30.04.2021 / Feuilleton / Seite 2

»Einige schreien grundsätzlich ›Mörder!‹«

Coronapolitik: Kontroverse um Aktion von Schauspielern. Intellektuelle für Umverteilung von Reichtum. Ein Gespräch mit Max Uthoff

Kristian Stemmler

Sie zählen zu den mehr als 100 Prominenten aus Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft, die einen offenen Brief des Bündnisses »Wer hat, der gibt« an die Bundesregierung unterzeichneten, in dem eine Umverteilung des Reichtums gefordert wird. Was hat Sie dazu bewogen?

Unbedingt die Vorfreude darauf, wie Heike Göbel von der FAZ als Reaktion auf den Brief ihre erwartbar simplifizierende Armenverachtung in eine Kolumne erbricht. Der Gedanke klingt zu schön, dass sich mehrere linke Kräfte und Personen, statt sich – wie sonst üblich – in ideologischen Grabenkämpfen zu erschöpfen, auf ein Ziel konzentrieren, nämlich das einer effektiven Umverteilung. Und dann möchte ich natürlich zu gern erleben, wie sich die kümmerlichen Reste der Sozialdemokraten um eine Antwort drücken.

In der Coronakrise seien »Hyperreiche« noch wohlhabender geworden, während die finanzielle Not vieler sich vergrößert, heißt es im Brief. Glauben Sie auch, dass die Falschen für die Folgen der Krise zur Kasse gebeten werden?

Wer bitte hätte Anlass zur Annahme, dass unter Herrn Laschet oder Frau Baerbock die Richtigen zur Kasse gebeten werden?

Hat es Sie überrascht, dass die Bundesregierung in der Pandemie Konzernen das Geld hinterherwirft, aber von einer Vermögenssteuer nichts wissen will?

Ja. Ungefähr so, wie es mich überrascht, wenn ein wohlerzogener Border Collie seinen Bauch auf den Sisalteppich drückt, wenn man »Platz!« zu ihm sagt.

Sie haben mal gesagt, Ihr Ziel sei es, »das kapitalistische System mit den Mitteln der Satire aus den Angeln zu heben«. Meinen Sie, dass eine umfassende Reform des Steuersystems, wie sie der offene Brief fordert, ausreicht, um wirklich was zu verändern?

Well, it’s a start. Dann legen wir unser Bildungssystem, das dem autoritären Charakter mit Noten Futter gibt, in Schutt und Asche, gehen alle zum Badesee und überlegen, wie wir friedvoll und mit heiterer Leichtigkeit zum Matriarchat finden.

Der offene Brief ist ein guter Kontrast zur Aktion der mehr als 50 Schauspieler aus dem Umfeld des ARD-»Tatort« unter dem Motto »#allesdichtmachen«. Wie ist diese Aktion bei Ihnen angekommen?

Wahrscheinlich nicht so, wie sie von einigen vielleicht gemeint war. Das ist das Problem. Aber hey, vielleicht bringen uns die Reaktionen darauf ja weiter zusammen: Die einen schreien grundsätzlich »Mörder!«, die anderen krakeelen »Diktatur«. Dass beide vielleicht Angst haben und damit den schlechtesten Ratgeber auf ihrer Seite, wen kümmert’s?

Und so eklig die Zustimmung von Rechtsextremen aus der AfD auch ist, so bleibt doch da die berechtigte Wut der alleinerziehenden Mutter, die in der Fernbeschulung ihrer Kinder ertrinkt, Angst vor dem nächsten Ersten hat und vielleicht keinen Garten mit Hängematte ihr eigen nennt, deren achtjährige Tochter nach einem erzwungenen positiven Coronatest auf dem Schulhof stigmatisiert wird, wenn sie CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier sagen hört, Pflichttests bei Arbeitnehmern seien Körperverletzung.

Gelassenheit bleibt oberste Bürgerpflicht. Der Einzige, der unsere vorbehaltlose Verachtung verdient, ist der BDI, der in Ruhe die Toten hochrechnet, die er bereit ist hinzunehmen, ohne seine Exporte zu gefährden. Und vielleicht können sich das mal alle hinter die Ohren schreiben: Das Vorrecht, sich aus dem Stand und aus dem Bauch und ohne nähere Überlegungen zu egal welchem Thema zu äußern, sollte strikt Kabarettisten vorbehalten bleiben. Und Heike Göbel.

Als Satiriker arbeiten Sie ja fast durchweg mit Stilmitteln wie Ironie und Sarkasmus. Warum ist die Anwendung dieser Stilmittel in den Videos der Aktion so nach hinten losgegangen?

Zunächst, weil Satire, gleich in welcher Form, welcher Laut- oder Leisestärke und welcher Absicht eins sein muss: verständlich. Ich habe nur fünf der Videos gesehen – einfach, weil ich noch ein Leben habe – und bei vier davon habe ich mich doch entschieden gefragt: Was will mir der Künstler damit sagen? Mein Kollege Florian Schroeder hat es, glaube ich, genauer getroffen als viele andere, als er zu den Videos sagte: »Selbst die nachvollziehbare, spürbare Verbitterung braucht eine Kunstform, die klar ist, um zu funktionieren.«

Wer konkrete Maßnahmen angreift, muss auch in seiner Kritik konkret bleiben. Wer Debatten anstoßen will, muss kenntlich machen, welche Position er eigentlich vertritt. Wer nur ins Ungefähre zielt, darf sich nicht wundern, dass auch Menschen der Einladung zur Satire folgen, die wie die AfD-Bagage soviel von Humor verstehen wie die Kuh vom Ablativ – hab ich gerade gegoogelt. Und soweit kommt es dann auch noch: Dass sich noch mehr Schauspieler plötzlich auf den Weg der Satire machen, um mir die Auftritte streitig zu machen, die ich sowieso nicht mehr habe.

Max Uthoff ist Kabarettist und einer der beiden Gastgeber der ZDF-Sendung »Die Anstalt«

https://www.jungewelt.de/artikel/401726.intellektuelle-für-umverteilung-einige-schreien-grundsätzlich-mörder.html