäftigung, sondern die Geldwertstabilität hatte nun Priorität.

Die dominanten Akteure des Finanzmarktkapitalismus in Ökonomie und Politik verfolgten drei Strategien: 1. Spekulation, 2. Downsizing von Produktionsbetrieben, Outsourcing und Lohnsenkung (ganze Unternehmen oder erhebliche Teile von ihnen wurden nun an den Börsen gehandelt) und 3. »Verschlankung« des Staates.

Die Zurückdrängung öffentlich-rechtlicher Eingriffe in die Wirtschaft wird von den Propagandisten dieses neuen Wirtschaftsstils als Versuch der Rückkehr zum Typ der Marktwirtschaft zwischen der ersten industriellen Revolution und dem organisierten Kapitalismus verfochten. Eine solche angeblich ideale Ordnung wurde mit dem Liberalismus identifiziert. Das ist jedoch Ideologie, die Wirklichkeit sieht anders aus: Es blieb bei der Kombination von organisiertem Kapitalismus und Imperialismus, wie sie sich seit etwa 1873 herausgebildet hatte. Neu war die erneute Entfesselung der Finanzmärkte, die seit 1914 in unterschiedlichen Formen eingehegt waren, u. a. durch die Administration der Währungsverhältnisse im System von Bretton Woods. Nur für diesen Sektor kann ab 1973 von der Wiederherstellung einer früheren Konstellation gesprochen werden, aber nicht des Marktradikalismus der industriellen Revolution, sondern eines organisierten Kapitalismus in der Form, die er vor dem Ersten Weltkrieg angenommen hatte.

Hierfür werden unterschiedliche Begriffe verwandt, darunter »Neoliberalismus«. Dieser Terminus wird allerdings fast ausschließlich polemisch von Gegnern der neuen Wirtschaftspolitik genutzt. Daneben gibt es den konkurrierenden Begriff »finanzmarktgetriebener Kapitalismus«. Er ist präziser und markiert überdies einen Unterschied zum Konkurrenzkapitalismus der ersten industriellen Revolution, in dem das Industriekapital eine größere Bedeutung hatte als das Geldhandlungskapital. Dagegen kann eingewandt werden, dass auch vor 1914 die Finanzmärkte völlig unreguliert waren. Allerdings wurden auf diesen nunmehr viel größere Geldmengen bewegt als damals. Unter diesem Aspekt mag die Bezeichnung »finanzmarktgetriebener Kapitalismus« letztlich angebracht sein.⁴ Piketty spricht für die Jahre ab 1980 von »Neoproprietarismus«, in dem die Ungleichheit in der Verteilung der Einkommens- und Vermögensverteilung ein ähnliches Ausmaß angenommen habe wie 1873 bis 1914.

Eine Geschichte des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus könnte so beschrieben werden: Die 1970er Jahre waren eine Periode des Übergangs zwischen den beiden Wirtschaftsstilen. In den Achtzigern setzte sich voll entfaltete Spekulation durch. Nach 1990 kehrte Kapital, das seit 1973 in die Zirkulation ausgewichen war, zumindest teilweise wieder in die Produktion zurück, da mittlerweile die Informationstechnologie nicht nur bei der Rationalisierung von Werksanlagen, sondern auch und immer mehr in der Produktion von Gütern und Erbringung von Dienstleistungen für den Massenkonsum eingesetzt und nachgefragt wurde – z. B. Mobiltelefone und andere elektronische Endgeräte sowie aus dem Internet herunterladbare Angebote. Schließlich führte die eintretende Überakkumulation in diesem Bereich um die Jahrtausendwende zum Crash. Darauf folgte eine konjunkturelle Erholung aufgrund kreditfinanzierten Konsums, häufig in Verbindung mit Immobilienspekulation. Diese Phase wurde seit 2007 durch eine Abfolge von Krisen beendet.

Einstweilen suspendiert

Die Behebung der Krise nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 durch Ausdehnung des kreditfinanzierten Wachstums und der Immobilienspekulation war noch gleichsam marktintern erfolgt. Das ist aber schon eine Reaktion darauf gewesen, dass die Dynamik des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ihren Höhepunkt überschritten hatte. Ab 2007 musste der Staat ran. Von 2008 an wurden Banken gestützt, subventioniert und teilweise von der öffentlichen Hand übernommen. Im Einbruch der Realwirtschaft 2009 halfen »Abwrackprämien« und Kurzarbeitergeld der produzierenden Industrie und ihren Belegschaften. Es folgten Krisen von Staatsfinanzen und des Euro. Die 2012 gemachte Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, dass die Geldmenge unbegrenzt gesteigert werde, um die gemeinsame Währung zu retten, rief aber – ebenso wie der ähnliche, wenngleich anders begründete Kurs der US-amerikanischen Notenbank – einen neuen Wirtschaftsstil aus, in dem die Staaten größeren Handlungsspielraum erhielten. Den haben sie auch dringend nötig. Die öffentliche Hand wird gebraucht, um Marktversagen zu korrigieren und externen Schocks – wie der Coronakrise 2020/2021 – zu begegnen.

Angeblich gilt dies alles nur für zwischendurch, für den Notfall. Der dauert inzwischen aber – seit 2007 – schon ziemlich lange. Allmählich beginnen sich die Begründungen für die Politik des leichten Geldes zu ändern. Es geht nicht nur um tagespolitische Reaktionen, sondern auch um teure langfristige Zukunftsprojekte. Die Digitalisierung soll auf eine neue Stufe gehoben werden. Das geht offenbar nicht ohne staatliche Nachhilfe. Als der damalige US-Präsident Donald Trump forderte, die Militärausgaben der NATO-Staaten müssten auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, zierte sich Kanzlerin Angela Merkel zunächst noch ein wenig. Jetzt beteuert die Bundesregierung, sie wolle bis 2024 dieses Ziel erreichen. Die Kanzlerkandidatin der Grünen könnte, folgt man ihrer Rhetorik, dies forcieren. Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, will im Rahmen eines »Green New Deal« die EU bis 2050 klimaneutral machen und dafür noch im laufenden Jahrzehnt eine Billion Euro mobilisieren.

Das alles ist nur durch enorme Kreditaufnahme – jetzt nicht mehr durch private Schuldner, sondern durch die öffentliche Hand – möglich. Beteuerungen, sie könnten irgendwann getilgt werden, sind weiße Salbe. Die »Modern Monetary Theory« – eine Art Superkeynesianismus und in den Vorwahlen zur US-Präsidentschaftskandidatur 2020 intellektuelle Munition für Bernard Sanders – ist nur scheinbar eine bloße akademische Sektenauffassung. Tatsächlich ist ihr (ohne Berufung auf sie) die Praxis der Finanzminister und der Zentralbanken schon zur Hälfte voraus: in der Lizenz zur unbegrenzten Kreditaufnahme.

Über den zweiten Teil des Programms, unvermeidlicher Ausfall der Tilgung, dann Schuldenstreichung oder Zwangssparen, muss jetzt noch nicht gesprochen werden. Er ist auch nicht so wichtig. Relevanter ist, was mit der neuen Geldpolitik finanziert werden kann. Nämlich zweierlei: erstens noch einmal die Verhinderung oder das Hinausschieben (Suspension) eines großen Crashs. Zweitens aber handelt es sich um drei Anstrengungen: Bekämpfung der Umweltkrise, Erneuerung der digitalen Infrastruktur und Wettrüsten.

Der letzte Punkt resultiert aus dem Zusammenbruch der Illusion über die Herstellung einer »One World« nach 1990, einer globalen Harmonie des Freihandels. Die Ausrufung eines neuen Protektionismus mit den Nationalstaaten als Akteuren durch Trump 2017 bekräftigte nur, was schon im Gang war und mit der Abwahl dieses Politikers nicht revidiert worden ist. In den neuen Handelskriegen hat der »Westen« (USA und EU) die Volksrepublik China nicht nur als Konkurrenz, sondern auch als militärische Bedrohung definiert. Das daraus resultierende Wettrüsten bis hin zur Kriegsgefahr erfordert mehr staatliche Ressourcen. Falls der imperialistische Konflikt eskaliert, ist nicht auszuschließen, dass der Teufel Fliegen frisst und für eine gewisse Zeit sogar große Vermögen und Spitzeneinkommen hoch besteuert werden. Die US-amerikanische Finanzministerin Janet Yellen scheint in diese Richtung zu steuern.

Im Unterschied zum Bedeutungsverlust von Teilen der Finanzindustrie wächst der Einfluss großer Unternehmen der Informationstechnologie und des E-Commerce. Ihre Konflikte einerseits und Kooperationen anderseits mit staatlichen Instanzen über Besteuerung, Überwachung, Zensur, Datenschutz sowie -weitergabe zeigen ihre gestiegene Relevanz, die es nahelegt, eine neue Phase gesellschaftlicher Entwicklung nicht mehr ausschließlich als finanzmarktgetriebenen Kapitalismus zu bezeichnen.

1892, als der organisierte Kapitalismus sich herausbildete, formulierte der deutsche Nationalökonom Adolph Wagner das nach ihm benannte »Gesetz der wachsenden Staatsausgaben«. Wozu finanziell, institutionell und militärisch wohlmunitionierte Staaten imstande sind, zeigten ihre beiden Weltkriege. Mitten in einem dieser Desaster, 1944, entdeckte im US-amerikanischen Exil der österreichische Ökonom, Historiker und Philosoph Karl Polanyi eine »große Transformation«, die schon auf dem Weg sei und in der Arbeit, Boden sowie Geld ihren Warencharakter verlieren würden. Schön wär’s gewesen! Wer will, kann sich anlässlich der Theorien Wagners und Polanyis ja über ein Janusgesicht der Zukunft Gedanken machen.

Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück und versuchen, sie vorläufig zu beantworten: Falls die Rolle des Staates wieder wächst, die »Märkte« sich etwas weniger austoben können, die öffentliche Infrastruktur erneuert und ausgebaut werden kann, eine Umweltkatastrophe entweder durch »Green Engineering« hinausgeschoben oder gestoppt oder durch »Greenwashing« verschleiert wird, dürfte die gegenwärtige Krisenserie wohl doch auf Dauer nicht durch eine Suspension, sondern durch eine neue innerkapitalistische Transformation beendet werden. Mehr nicht.

Anmerkungen

1 Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. 3. Auflage. München 1999. S. 283–499

2 Franz Janossy, unter Mitarbeit von Maria Hollo: Das Ende der Wirtschaftswunder. Erscheinung und Wesen der wirtschaftlichen Entwicklung. Frankfurt am Main 1966

3 Robert Katzenstein: Die Investitionen und ihre Bewegung im staatsmonopolistischen Kapitalismus. Zu einigen Fragen der Reproduktion des fixen Kapitals, der zyklischen Bewegung der Gesamtproduktion und des technischen Fortschritts in Westdeutschland nach dem Kriege. Berlin 1967; Robert Katzenstein: Technischer Fortschritt – Kapitalbewegung – Kapitalfixierung. Einige Probleme der Ökonomie des fixen Kapitals unter den gegenwärtigen Bedingungen der Vergesellschaftung der Produktion im staatsmonopolistischen Kapitalismus. Berlin 1974

4 Dank an Lucas Zeise für Klarstellungen.

Georg Fülberth ist emeritierter Professor für Politikwissenschaften der Universität Marburg. Er gratulierte an dieser Stelle am 25. November 2020 dem Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler zu dessen 80. Geburtstag

https://www.jungewelt.de/artikel/401992.ausbeutungssystem-im-wandel-verändert-aus-der-krise.html